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Interview

Knigge-Expertin aus Flein: „Umgangsformen sind der soziale Kitt“

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Sandalen und Kurzarmhemd sind für Carolin Lüdemann aus Flein im Berufsalltag tabu. Die Business-Trainerin ist überzeugt: Knigge erleichtert das Leben. 


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Wie verhalte ich mich in einem Bewerbungsgespräch? Was ziehe ich dazu an? Wie trete ich gegenüber Kunden auf?  Wer hat den Vortritt im Aufzug? Schickt es sich heutzutage noch, einer Frau in den Mantel zu helfen? Antworten darauf kann Carolin Lüdemann liefern.

Die Fleinerin ist Business-Coach, Trainerin und als Knigge-Expertin auch in Fernsehbeiträgen gefragt. „Umgangsformen sind der soziale Kitt“, sagt die 47-Jährige.

Frau Lüdemann, ich war ganz gespannt, welches Outfit Sie fürs Interview gewählt haben. Trotz der extremen Hitze heute, habe ich bewusst keine Sandalen angezogen. Die sind doch das größte No-Go im Berufsalltag genauso wie kurzärmelige Hemden bei Männern, oder?

Carolin Lüdemann (in dunkler Jeans, Bluse, Blazer und Ballerinas): Da kann ich nicht widersprechen. Es gibt einen super Satz: mehr Stoff, mehr Seriosität, mehr Autorität. In Berufen, in denen Hemd getragen werden sollte, sollte es ein Langarmhemd sein, allenfalls krempelt man es hoch. Dem misst man dann ein positives Signal bei. Das steht für Tatendrang. Der Satz ist natürlich auch von Frauen zu berücksichtigen. Die Frage, wie ich auf andere wirke, ist eine sehr entscheidende. Unser Gegenüber neigt sehr schnell dazu, eine erste Einschätzung vorzunehmen, und die basiert auf nonverbalen Signalen wie Körpersprache und Kleidung.

Zur Person

Carolin Lüdemann ist 47 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von neun und 13 Jahren. Sie ist gebürtig aus Stuttgart und war 17, als die Familien nach Flein zog. Lüdemann hat das Jura-Studium in Mannheim abgeschlossen, aber nicht als Juristin gearbeitet, „weil ich gemerkt habe, dass die Juristerei und ich nicht so gut zusammenpassen“. Schon während ihres Studiums hat sie für ein Tochterunternehmen von Südwestmetall Kurse und Seminare für Studenten im Bereich der Schlüsselqualifikationen angeboten. Lüdemann hat eine einjährige Ausbildung als Business-Coach absolviert und sich nach ein paar Jahren als Angestellte selbstständig gemacht. Sie gehörte dem Deutschen Knigge-Rat an, der Mitglieder zeitlich befristet beruft. 

Wer war Knigge? Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge lebte von 1752 bis 1796. Er war Schriftsteller und Aufklärer. Seine Schrift „Über den Umgang mit Menschen“ wird heute irrtümlich als Benimmratgeber interpretiert. Die mit seinem Namen fälschlicherweise assoziierte steife Etikette stehe darin nicht im Vordergrund, stellt die Deutsche Knigge-Gesellschaft klar. 

Knigge-Expertin aus Flein – Wie wird das zum Job?

Sie sind Knigge-Expertin: Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit einer Schrift zu Taktgefühl und Höflichkeit eines Freiherrn aus dem 18. Jahrhundert zu beschäftigen?

Lüdemann: Es geht eigentlich gar nicht um den Knigge von damals und seine Schrift „Über den Umgang mit Menschen“, sondern er ist der Inbegriff für gutes Benehmen. Knigge war für seine Zeit sehr fortschrittlich. Er hat dafür plädiert, keine Standesunterschiede zu machen. Ich habe in meinen Anfängen als Business-Coach gemerkt, dass es unheimlich viele Fragen gab, die gar nichts mit einem Vorstellungsgespräch zu tun hatten, sondern mit dem Rahmenprogramm: Was ziehe ich an? Darf ich was trinken?

Hat Sie da Ihr Elternhaus geprägt? Gab es strenge Verhaltensregeln?

Lüdemann: Streng würde ich nicht sagen. Aber ich bin schon damit aufgewachsen, dass man miteinander isst und ordentlich am Tisch sitzt. Wir hatten viele Einladungen bei uns zu Hause, bei denen ich mittendrin saß, und mich frühzeitig mit Gästen unterhalten musste.

