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Stadtentwicklung

Bretten sagt Gartenschau 2031 ab: Kosten und Grundstücke bremsen Pläne

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Kosten gestiegen, Grundstücke nicht zu haben: Deshalb verabschiedet sich der Gemeinderat Bretten von der Großveranstaltung in wenigen Jahren. Was die Landesregierung dazu sagt.

Ein kleiner Strand in der Stadt: So hätte ein Teil der Gartenschau aussehen können, die Bretten ausrichten wollte. Visualisierung: Stadt Bretten
Ein kleiner Strand in der Stadt: So hätte ein Teil der Gartenschau aussehen können, die Bretten ausrichten wollte. Visualisierung: Stadt Bretten  Foto: Bretten

Der Gemeinderat Bretten zieht die Reißleine und sagt die Gartenschau 2031 ab. Zusammen mit den Bürgern will das Gremium Teile des Konzepts umsetzen, aber nicht zwingend bis in sechs Jahren und nicht unter der Überschrift Gartenschau.

„Wir können es uns nicht mehr leisten“, sagt Stadtrat Thomas Rebel (Freie Wähler Vereinigung Bretten),  der fraktionsübergreifend für den Gemeinderat mit stimme.de spricht. „Die Rahmenbedingungen haben sich verschlechtert.“

Aus der Gartenschau in Bretten: So entwickeln sich die Kosten

Thomas Rebel gehörte einst zu den Befürwortern des Projekts, die Wende sei für ihn und viele im Gemeinderat bei einer Klausur im Dezember gekommen. Da habe es erstmals belastbare Zahlen gegeben. Plan A hätte 48 Millionen Euro gekostet, Plan B 33 Millionen. Bei der Bewerbung hatte die Stadt 21 Millionen Euro veranschlagt. Die Pläne auf den Weg gebracht hat der Gemeinderat Bretten vor einigen Jahren mit dem damaligen Oberbürgermeister Martin Wolff. Mittlerweile ist Nico Morast der Rathauschef, er wechselte aus Massenbachhausen in den Kraichgau.

Die Stadt Bretten ist dem Vernehmen nach auch nicht an wichtige Grundstücke gekommen. Für die Gartenschau hätte ein Baustoffhandel verlegt werden müssen, die Besitzer der benötigten Flächen hätten aber keine Bereitschaft zum Verkauf gezeigt, so Thomas Rebel. „Wir hatten das Heft des Handelns nicht mehr in der Hand“, sagt der Stadtrat.

Gartenschau in Bretten wäre ein Flickenteppich geworden

Mit dem Wegfall des Areals ist für Thomas Rebel das Konzept in eine Schieflage geraten, die Gartenschau habe das Herzstück verloren. „Was blieb, ist ein Flickenteppich: Einzelmaßnahmen ohne verbindende Idee, ohne räumliche und gestalterische Mitte. Und das bei stetig steigenden Kosten und begrenzten finanziellen Spielräumen“, so Thomas Rebel in der gemeinsamen Stellungnahme im Gemeinderat.

Die Absage sei den Stadträten nicht leicht gefallen, betont Thomas Rebel. „Es ist eine Entscheidung der finanziellen Vernunft.“ Die Stadt will nun mit den Brettenern zusammen Teile der Gartenschau entstehen lassen. „Das Konzept ist gut“, sagt Thomas Rebel. „Wir wollen die Stadt trotzdem weiterentwickeln.“

Das sagen Landesbehörden zur Absage der Gartenschau in Bretten

BW Grün, die Förderungsgesellschaft für die Baden-Württembergischen Landesgartenschauen, teilt auf Nachfrage unserer Redaktion mit, die Absage Brettens sei eine „bedauerliche Entscheidung in einer schwierigen Haushaltslage“. Sie verdiene „grundsätzlich Respekt“, so BW-Grün-Geschäftsführer Robert Hoffner, sei sie doch „Ausdruck eines verantwortungsvollen Umgangs mit schwierigen Haushaltsverhältnissen“. Zugleich zeige Brettens Absage an die Gartenschau, „wie herausfordernd strategische Stadtentwicklung unter finanziellen und politischen Unsicherheiten geworden ist“.

