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Lokale Agenda 21

Von A wie „abgfazt“ bis Z wie „Zwether“: Leingartener sammeln lokalen Dialekt

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Werner Eckstein und Heinz Ortwein erklären, was ihnen der lokale Dialekt bedeutet und warum sie die Begriffe sammeln. Seit 2023 arbeitet die Lokale Agenda 21 Leingarten mit Hilfe der Bevölkerung an einer Liste.

Heinz Ortwein (links) und Werner Eckstein interessieren sich für Leingartens Geschichte. Auf Ecksteins Vorschlag hin begann unter anderem Ortwein mit der Suche nach alten Ausdrücken aus dem Leingartener Dialekt.
Heinz Ortwein (links) und Werner Eckstein interessieren sich für Leingartens Geschichte. Auf Ecksteins Vorschlag hin begann unter anderem Ortwein mit der Suche nach alten Ausdrücken aus dem Leingartener Dialekt.  Foto: Klara Landes

Dass der „Ranzae“ der dicke Bauch und „schebbs“ schief bedeutet, das ist vermutlich noch recht bekannt. Aber, dass ein „Krautscheisser“ ein weißer Schmetterling ist und „Milch Bisch“ der Löwenzahn, dass wissen vermutlich schon weniger Menschen. Diese Ausdrücke und zahlreiche weitere haben Mitglieder der Lokalen Agenda 21 Leingarten gesammelt und unter „Hiesiger Dialekt“ auf ihrer Internetseite hier-in-leingarten.de aufgelistet.

Lokaler Dialekt in Leingarten: Geschichtsinteressierte sammeln unter Mithilfe der Bevölkerung

Die Lokale Agenda sei ein „Zusammenschluss von Interessenten, die an der Geschichte unserer Stadt interessiert sind“, erklärt Werner Eckstein (76). Angefangen habe es, als Leute gesucht wurden, um die Grenzsteine zu erfassen, sagt der 88-jährige Heinz Ortwein. Dann habe es erste Ortsführungen gegeben und mit der Zeit sei es immer mehr geworden. 2023 gab es den Startschuss für die Liste: „Da hat der Werner gesagt, wir könnten was zum Dialekt machen“, erzählt der 88-Jährige. Damals begann die Suche nach den Begriffen des Leingartener Dialekts. Dieser sei eine Unterart des Schwäbischen. „Unter Mithilfe der Bevölkerung“, betont Eckstein, seien die Ausdrücke gesammelt worden. Laufend werde das Register ergänzt.

Werner Eckstein und Heinz Ortwein beschäftigen sich mit lokalem Dialekt in Leingarten

Gemeinsam sitzen die beiden an Ortweins Esstisch. „Ureinwohner sind wir beide“, erklärt Eckstein. Sie beide sind in Leingarten aufgewachsen. Ortwein hat stets hier gelebt, arbeitet als Schlossermeister und war der letzte Kunstschmied in Großgartach, wie er erklärt. Eckstein zog es nur für sein Studium fort, anschließend kam er in seine Heimat zurück. Als Arzt arbeitete er hier 37 Jahre. 

„Das fällt Ihnen abends ein, das fällt Ihnen nachts ein“, erklärt Ortwein, ein Großteil der gesammelten Ausdrücke komme von ihm. „Das sind jetzt sieben Din-A4-Seiten“, sagt er mit Blick auf die lange Liste. Ein Ausdruck, den sie gerne haben oder der zumindest oft Verwendung findet, ist „dätsch mr net“. Da sind sich die beiden Leingartener einig. Das werde verwendet, wenn man etwa eine Aufgabe für jemanden habe, erklärt der 76-Jährige.

Auch eine Eigenart seien die Steigerungsformen, erklärt Eckstein. „Bei uns im Schwäbischen gibt es an Stelle von drei sogar vier Steigerungsformen.“ Das seien beispielsweise groß, größer, am größten und und groß wie d´ Sau. Es habe sich einmal ein Patient gemeldet. Er habe „Ranzaespanne wie d´ Sau“. Schlussendlich sei es akuter Brechdurchfall gewesen, löst Eckstein seine Geschichte auf und schmunzelt.

„Das ist Teil der Identität“, Ortwein und Eckstein verbinden Dialekt mit Heimat

Doch warum das Sammeln der Dialektbegriffe? „Das ist Teil der Identität“, erklärt der 76-Jährige. Man erkenne am Dialekt, ob jemand aus Stuttgart oder etwa dem Zabergäu komme. „Ich war in Amerika, da sind wir am Flughafen gestanden“, erzählt Ortwein. Da habe hinter ihm einer gesagt „du bisch aus Großgartach“. Woher er das wisse, fragte der 88-Jährige. Er selbst sei aus Böckingen, erklärte der Mann am Flughafen.

Es gehe ihnen beim Sammeln darum, die Begriffe zu reaktivieren, „weil diese Worte sonst in Vergessenheit geraten“, sagt Eckstein. Die Jugend spreche heute größtenteils Hochdeutsch, erklärt Ortwein. Seiner Enkelin habe er erst einmal erklären müssen, was eine „Kutterschaufel“ sei, ergänzt Eckstein. Und wenn sich die Universitäten nicht um die Pflege der Dialekte kümmern, vermutet er, verschwinden die Ausdrücke.

Ob die Liste noch eine weitere Verwendung findet, dazu gibt es noch keine Pläne. Sofern das Stadtarchiv Interesse habe, könnte sie vielleicht auch dort landen, sagt Ortwein. Der 88-Jährige und Eckstein selbst versuchen derweil ihren Enkeln den Dialekt beizubringen, damit sich zumindest ein Teil der Ausdrücke weiter im Wortschatz Leingartens hält.

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