"Wie ich auf andere wirke, ist eine entscheidende Frage", sagt Knigge-Expertin Carolin Lüdemann. Und was den Dresscode angeht, laute die Devise: mehr Stoff, mehr Seriosität, mehr Autorität.
"Wie ich auf andere wirke, ist eine entscheidende Frage", sagt Knigge-Expertin Carolin Lüdemann. Und was den Dresscode angeht, laute die Devise: mehr Stoff, mehr Seriosität, mehr Autorität.  Foto: Lina Bihr

So ist Carolin Lüdemann, Knigge-Expertin aus Flein, privat

,Man spricht nicht mit vollem Mund′; ,Ellbogen vom Tisch′; ,Nicht dazwischen quatschen′: Wie oft bekommen das Ihre beiden Kinder zu hören?

Ludemann: (lacht) Ich glaube, nicht mehr so oft. Irgendwann ist es automatisch abgespeichert. Es ist ganz wichtig, dass man Dinge in jungen Jahren als selbstverständlich mitnimmt. Sie sind dann authentisch, und man kann sich in jeder Gesellschaft gut bewegen. 

Gibt es privat eine lockere Carolin Lüdemann, die auch mal Fünfe gerade sein lässt?

Lüdemann: Das tue ich generell. Ich finde nicht, dass man sich immer an alle Regeln halten muss. Aber nur wenn man sie kennt, kann man fundierte Entscheidungen treffen. Wenn die Serviette vom Schoß fällt, würden wir sie im Restaurant liegen lassen, privat fände ich das gewagt. Die Leute wollen es immer richtig machen, so gut sie können. Wertschätzung und Freundlichkeit sind wichtiger als dem Richtigen die Tür aufzuhalten. Die Grundwerte überstrahlen alles.

Ist Anstand auf dem Rückmarsch? Knigge-Expertin ordnet ein

Ist denn Knigge heute überhaupt noch ein Begriff?

Lüdemann: Ich habe nicht das Gefühl, dass jemand damit nichts anfängt. Was auffällt ist, dass Knigge einseitig interpretiert wird auf Manieren am Tisch. Aber das Thema Umfangsformen ist viel mehr.

Teilen Sie den Eindruck, dass Anstand in unserer Gesellschaft auf dem Rückmarsch ist, eine Kultur der Empörung um sich greift, der Ton aggressiver geworden ist?

Lüdemann: Wir bewegen uns mehr hinein in eine selbstzentrierte Gesellschaft. Wenn jemand im Bus bequem die Füße auf dem Sitz abstellt, dann ist das für alle anderen nicht bequem. In erster Linie denkt man daran, wie man seine Wünsche berücksichtigt. Das endet aber da, wo andere in ,Mitleidenschaft´ gezogen werden.

Hat das mit der zunehmenden Anonymität zu tun oder mit den sozialen Medien?

Lüdemann: In der Anonymität schlägt einem nicht immer Freundlichkeit entgegen. Was mich wirklich erschreckt, dass sich Menschen herausnehmen, andere in Kommentaren zu beleidigen, was ein Akt der Selbsterhöhung ist.

Das sagt eine Knigge-Expertin aus Flein zu Respekt und Wertschätzung

Wie können Respekt und Wertschätzung wieder Teil des Miteinanders werden?

Lüdemann: In den vergangenen Jahren war das Thema Umgangsformen und Knigge in den Köpfen nicht so präsent. Das ändert sich gerade. Es wird auch in den Medien stärker nachgefragt. Es gibt ein grundsätzliches Interesse daran, wie  wollen wir miteinander umgehen und leben sowie an Hilfestellungen, wie man sich sicher in Gesellschaft bewegen kann. Umgangsformen sind der soziale Kitt.

Einer Ihrer Buchtitel lautet: Die Kunst zu wirken. Es geht also mehr um Schein als Sein?

Lüdemann: Nein. Dann würden wir eine Rolle spielen und nicht authentisch wirken. Das kann man auf Dauer nicht durchhalten. Es geht nicht nur darum, gut zu wirken, sondern darum, auch etwas zu bewirken. 

Wer sagt denn eigentlich, was sich heutzutage schickt?