Auch Sebastian Schreiber, ein Sprecher des Ministeriums für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, drückte sein Bedauern aus, machte aber klar: „Am Ende liegt es immer in der Entscheidung der ausführenden Kommune, die letztlich auch die Verantwortung für das Gesamtprojekt trägt.“

Bretten im Jahr 2020: Der damalige OB spricht von großartiger Chance

Im Februar 2020 war Brettens Oberbürgermeister Martin Wolff euphorisch gewesen. „Eine Gartenschau bietet die großartige Chance, Bretten zu einem Mittelzentrum mit modernem, urbanem Leben und attraktiven, nachhaltigen und klimagerechten Flächen und Anlagen weiterzuentwickeln.“ Bei der Präsentation des Konzepts sprach er davon, dass aus der „Raupe, mit städtebaulichen Defiziten“, ein „schöner Schmetterling“ werden könne. Das Gesamtkonzept hatte Bretten damals mit 21 Millionen Euro veranschlagt.

Gartenschau Eppingen: So sah das Defizit aus

Eppingen richtete 2022 eine Gartenschau aus. Die reine Durchführung kostete 8,8 Millionen Euro, 2,1 Millionen Euro mehr als geplant. Eingenommen wurden 4,5 Millionen Euro, was 1,5 Millionen Euro über den Plänen lag. Hinzu kommen Investitionen in dauerhafte Anlagen: Die Stadt hat 14,3 Millionen Euro ausgegeben, an Förderung gab es 7,5 Millionen Euro.

Laga Öhringen: Nicht nur der Limes blühte auf

Die Landesgartenschau Öhringen 2016 ist noch in guter Erinnerung: Stadt und Park wurden aufgehübscht. 28 Millionen Euro haben die Daueranlagen gekostet. Die Hälfte davon waren Fördergelder. Die Durchführung der Schau war mit zehn Millionen Euro veranschlagt worden. Doch statt der kalkulierten 950.000 Besucher waren es 1,38 Millionen geworden. Damit spülte die Laga der Stadt sogar eine Million Euro Gewinn in die Stadtkasse. „wir hatten eigentlich damit gerechnet, die Durchführung mit zwei Millionen Euro unterstützen zu müssen“, erinnert sich Öhringens OB Thilo Michler.

Bei Veranstaltungen wie dem Genießerdorf (hier 2024) kommt wieder Gartenschau-Feeling auf im Öhringer Hofgarten. An de Seite ist ein Teil des Gräserspielplatzes erkennbar, der zur Laga gebaut wurde.
Bei Veranstaltungen wie dem Genießerdorf (hier 2024) kommt wieder Gartenschau-Feeling auf im Öhringer Hofgarten. An de Seite ist ein Teil des Gräserspielplatzes erkennbar, der zur Laga gebaut wurde.  Foto: Götz Greiner

Doch nicht allein wegen der Dauereinrichtungen wie der Spielplätze, der Treppenanlage, der Platz- und Parkgestaltung und der Cappelaue kann er seine Kollegen nur ermuntern, Gartenschauen durchzuführen: „Wir würden es jederzeit wieder machen“, sagt Michler. Und das nicht allein wegen der beiden Spielplätze, die täglich gut frequentiert werden und jeweils eine halbe Million Euro gekostet haben: „Es ist 2016 ein unglaubliches Wir-Gefühl entstanden“. Ganz abgesehen davon: Allein wirtschaftlich betrachtet, war die Laga in Öhringen die bisher wirtschaftlichste.

BW-Grün-Geschäftsführer Robert Hoffner betont auch und gerade mit Blick auf Öhringen und Eppingen, wie hier „aus Nachbarn ein Team“ entstanden sei: An diesen beiden Beispielen sehe man gut, „welche Kräfte Gartenschauen entfalten können: ehrenamtliches Engagement, Beteiligung vulnerabler Gruppen, Mobilisierung unserer Zivilgesellschaft und sichtbare, nachhaltige und positive Veränderungen im Stadtbild“. Letztere könnten auch der Hochwasserprävention dienen und nicht zuletzt sei „Grüne Prävention die günstigste Art und Weise der Gesunderhaltung der Menschen“. Diese Mehrwerte seien „keine kurzfristigen Effekte, sondern Beiträge zur Resilienz und Lebensqualität“ für Jahrzehnte – was gerade in angespannten Zeiten viel wert sei.

