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„Meine gesamte Rente“ – Mann aus Raum Heilbronn verliert eine Million Euro an Betrüger 

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Ein 54 Jahre alter Familienvater aus dem Landkreis Heilbronn ist Opfer von Kryptobetrug geworden - er verlor Geld im großen Stil. Seine Anwältin will die Banken in Mithaftung nehmen.


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Aus der Perspektive von Kryptobetrugs-Anwältin Anna Orlowa gibt es zwei Möglichkeiten. Die eine: gegen die Betrüger vorgehen, die irgendwo in Spanien, Malta, der Ukraine oder sonstwo sitzen. Aber: „In der Regel sind sie über alle Berge.“ Im besten Fall könnte das Ergebnis sein, dass sie am Ende festgenommen werden, sagt Orlowa. Das Geld sei dann längst weg. Dass Opfer ihre Verluste von Betrügern zurückbekommen – mehr als unwahrscheinlich.

Die zweite Möglichkeit: gegen Banken vorgehen, die laut Orlowa fahrlässig zulassen, dass Opfer hohe Summen an fingierte Tradingseiten überweisen.

Anlagebetrug: Betrügerische Webseite ist inzwischen nicht mehr erreichbar

Für einen 54 Jahre alten Familienvater aus dem Landkreis Heilbronn ist Anna Orlowa mit dieser Strategie die letzte Hoffnung. Er hat von drei verschiedenen Konten, unter anderem bei Commerzbank und Kreissparkasse, zahlreiche und meist fünfstellige Summen an Kryptobetrüger überwiesen – im Gesamten mehr als eine Million Euro. Im Januar hatte es begonnen. Dabei war er es auch noch selbst, der nach lukrativen Anlagemöglichkeiten gesucht hatte. Eine unseriöse Onlinewerbung hatte ihn geködert. Er klickte darauf, legte ein Konto auf der fingierten Tradingplattform Gold Evolutions an. Die Webseite ist inzwischen nicht mehr erreichbar.

„Ja, ich war dumm“, sagt er beim Gespräch mit unserer Zeitung in der Esslinger Kanzlei seiner Anwältin. „Aber was soll ich jetzt machen?“ Bei dem Geld habe es sich um sein gesamtes Erspartes gehandelt, „um meine gesamte Rente“. Von Gier sei er getrieben gewesen, gesteht er ein. Nach der Gier kommt der Fall. Der Mann empfindet Scham, möchte aber trotzdem auf das Kriminalitätsphänomen aufmerksam machen. Er entscheidet sich, in der Berichterstattung anonym zu bleiben.

Millionenbetrug mit Krypto-Anlagen: Auf der Webseite leuchtete alles grün, Gewinne waren versprochen – alles Fake

Inzwischen hat auch er realisiert: Über die vermeintliche Tradingseite bekommt er sein Geld nicht zurück. Obwohl sein Kontostand grün leuchtete und 1,6 Millionen Euro anzeigte. Mit sogenannten Indizies, Aktienindexen, handelte er dort – lediglich zum Schein –, obwohl er sich mit der Materie nicht auskennt. Auch mit Kryptowährungen. Alles war Fake.

Banken seien verpflichtet, mutmaßliche Geldwäsche-Verdachtsfälle zu melden, sagt Anwältin Orlowa. „Sie haben die Pflicht zur Überwachung“, so Orlowa. Im Zweifel wäre eine Sperrung der Konten angezeigt.

Die Banken dagegen betonen, bereits Betrugsüberwachung zu betreiben und sich aktuellen Entwicklungen anzupassen. Im Rahmen dessen würden „auch Zahlungen mit Betrugsverdacht aufgehalten, um mit Kunden zu sprechen“, sagt eine Sprecherin der Commerzbank. In vielen Fällen könne man so Betrug vermeiden. Trotzdem könne es auch bei Kunden der Commerzbank zu Betrugsfällen kommen, „die wir sehr bedauern“.

Und die Schlichtungsstelle des deutschen Sparkverbands antwortet auf eine Anfrage: Grundsätzlich sei es zuvörderst Sache der Anleger selber, sich mit den gegebenen Mitteln der Gefahr zu erwehren, Opfer von kriminellen Machenschaften zu werden. „Dieses allgemeine Risiko kann nicht nachträglich auf die Sparkassen abgewälzt werden.“

Anwältin Orlowa: Geschädigte wollen Anlagebetrug oft nicht wahrhaben

Anwältin Orlowa berichtet, sie bekomme am Tag etwa 20 Mail von neuen Betrugsopfern. Die 44-Jährige macht die Erfahrung, dass die Opfer zunächst nicht wahrhaben wollen, dass sie Geschädigte sind. Manchmal stellten sie Fragen wie: „Soll ich nicht noch die geforderten 20 000 Euro überweisen, dann wird alles gut?“ Orlowa schüttelt den Kopf. „Nichts mehr überweisen“, antwortet sie den Opfern. „Kontakte zu den Betrügern abbrechen.“

Betrüger versprechen hohe Gewinne, dabei ist das Geld von Anfang an weg. Anwältin Anna Orlowa vertritt die Opfer der Masche.
Betrüger versprechen hohe Gewinne, dabei ist das Geld von Anfang an weg. Anwältin Anna Orlowa vertritt die Opfer der Masche.  Foto: Hoffmann

Im Fall des Familienvaters aus dem Landkreis ist es eine Laura. Orlowa sagt: „Laura gibt es nicht.“ Unumwunden gibt er zu, dass dieser Fake-Kontakt für ihn einer der Gründe war, warum er auf die Betrüger hereinfiel. Von Anfang an wurde er „persönlich beraten“. Er hätte damals nicht gedacht, „dass das alles Mumpitz ist“. Das Vorgehen der Betrüger sei „sehr ausgeklügelt“, sagt Anwältin Orlowa. Die Täter manipulierten ihre Opfer. „Das ist Gehirnwäsche.“ Es werde genau analysiert, worauf das Opfer anspringe. Es wurden sogar kleine Beträge ans Konto zurücküberwiesen, damit vorgetäuscht wird, es sei alles sicher. Telefonisch erreichbar war Laura indes nie, nur für Whatsapp-Nachrichten.

Anfang April kam es zu einem Einsatz der Kripo. Ermittler nahmen vor dem Haus des Betrugsopfers aus dem Landkreis einen 35 Jahre alten ukrainischen Kurier fest, der Bargeld abholen sollte. Das viele Geld, um dass die Täter ihr Opfer zuvor erleichtert hatten, reichte ihnen nicht aus. Wie Anwältin Orlowa sagt, reiche es nie aus. Manche Opfer würden sich noch bei Freunden oder Familie etwas leihen, andere einen Kredit nehmen. 

Bei all dem Kryptobetrug, den Anna Orlowa erlebt, bleibt sie persönlich vorsichtig: kein Trading, auch kein vermeintlich seriöses – zumindest nicht ohne fundierte Kenntnisse und technische Kontrolle. „Ich habe schon zu viel Leid gesehen“, sagt sie. Krypto könne eine Chance sein – aber nur bei mündiger und informierter Handhabung.

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