Chronisch Kranke über Teilzeitdebatte: „Fühle mich total angegriffen“
Für seine Aussagen über Teilzeit und Krankentage hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) viel Kritik geerntet. Eine chronisch Kranke aus Bad Friedrichshall berichtet von ihrer Geschichte – und warum die Debatte sie wütend macht.
Nadine Stahl hat eine warme Ausstrahlung und ein freundliches Lächeln. Spricht sie allerdings über das, was sie in den vergangenen Jahren erlebt hat, dann schimmern ihre Augen feucht. „Dauerschmerz macht was mit einem“, sagt sie.
Die Frau aus Bad Friedrichshall (Landkreis Heilbronn) ist 46 Jahre alt und lebt seit 30 Jahren mit einer Schulterverletzung, die unheilbar ist. Der Schmerz strahlt in den gesamten linken Arm aus, nur zwei Finger kann sie noch bewegen, „und selbst mit denen habe ich zu kämpfen“. Nadine Stahl ist an CRPS Grad II erkrankt – kurz für komplexes, regionales Schmerzsyndrom. Der Weg zur Diagnose war lang, der Kampf um Sichtbarkeit und Anerkennung dauert bis heute.
Chronisch Kranke aus Bad Friedrichshall erzählt Geschichte
Manchmal möchte man gerne die Zeit zurückdrehen. Nadine Stahls Geschichte nimmt ihren Anfang im Jahr 1993, als sie nach dem Streich eines Mitschülers schwer stürzt. Nach mehreren Operationen ist die Schulter zunächst weiter belastbar. Ihr wird eine Erwerbsminderung von 20 Prozent zugeschrieben.
Im Jahr 2016 will sie in der Tasche nach ihrem Geldbeutel greifen, „da macht es Klack“, schildert sie den Moment. „Ich habe gleich dieses Kribbeln in den Fingern gespürt.“ Mehrmals täglich treten sogenannte Subluxationen auf, bei denen sich das Gelenk verrenkt und Knochen verschoben werden. Entzündungen und Schwellungen sorgen dafür, dass die Schmerzen immer stärker werden. In den Folgejahren besucht sie verschiedene Kliniken und Ärzte, bis die Diagnose CRPS gestellt wird. Für ein künstliches Gelenk sei zu wenig Gewebe übrig, sie gilt als austherapiert, erzählt sie.

Heute nimmt sie verschiedene Medikamente, doch die Schmerzen sind Teil ihres Alltags. „Ich habe immer Schmerzen, auch wenn ich hier sitze“, berichtet sie. Zu Hause kommt sie allein immer schlechter zurecht. So trage sie nur noch Hosen mit Gummizug, weil sie Knöpfe nicht mehr von allein zubekommt. Hilfe erhält sie bei Bedarf vom Pflegedienst und ihrem Mann, mit dem sie seit 30 Jahren zusammen ist. „Es ist komisch, ein Stück Selbstständigkeit wegzugeben“, findet sie.
Kritik an Bundeskanzler Friedrich Merz: „Fühle mich total angegriffen“
Es ist Nadine Stahl wichtig zu betonen, wie gerne sie arbeitet. Als Seminarleitung betreut sie in Teilzeit Menschen mit Reha-Status. Die von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) angestoßene Debatte über Teilzeit und Krankheitstage schmerzt sie. „Da fühle ich mich total angegriffen“, sagt sie. Merz sei Teil einer christlich-demokratischen Partei, seine Aussagen würden zu diesem Selbstverständnis nicht passen. Zwar würden chronisch Kranke von der Diskussion ausgenommen – „aber wo zieht man die Grenze?“ Gerade ihr Fall zeige, wie schwierig eine klare Einordnung sei.
Mittlerweile hat Nadine Stahl Pflegegrad II, eine Erwerbsminderung (MdE) von 40 Prozent sowie einen Grad der Behinderung (GdB) von 40 Prozent. Nicht genug für einen Schwerbehindertenausweis, den Stahl dringend haben will. „Es geht mir darum, meinen Arbeitsplatz zu sichern“, erklärt sie, „es geht um meine Existenz.“ Mit einem solchen Ausweis wäre sie fast unkündbar.
Das Heilbronner Sozial- und Versorgungsamt des Landratsamts verwehrt ihr jedoch die dafür nötige Anerkennung von Behinderungsgrad 50. Ihr Widerspruch wurde abgelehnt. Mittlerweile habe sie sich anwaltliche Hilfe geholt und will sich mit einer Klage beim Sozialgericht gegen den abgelehnten Widerspruch wehren.
Kranke aus Raum Heilbronn kämpft für Anerkennung
Der Kampf um Sichtbarkeit und Anerkennung belastet Nadine Stahl nach eigener Aussage auch psychisch. Von den zuständigen Behörden fühle sie sich im Stich gelassen. Ihr sei gesagt worden, sie würde sich zu gut präsentieren. „Man wird ein bisschen als Lügnerin dargestellt“, kritisiert Stahl. Sie fordert weniger starre Regeln, „sondern dass auch der Mensch dahinter gesehen wird“.
Trotz allem beschreibt sich Nadine Stahl als optimistischen Menschen, der das Glas immer als halb voll betrachtet. Im Alltag erfreut sie sich an den kleinen Momenten, zum Beispiel lange Spaziergänge mit ihrem Hund Happy Sunday. Stahl: „Ich entscheide mich für die positive Seite.“
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Kommentare
Regina Schacke am 01.03.2026 10:03 Uhr
Gerade chronisch Kranke profitieren von Teilzeit. Es tut ihnen gut, da sie damit soziale Kontakte haben.
Vollzeit geht nicht mehr. Würde Teilzeit entfallen wäre nur Frührente möglich und da die alleine nicht reicht …
Viele würden gerne arbeiten, können es nicht.