Lüdemann: Wir alle. Die Gesellschaft legt fest, was die Mehrheit gut und richtig findet. Natürlich gibt es Dinge, die historisch gewachsen sind: Die Dame wird vor dem Herrn begrüßt. Dinge verändern sich auch und werden angepasst. 

In der Pandemie war Händeschütteln ein Tabu, man stieß kumpelhaft mit der Faust gegeneinander. Ist damit ein Begrüßungsritual verschwunden?

Lüdemann: Gott sei Dank nicht. In den meisten Situationen ist es wieder üblich geworden, sich die Hand zu reichen. In der Pandemie hat man keine wirklich gute Alternative gefunden, mit der wir uns wohl fühlen. 

Verhalten nach Knigge ist anstrengend? Das sagt eine Expertin

Macht Knigge das Leben nicht unnötig anstrengend?

Lüdemann: Das Gegenteil ist der Fall. Knigge soll das Leben erleichtern, weil es Dinge eindeutiger macht. Ich muss nicht vor dem Aufzug stehen und mich fragen, wie machen wir es, weil es dafür eine Empfehlung gibt. 

Sie werden von Firmen wie Porsche, der Kreissparkasse oder der Steigenberger Hotelgruppe gebucht: Was bringen Sie den Mitarbeitern bei?

Lüdemann: Souverän aufzutreten, besser zu wirken und dadurch mehr zu erreichen. 

Welche Frage wird immer gestellt?

Lüdemann: Die nach dem Small Talk. Dass es einem nicht leicht fällt, in ein Gespräch einzusteigen mit Menschen, die man nicht gut kennt.

Unaufmerksamkeit im Alltag ist für Knigge-Expertin ein Problem

Welches Verhalten lässt Sie sprachlos zurück?

Lüdemann: Die Unaufmerksamkeit im Alltag, die Freundlichkeit, die nicht erwidert wird. Man betritt einen Raum und grüßt und erntet nur Schweigen.

Ihnen ist doch sicherlich auch schon etwas Peinliches passiert? Wie haben Sie sich gerettet?

Lüdemann: Man muss sagen, dass es Perfektion nicht gibt. Jedem passiert ab und an ein Missgeschick. Wenn man dann sagt, dass ist peinlich, dann ist es allen peinlich. Wenn man mit Humor rangeht, kann man Sympathie ernten. Ich wurde zu einem Geschäftsessen in ein Sushi-Lokal eingeladen. Ich hatte ein Sushi zwischen den Stäbchen, wollte es gerade zum Mund führen, als mein Gegenüber mir eine Frage stellte. Ich überlegte noch, soll ich es jetzt essen oder zurücklegen. Dann fiel das Sushi aus einer gewissen Höhe in die Sojasoße, die nur zu meinem Gesprächspartner spritze. Das war eine so paradoxe Situation, ich musste so lachen und mein Gegenüber auch.

Das richtige Verhalten im Büro und im Alltag: Das sagt eine Knigge-Expertin

Wie sag´ ich es einem Kollegen, der das verschwitzte T-Shirt vom Vortag noch einmal trägt und unangenehm vor sich hinmüffelt?

Lüdemann: Fragen wir den Knigge, werden wir nicht glücklich. Der besagt, wenn andere sich daneben benehmen, nichts zu sagen, weil es diesem unangenehm ist. Wenn es um verschwitzte T-Shirts geht, fällt stärker ins Gewicht, dass auch ich mich wohlfühlen darf. Wichtig ist ein Vier-Augen-Gespräch, von Mann zu Mann oder von Frau zu Frau. Nicht ein Deo auf den Tisch stellen, das ist verletzend. Man kommuniziert in Ich-Botschaften, wie ich es empfinde. Die Du-Botschaft führt zu einer Verteidigungshaltung, zu Verärgerung und Rechtfertigung.

Der Frau in den Mantel helfen, ihr den Stuhl zurechtrücken, die Tür aufhalten: Stehen diese Benimmregeln nicht im Widerspruch zur Emanzipation? Das kann Frau doch alles selbst.

Lüdemann: Nein, überhaupt nicht, weil es eine Konstellation von vielen ist. Der Mann hält der Frau die Tür auf im privaten Kontext, die jüngere Frau der älteren, der Mitarbeiter der Führungskraft.  Ich denke nicht, dass das der Emanzipation widerspricht. Wir leiden im Alltag oftmals unter zu wenig Höflichkeit. 

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