Nicht jeder Patient brauche eine Stammzelltransplantation, so Uwe Martens. Eine Spende komme vor allem dann ins Spiel, wenn das Rückfallrisiko besonders hoch ist oder die Erkrankung trotz der Medikamente wiederkehrt. Wer spenden möchte, kann sich bei der DKMS registrieren lassen. Das funktioniert unkompliziert: Man bestellt online ein Registrierungsset, macht zu Hause einen Wangenabstrich mit einem Stäbchen und schickt die Probe zurück. Wird eine Übereinstimmung gefunden, können die Stammzellen in den meisten Fällen über eine Blutspende gewonnen werden.
Stammzellenspende gegen Leukämie: Genetischer Zwilling rettet Erlenbacher das Leben
Mehr als 8300 Menschen spendeten 2024 in Deutschland Stammzellen. Einer von ihnen rettete dem Erlenbacher Werner Merkle das Leben – und schenkte ihm damit eine zweite Chance.
Das Jahr 2024 war ein Rekordjahr. Nicht bei Steuereinnahmen oder Autoverkäufen, sondern in einem Bereich, der in der Öffentlichkeit selten hohe Wellen schlägt: 8349 Personen spendeten in Deutschland Stammzellen. Laut dem Zentralen Knochenmarkspenderregister ein Anstieg von knapp elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seinen genetischen Zwilling hat damals auch Werner Merkle gefunden. „Am 19. März ist mein zweiter Geburtstag“, sagt der Erlenbacher. Dass er vor wenigen Monaten noch schwer krank war und mehrere Chemotherapien hinter sich hat, sieht man ihm heute nicht mehr an.
Stammzellenspende: Erlenbacher wird bald seinen genetischen Zwilling kennenlernen
Wer sein genetischer Zwilling ist, wo er wohnt und wie alt er ist, weiß der 76-Jährige bisher noch nicht. Zwei Jahre dürfen sich die beiden nur schreiben. Der Schriftverkehr wird von Mitarbeitern des Spenderregisters kontrolliert. Diese Anonymitätsfrist ist in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben, um eine emotionale Überforderung und mögliche Abhängigkeiten zu verhindern.
Dass er an akuter lymphatischer Leukämie (ALL) leidet, stellt damals sein Hausarzt fest. „Die ALL ist immer ein Notfall“, sagt Professor Uwe Martens, Direktor der Klinik für Innere Medizin III, Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin im Klinikum am Gesundbrunnen. Am 13. Oktober 2023 wird Werner Merkle dort aufgenommen und wie jährlich 160 erwachsene Patienten im Zentrum für hämatologische Neoplasien behandelt. Die Leukozytenzahl in seinem Blut lag damals bei über 80.000 pro Mikroliter und war damit achtfach erhöht.
Eine Woche Chemotherapie, drei Wochen Pause: der Alltag vieler Leukämiepatienten
Der von seinen Ärzten vorgelegte Behandlungsplan bestand aus mehreren Blöcken Chemotherapie. Die einzige Alternative, sagt Merkle, wäre keine gewesen: „Ich hätte noch drei bis vier Monate gelebt.“
Fast ein halbes Jahr wurde der Erlenbacher im Krankenhaus behandelt. Auf eine Woche Chemo folgten jeweils drei Wochen Pause. Als dann auch noch eine weitere Mutante in seinem Blut festgestellt wurde, war klar, dass ihn nur eine Stammzellspende retten kann. Einige Krebszellen seien für die Medikamente schwer erreichbar gewesen, erklärt Merkle. „Ich habe mich damals gefragt, warum ich das haben muss. Reicht die Leukämie nicht aus?“ Noch heute ringt er mit Worten. Eine Antwort auf diese Fragen bekomme man aber nicht, sagt er. „Ich habe mich damit abgefunden.“

Immunsystem wird für die Transplantation der Stammzellen runtergefahren
Diese Haltung beeindruckte auch seine Ärzte. Der Heilbronner Onkologe Markus Lindauer habe ihm einmal gesagt, er wirke wie im Urlaub. Seine positive Einstellung habe viel zu seiner Genesung beigetragen, sagt Werner Merkle. Von Heilbronn wurde er Ende Februar 2024 ins Heidelberger Klinikum verlegt, um auf die Transplantation vorbereitet zu werden. Sein Immunsystem wurde in dieser Zeit komplett heruntergefahren, Besuch durfte er nur von seiner Frau empfangen. Der kleinste Keim kann in einer solchen Situation tödlich sein. Am 19. März erhielt er dann über mehrere Stunden die Stammzellen seines genetischen Zwillings. „Völlig unspektakulär“ sei der eigentliche Akt gewesen. „Aber auch sehr gefährlich.“
„Für mich hatten die Stammzellen die Farbe von Himbeersaft.“Werner Merkle
Mit den neuen Zellen zieht ein Risiko ein: Das Immunsystem kann sich gegen den Wirt wenden. Bei dieser sogenannten Graft-versus-Host-Erkrankung erkennen die Spenderzellen den fremden Körper als Feind und greifen Organe an. Bei Werner Merkle ging alles gut: „Für mich hatten die Stammzellen die Farbe von Himbeersaft.“
Erlenbacher: „Ich freue mich sehr darauf, den Spender kennenzulernen“
Um eine Abstoßung zu vermeiden, musste er anfangs über 40 Tabletten täglich schlucken – teils mit starken Nebenwirkungen. Auch der Kontakt zur Familie war eingeschränkt, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Seinen Enkeln konnte er nur vom Fenster aus zuwinken. Trotz seiner positiven Einstellung: „Ich war immer sehr realistisch und habe mir einen Platz auf dem Friedhof ausgesucht.“
Seit rund sechs Monaten gehe es ihm nun sehr gut. „Ich frage mich aber manchmal, ob ich noch der bin, der ich war“, sagt der 76-Jährige. Schließlich habe er eine fremde DNA bekommen. Wer dahinter steckt, erfährt er bald. „Ich freue mich sehr darauf, den Spender kennenzulernen.“
Kommentare öffnen
Stimme.de
Kommentare