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Eisbaden im Breitenauer See: Gruppe „Bizzbathing“ trifft sich jeden Sonntag

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Jeden Sonntag von November bis Ostern trifft sich die Gruppe „Bizzbathing“ am Breitenauer See zum Eisbaden. Dabei stehen Gemeinschaft und Kältetraining im Mittelpunkt. Ein Selbstversuch.


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Am Anfang ist da nicht viel. Doch dann, urplötzlich, signalisiert das Gehirn: Eiseskälte. Dann beginnt es zu piksen auf der Haut, wie tausend kleine Nadelstiche. „Das ist normal“, beruhigt Andreas Arz, der zusammen mit einer Gruppe anderer erprobter Eisbader bis zu den Schultern im Wasser steht. Die meisten tragen Bommel- oder Fellmützen auf dem Kopf sowie Handschuhe.

Auf dem See treibt eine Thermometer-Badeente, die anzeigt: Das Wasser hat zwei Grad. An Land herrschen Minustemperaturen. Der Gedanke, bei dieser Witterung im Breitenauer See baden zu gehen, erscheint abwegig. Eine Gruppe Menschen überwindet sich trotzdem dazu. Warum tun sie sich das an? 

Eisbaden im Breitenauer See: Im Frühjahr gibt es Kältebaden in der Jagst

Jeden Sonntag, von Anfang November bis kurz vor Ostern, treffen sich die Teilnehmer von „Bizzbathing“ zum Eisbaden am Breitenauer See, und das seit drei Jahren. Seit vergangenem Jahr treffen sie sich darüber hinaus auch zum Kaltbaden in der Jagst, wenn das Wasser über fünf Grad hat. Aber Eisbaden ist noch mal eine Spur herausfordernder. 


Eisbaden hat Andreas Arz als Teil der Heilbronner „Bizzlatics“-Sportgruppe ins Leben gerufen. Die Sportgruppe wird von Tobias Kröger das ganze Jahr über im Freien – unter anderem im Wertwiesenpark – angeboten. Arz stieß dazu, als er eine Alternative zum Fitnessstudio suchte. Nachdem er Kröger zum Kältetraining an den Bodensee begleitet hat, wollte er das Eisbaden weiter praktizieren. Zunächst unter der Dusche, „aber da gehen auch nur zehn Grad“. Im Breitenauer See habe es dann „gut geklappt“. Seit Arz „Bizzbathing“ als Unterabteilung von „Bizzlatics“ ins Leben gerufen hat, wächst die Gruppe weiter, sei es durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder weil Interessierte im Vorbeigehen aufmerksam werden. 

Eisbaden in zugefrorenem Breitenauer See: Mutige suchen Einstieg

Weil der Uferrand des Breitenauer Sees größtenteils zugefroren ist, dauert die Suche nach dem Einstieg an diesem Sonntag im Januar etwas länger. Zwar ist eine zungenförmige Stelle im Wasser nahe dem Kiosk schon weitgehend von der Eisdecke befreit worden, dort ist aber schon eine andere Gruppe Eisbadender zugange. Man kennt sich und grüßt einander, dann ziehen die „Bizzbathing“-Leute weiter.

Die ersten Teilnehmenden werden unruhig, sie wollen ins Wasser. „Meiner Erfahrung nach ist es besser, wenn einem schon kalt ist“, sagt eine junge Frau, die es nach eigenen Angaben bis zu sieben Minuten im kalten Wasser aushält. Dabei geht man hüfttief ins Wasser und dann in die Hocke. „Wir betreiben Eisbaden, nicht Eisschwimmen“, betont Andreas Arz.

Kältetraining: Das passiert beim Eisbaden mit dem Körper

Und warum? Allem voran, weil es gesundheitliche Vorteile bringen soll, sagt Arz: Durch die Kälte schaltet der Körper in eine Art Notlauf und erhöht den Stoffwechsel. Die Blutgefäße verengen sich zunächst und weiten sich danach wieder, das kann die Durchblutung fördern. Die aktuelle Studienlage deutet darauf hin, dass regelmäßige Kältereize die Immunabwehr leicht stärken können. Außerdem aktiviert Eisbaden das Nervensystem und kann Endorphine freisetzen – ein Grund, warum kaltes Duschen wach macht, sagt Arz.

„Jeder muss wissen, wie weit er beim Eisbaden geht“, sagt er. Wer allerdings erkältet ist, Herzprobleme, Bluthochdruck oder andere Vorerkrankungen hat, sollte sich nicht ins kalte Wasser wagen oder es zumindest ärztlich abklären.

Eisbaden im Breitenauer See: Die Gruppe von „Bizzbathing“ ist bunt gemischt

An diesem Morgen sind um die 24 Personen beim Eisbaden dabei, eine bunt gemischte Truppe, die meisten kommen aus der Region Heilbronn. Anfänger sind bei „Bizzbathing“ gerne willkommen und werden herzlich aufgenommen. Schließlich steht die Gemeinschaft im Mittelpunkt. Die Gruppe frühstückt gerne im Anschluss zusammen, für viele ist das sonntägliche Treffen ein fester Termin im Kalender. 

Doch ganz gleich, wie oft man zum Eisbaden geht – so richtig gewöhnt man sich nicht daran. „Es ist immer wieder eine Überwindung“, findet Gerhard Richter, der sich selbst nicht als kälteempfindlich beschreibt. Eisbaden sei für ihn trotzdem ein Prüfstein, ein Über-sich-hinaus-Wachsen, bei dem er seine Komfortzone verlässt. Nicht selten ernten die Eisbader für ihren Mut Anerkennung. „Wenn ich danach herumstehe, halbnackt bei Kälte, und mit Vorbeilaufenden ins Gespräch komme, fragen sie oft: Wie macht ihr das, ihr friert ja gar nicht“, erzählt Arz lachend.

Nach dem Eisbaden im Breitenauer See wird ein Gruppenfoto gemacht 

Bevor es für die Teilnehmer ins Wasser geht, stellt sich die Gruppe im Kreis am Ufer auf. Neben Kopfbedeckung, Hand- und Neoprenschuhen sowie warmer Kleidung und wahlweise einem heißen Getränk zum Aufwärmen unterstützen Atemtechniken, den Fokus im Eiswasser zu behalten und sich auf die Belastung einzustellen. Tatsächlich – das gleichmäßige, tiefe Ein- und Ausatmen hilft.

Dann lässt das Prickeln auf der Haut nach, der Körper scheint im Wasser wie taub. Glitzernde Eisschollen, dünn wie Papier, treiben umher. Andreas Arz warnt: Vorsicht, Verletzungsgefahr. Er habe sich schon einmal an den scharfkantigen Schollen geschnitten.

Nach wenigen Minuten steigen die meisten wieder aus dem See, glücklich und aufgeputscht. Zum Abschluss wird ein Gruppenfoto gemacht, noch immer in Badebekleidung. An der stark geröteten Haut lässt sich gut erkennen, wer es wie weit ins Wasser geschafft hat. Wer weiß – vielleicht reichen die roten Stellen beim nächsten Eisbaden nicht mehr nur bis zur Hüfte, sondern bis zum Hals. 

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