Stimme+
Lindenhof
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Zehn Jahre Demenz-WG in Lauffen: Mehr Sichtbarkeit für alternative Wohnformen

   | 
Lesezeit  2 Min
audio Anhören
Erfolgreich kopiert!

Die Demenz-WG des Vereins Lindenhof feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum. Obwohl die Zahl solcher Einrichtungen wächst, fehlt die breite Sichtbarkeit, bemängeln die Initiatoren Tania Bayer und Ulrich Kammerer. Sorge macht auch das neue Pflegegesetz. 

Ulrich Kammerer und Tania Bayer stecken hinter der Demenz-WG in der Lauffener Lindenstraße (im Hintergrund).
Ulrich Kammerer und Tania Bayer stecken hinter der Demenz-WG in der Lauffener Lindenstraße (im Hintergrund).  Foto: Heil, Theresa

Die Bewohner in der Lauffener Lindenstraße haben es gemütlich. Bunte Möbel stehen herum, persönliche Fotos hängen an den Wänden. Eine Gruppe sitzt am Tisch und spielt gemeinsam. Helle Fenster geben den Blick auf den Garten frei, bald sollen dort Hühner herumlaufen.

„Im Grunde ist es wie eine Studenten-WG“, sagt Tania Bayer, Initiatorin des Wohnprojekts. Nur leben in dem Haus mit Altbaufassade keine Mittzwanziger, sondern Senioren: Die Lindenhof-WG ist ein selbstverantwortetes Zuhause für Menschen mit Demenz. Von acht Plätzen sind aktuell sieben belegt. In diesem Jahr feiert die Einrichtung ihr zehnjähriges Bestehen.

Demenz-WG in Lauffen besteht seit zehn Jahren – speziell angepasstes Konzept

Hinter dem Projekt steht der gemeinnützige Verein Lindenhof. Unter Vorstand Ulrich Kammerer setzt er sich für alternative Wohnformen ein, besonders für Menschen im Alter oder mit Behinderung. „Demenzerkrankte gehen in normalen Pflegeheimen oft unter“, erklärt Tania Bayer. Das liege daran, dass dort größere Gruppen leben und nicht so gut auf die speziellen Bedürfnisse eingegangen werden könne.

Gerade Demente, die noch mobil sind, würden häufig von Heimen abgelehnt, weil die Möglichkeiten zur Überwachung fehlten. Auch Angehörige kommen in der Betreuung von erkrankten Familienmitgliedern oft an eine mentale Grenze.

Hier setzen alternative Wohnformen wie die Lindenhof-WG an. Alle Schweregrade der Krankheit sind hier vertreten. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer und wird in alltägliche Aktivitäten wie Kochen eingebunden, erzählt Bayer. Mitarbeiter der Diakonie übernehmen die Rund-um-die-Uhr-Betreuung inklusive Nachtdienst. Angehörige kaufen ein und sind für die Organisation zuständig. Dadurch seien sie entlastet, hätten aber dennoch die Möglichkeit zur Mitgestaltung.  

Auch der offene Grundriss ist auf das Miteinander ausgerichtet. Das Herzstück bildet die Küche mit dem großen Esstisch. Es ist eine private Wohnung, kein Pflegeheim, betont Ulrich Kammerer. Das Konzept ist als dauerhaftes Zuhause gedacht, nicht als temporäre Unterbringung. „Hier zieht man nur aus, wenn man es freiwillig will oder mit den Füßen voraus“, sagt Ulrich Kammerer.

Neues Pflegegesetz macht Lindenhof-Verantwortlichen Sorgen

Rund ein Drittel der Kosten für einen Platz in der Demenz-WG deckt die Pflegeversicherung ab, die restlichen zwei Drittel tragen Angehörige, schätzt der Vereinsvorsitzende. Insgesamt seien sie genauso teuer wie ein herkömmliches Pflegeheim, meint er, allgemeine Ausgaben wie Personalkosten verteilen sich aber auf weniger Köpfe, da nur begrenzt Plätze da sind.

Mit Sorge blickt Tania Bayer aktuell auf die Landespolitik. Anfang Februar hat der Landtag in Stuttgart das umstrittene neue Gesetz zur Teilhabe- und Pflegequalität (TPQG) beschlossen. Von mehreren Stellen und Verbänden wurde unter anderem kritisiert, dass in dem Regelwerk Heimbeiräte nicht mehr verpflichtend sind und ambulant betreute Wohnformen weniger reguliert werden. Zudem sind seltenere Kontrollen in Pflegeheimen vorgesehen. Bei einer landesweiten Unterschriftenaktion kamen mehr als 3000 Gegenstimmen zusammen.

Nachfrage nach alternativen Wohnformen steigt

Obwohl herkömmliche Senioren- und Pflegeheime noch dominieren, ist in den vergangenen Jahren die Zahl selbstverantworteter Einrichtungen wie der Lindenhof-WG in Baden-Württemberg gewachsen. Das geht aus Daten der Fachstelle für ambulant betreute Wohnformen (Fawo) in Stuttgart hervor.Im Jahr 2018 gab es 19 selbstverantwortete Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderung, 2025 waren es 38. Die Zahl der WGs für Menschen mit Versorgungs- und Unterstützungsbedarf ist von 68 auf 106 angestiegen. Demenz-WGs gab es 2025 insgesamt 33.

Trifft der Bürokratieabbau die Falschen? Bedenken in Lauffener Demenz-WG

Obwohl Bayer und Kammerer die ursprüngliche Idee des Gesetztes – den Bürokratieabbau – begrüßen, bleiben die Bedenken, dass dadurch Schutz- und Beteiligungsrechte eingeschränkt und alternative Wohnformen vernachlässigt werden. „Meine Befürchtung ist, dass die WGs in ihrer Sichtbarkeit verschwinden“, kritisiert Tania Bayer. Sie bemängelt den fehlenden Rückhalt für Einrichtungen wie die Lindenhof-WG, die in der Öffentlichkeit immer noch wenig wahrgenommen werden.

Beide vermuten, dass es zu wenig ihrer Art gibt, um für politische Lösungen relevant zu sein. In anderen Bundesländern wie Hamburg sei das Konzept weiter verbreitet und biete gesetzliche Rahmen. 

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben