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Klage am Sozialgericht
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Moritz (10) hat Epilepsie: Lauffener Familie kämpft um Begleitperson

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Der zehnjährige Moritz aus Lauffen lebt mit Epilepsie und einem seltenen Gendefekt. Er bräuchte rund um die Uhr eine Begleitperson, doch das Landratsamt hat einen Antrag abgelehnt. 


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Etwa zwei Jahre ist es her, als Kathrin Bernhardts Mann Peter ihren Sohn Moritz bewusstlos und blau angelaufen im Bett findet. Der Vater muss den damals Achtjährigen beatmen. Dutzende Aufenthalte in verschiedenen Krankenhäusern und Kliniken liegen heute hinter der Familie aus Lauffen. Die Diagnose: multiregionale Epilepsie.

Das bedeutet, dass Krampfanfälle immer in unterschiedlichen Teilen des Gehirns ausgelöst werden. Moritz ist zwar medikamentös eingestellt, aufgehört haben die Schübe dadurch aber nicht. „Trotz Medikamenten kommen die Anfälle immer wieder durch“, erklärt Kathrin Bernhardt. Der einzige Unterschied ist, dass Moritz sie nun bei vollem Bewusstsein erlebt. Und das mache ihm Angst, sagt seine Mutter.

Moritz (10) hat Epilepsie: Lauffener Familie kämpft um Begleitperson mit Klage am Sozialgericht

Das Kind braucht ununterbrochen eine Aufsichtsperson an seiner Seite, falls es erneut zu Krämpfen kommt – das will die Familie in seinem Behindertenausweis offiziell anerkennen lassen. Kathrin und Peter Bernhardt haben beim Landratsamt Heilbronn das Merkzeichen B beantragt, das es Moritz ermöglichen würde, überall kostenlos eine Begleitperson mitzubringen, egal ob in öffentlichen Transportmitteln, im Freizeitpark oder im Schwimmbad. Aber der Antrag sei abgelehnt worden. Für die Eltern ein großer Rückschlag – gegen den sie nun mithilfe einer Anwältin vorgehen. 

Diagnose Epilepsie: Moritz (10) aus Lauffen bekommt Assistenzhund

Der heute zehn Jahre alte Moritz hat in seinem kurzen Leben schon viel Kraft bewiesen. 2015 kommt er in der Heilbronner Kinderklinik mit der Pierre-Robin-Sequenz zur Welt, einer Fehlbildung im Mund. Die Zunge blockiert die Atemwege des Neugeborenen. „Er war lange auf der Intensivstation“, erinnert sich Kathrin Bernhardt. Mit sechs Monaten wird er sechs Stunden lang operiert. Später wird ihm ein Gendefekt nachgewiesen, von dem nur etwa 100 Menschen weltweit betroffen sind. Zudem besteht Verdacht auf Autismus und ADHS. „Bei Moritz ist es wie bei einem Puzzle“, sagt seine Mutter. „Meine Sorge ist immer: Was kommt da noch?“

Bei der 39-Jährigen haben sich die Momente, in denen sie ihren Sohn leblos daliegen sieht, für immer ins Gedächtnis eingebrannt. „Die ständige Angst hat mich ganz viel Kraft gekostet.“ Hilfe für die kleine Familie kam auf vier Pfoten: Seit einigen Monaten lebt der Flat-Coated-Retriever namens Boomer bei ihnen. Als Assistenzhund in Ausbildung lernt er, Hilfe zu holen, wenn Moritz einen Anfall hat. „Er beobachtet ihn die ganze Zeit“, sagt Bernhardt. Auch seelisch ist Boomer eine große Stütze. „Seit der Hund da ist, hat Moritz weniger Angst“, so Katrin Bernhardt. „Er schläft auch nachts bei ihm.“ Das Tier könne ihrem Kind eine Sicherheit bieten, die seine Eltern ihm nicht hätten geben können. 

Kathrin Bernhardt und Boomer, der gerade zum Assistenzhunde ausgebildet wird. Er soll Sohn Moritz zur Seite stehen, der Epilepsie und einen Gendefekt hat.
Kathrin Bernhardt und Boomer, der gerade zum Assistenzhunde ausgebildet wird. Er soll Sohn Moritz zur Seite stehen, der Epilepsie und einen Gendefekt hat.  Foto: Heil, Theresa

Bis zu 50.000 Euro koste die Ausbildung zum Assistenzhund. Dass die Familie sich das leisten kann, ist einem Spendenaufruf und einem Benefizspiel der HEC Eisbären zu verdanken. Förderungen hätte es zwar grundsätzlich gegeben, aber der Weg dorthin sei kompliziert. „Ich habe Belege gesammelt und mich an verschiedene Stellen gewendet“, erzählt Kathrin Bernhardt. Schlussendlich resignierte sie. „Die Bürokratie macht es uns Eltern so schwer. Ich war mit den Nerven am Ende.“

Behindertenausweis: Lauffener Familie klagt beim Sozialgereicht Heilbronn

Aber beim Thema Behindertenausweis will sie nicht nachgeben. Durch Boomer ändere sich der Betreuungsbedarf von Moritz nicht. Gesetzlich dürfe er erst ab 14 Jahren allein mit dem Assistenzhund das Haus verlassen, sagt Bernhardt. Bislang hat Moritz den Buchstaben H, der seine Hilfsbedürftigkeit anzeigt. Neben dem B wurde Familie Bernhardt auch das G verwehrt, das für eine Gehbehinderung steht und ihnen erlaubt hätte, auf einem Behindertenparkplatz zu parken.

Moritz hat bei der Gaffenberg-Freizeit einen Onkel für sich, weil er erhöhten Betreuungsbedarf hat.
Foto: privat
Moritz hat bei der Gaffenberg-Freizeit einen Onkel für sich, weil er erhöhten Betreuungsbedarf hat. Foto: privat  Foto: privat

Nachdem auch ihr Widerspruch gegen die Ablehnung abgewiesen wurde, geht die Familie nun den nächsten Schritt. „Wir haben uns eine Anwältin geholt“, erklärt Kathrin Bernhardt. Diese sei auf solche Fälle spezialisiert. Mit ihrer Hilfe hat das Ehepaar Klage beim Sozialgericht in Heilbronn eingereicht.

Ein Sprecher des Landratsamts erklärt auf Anfrage unserer Redaktion, aus Datenschutzgründen keine Angaben zu konkreten Fällen machen zu dürfen. Angelegenheiten dieser Art würden durch externe Gutachter geprüft.

Gaffenberg-Kinderfreizeit mit eigenem Onkel

Die Sommerferien verbringt Moritz Bernhardt zum Teil auf der Gaffenberg-Freizeit in Heilbronn. Wegen seines erhöhten Betreuungsbedarfs wird ihm hier ein eigener Onkel zur Verfügung gestellt.Nach Ende der Ferien kommt Moritz in die vierte Klasse an der Erich-Kästner-Schule in Lauffen. Dort wird der Förderschwerpunkt Lernen angeboten. Moritz ist durch die Komplikationen nach der Geburt entwicklungsverzögert und hat eine Sprachbehinderung. Mit Kindern seines Alters kommt er gut zurecht, sagt seine Mutter Kathrin Bernhardt. Sie beschreibt ihren Sohn als einfühlsamen Jungen, der viel lacht. 

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