Bundesgartenschau in Heilbronn: Das waren die Kosten

Mit der Bundesgartenschau 2019, kurz Buga, hat Heilbronn aus einer Hafenbrache den neuen Stadtteil Neckarbogen entwickelt, wo zwischen zwei Seen, Hafenpark, renaturiertem Neckarufer, Jugendherberge und Josef-Schwarz-Schule auf 40 Hektar bald 3500 Menschen in nachhaltig bebauten Stadthäusern wohnen sollen. Vom 173 Tage währenden Sommermärchen 2019, zu dem 2,3 Millionen Besucher kamen, profitierte nicht nur das Stadtbild insgesamt, auch der Bürgerstolz der Heilbronner wuchs.

Die Buga schloss finanziell mit einem positiven Ergebnis ab: Nach der Endabrechnung zahlt die Buga GmbH zwei Millionen Euro aus der Kapitalrücklage an die Stadt zurück, die der Gemeinderat 2020 der Gesellschaft zusätzlich zur Verfügung gestellt hatte. Insgesamt hat die Stadt Heilbronn nach der Schlussrechnung 131,3 Millionen Euro an Investitionen in das neue Stadtquartier Neckarbogen und Buga-Daueranlagen gesteckt. Das sind rund fünf Millionen Euro weniger als bei der Leitentscheidung 2012.

Besonders mit Blick auf den Neckarbogen merkt der Geschäftsführer von Grün BW an: Moderner Städtebau habe Beispielcharakter auch für andere Städte. Gartenschauen wie diese seien „Blaupausen dafür, wie zukünftiger Stadtumbau und Umweltgerechtigkeit aussehen kann“.

Auch mit Blick auf eine möglicherweise nun aufflammende Debatte über Kosten, Sinn und Nutzen von Gartenschauen warnt Hoffner: Gartenschauen seien „kein Selbstzweck“, sondern ein „bewährtes Werkzeug“ für die Stadtentwicklung und Bürgerprojekte. Nicht zuletzt entstünden dabei ansprechende Plätze zum Verweilen in der Stadt - deren Nutzen sich nicht in barer Münze berechnen lasse, deren Sinn man deshalb aber nicht in Frage stelle. „Die richtige Frage wäre daher: Können es sich unsere Städte leisten, Gartenschauen nicht zu machen?“, befindet der Grün-BW-Geschäftsführer.

Landesgartenschau in Bad Mergentheim: Wird Minus im Haushalt zum Problem?

Mit Fragezeichen blicken Bürger aus Heilbronn-Franken nun auch nach Bad Mergentheim. Hier soll 2034 die Landesgartenschau stattfinden. Bauprojekte wie die Neugestaltung zentraler Plätze sind bereits in vollem Gange. Doch seit Anfang Mai ist klar: Mergentheim rutscht nach Jahren von Haushaltsüberschüssen dieses Jahr in die roten Zahlen, das Haushaltsdefizit ist mit neun Millionen Euro sogar größer als zunächst gedacht. Das Regierungspräsidium Stuttgart genehmigte den Haushaltsplan nur unter Auflagen.

Was das konkret für die Gartenschau bedeute, darauf ging die Stadt in ihrer Pressemitteilung zum Haushaltsplan nicht ein, nur so viel: „Dieser Einschnitt hat für uns und die Bürgerschaft zunächst keine akuten Auswirkungen, bedeutet aber, dass es bei einzelnen Bauprojekten eventuell noch einmal zu einer Verschiebung kommen kann, weil wir sie zeitlich neu eintakten müssen“, erläuterte Oberbürgermeister Udo Glatthaar. Das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz betont, es längen derzeit „keine Informationen vor, dass aufgrund der Haushaltslage weitere Gartenschauen oder Landesgartenschauen nicht durchgeführt werden können“.

Wie die Landesregierung Gartenschauen fördert

Grundsätzlich unterstützte die Landesregierung die Landesgartenschauen mit fünf Millionen Euro und kleine Gartenschauen mit zwei Millionen Euro, führt der Ministeriumssprecher aus. Darüber hinaus erfolgten gezielte Förderungen über flankierende Maßnahmen wie über die Städtebauförderung, Tourismusförderung, Landesgemeindeverkehrsfinanzierung und andere.

In Koordinierungssitzungen werde auf die Bedürfnisse der Kommunen eingegangen und es würden Wege gesucht, wie die Projekte umgesetzt werden können. Im Zeitraum zwischen der ursprünglichen Machbarkeitsstudie und der finalen Projektierung seien planerische Anpassungen durchaus üblich. Auch dadurch könne „flexibel auf finanzielle Aspekte oder andere äußere Einflüsse reagiert werden“.

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