Aufbaugilde sucht ihren Weg in die Zukunft
Rückabwicklung bei mehreren Geschäftsbereichen, kaum Zuweisungen vom Jobcenter: Wie die Heilbronner Aufbaugilde kämpft und trotz Widrigkeiten auf das setzt, was kommt

Wie sieht die Zukunft aus? Die Frage stellen sich die beiden Aufbaugilde-Geschäftsführer Gerald Bürkert und Frank Hanser. Sie müssen das Gildeschiff derzeit durch schweres Fahrwasser navigieren. Das erlebt das diakonische Sozialunternehmen zwar nicht zum ersten Mal in seiner langjährigen Geschichte. Trotzdem schlagen Schließungen mehrerer Bereiche ins Kontor, auch wenn anderes wie etwa die Susanne-Finkbeiner-Schule weiterhin gut läuft. Gleichzeitig gibt es Stimmen, die fragen, ob zwei Geschäftsführer notwendig sind.
Zahl der Mitarbeiter ist auf 400 gesunken
35 Menschen mit Werkverträgen wurden nach der Schließung bei Müller-Milch entlassen. Schulungszentren, Lager- und Logistikbereich sowie Schreinerei haben dicht gemacht. Von 500 in 2022 ist die Zahl der Mitarbeiter aktuell auf 400 geschrumpft.
Audi braucht wieder Zeitarbeiter
Die Belegschaft ist nervös, die Stimmung gedrückt. Trotz Gesprächen und offener Tür der Chefs. Aber es gibt eben auch: Die Susanne-Finkbeiner-Schule, die brummt. Bereiche wie Wohnungsnotfallhilfe und Suchtkrankenhilfe, in denen die Nachfrage groß ist. Oder die Firma Audi, die perspektivisch wieder rund 30 Menschen über die Gilde-Zeitarbeitsfirma Optimumm braucht.
Organisatorisch ist durch die Vielfalt des Unternehmens manches kompliziert
Licht und Schatten existieren in dem "Gemischtwarenladen", als den der ehemalige Geschäftsführer Hannes Finkbeiner das Sozialunternehmen 2019 Frank Hanser vorgestellt hatte. "Man hat damals in einer massiven Liquiditätskrise einen Verwaltungsleiter geholt, um die Wirtschaftlichkeit zu stärken," sagt Hanser. Aber diese Kreativität, diese Startup-Mentalität, die eigentlich eine Stärke sei, habe organisatorisch alles sehr kompliziert gemacht.
Künftig gibt es weniger Geschäftsbereiche
Expertise in jedem Teilbereich, sieben Gesellschaften, unterschiedliche Tarifwerke, gemeinnützige GmbHs und solche, die es nicht sind, nebeneinander, alles unterschiedlich finanziert. "Die Konstruktion hat ein Alleinstellungsmerkmal. Regional und landesweit", sagt Hanser. Es sei "äußerst schwierig, mit der Diversität umzugehen". Künftig gibt es weniger Bereiche. Qualifizierungszentren, Lager- und Logistik-Bereich sowie Schreinerei sind weggefallen. Ob es dann einfacher wird? "Es geht darum, die Kernbereiche wirtschaftlich abzusichern", so Hanser.
Politisch-wirtschaftliche Situation wirkt sich auf die Aufbaugilde aus
Mit 15 Entlassenen, die bei Müller-Milch einen Werksvertrag hatten, gab es ein Wiedersehen vor dem Arbeitsgericht. "Ich hätte mir dort fast ein Zimmer nehmen können", sagt Gerald Bürkert und lächelt schmerzlich. Trotzdem wollte er jeden mit Handschlag begrüßen. Geklappt hat das nicht immer. Bis auf eine Ausnahme habe man trotzdem einen Gütevergleich hinbekommen.
Secondhand-Kaufhaus soll erhalten bleiben, sind sich die Geschäftsführer einig
Denn inzwischen ist nicht mehr die Liquidität wie 2019 schuld am schweren Fahrwasser, sondern die politisch-wirtschaftliche Situation. Dass der Bund die Zuwendungen für Langzeitarbeitslose gekürzt hat, die unter anderem im Second-Hand-Kaufhaus arbeiten. Auch das wackelte aus diesem Grund. Viele andere Kaufhäuser dieser Art in Deutschland hätten schon die Segel gestrichen. In Heilbronn darf das nicht passieren, sind sich Hanser und Bürkert einig. "Es gibt Ideen", sagt Bürkert. Welche, sei noch nicht spruchreif.
Ziel sei, das Unternehmen zukunftsfähig zu machen
Und sie selbst? In einem Brief, der der Heilbronner Stimme vorliegt, heißt es, dass es wegen schrumpfender Arbeitsfelder und Belegschaft einen Geschäftsführer zu viel gibt. Die Chefs tun sich schwer, darauf eine Antwort zu finden. Frank Hanser sagt schließlich: "Das ist eine Entscheidung des Vereinsvorstands und wurde schon diskutiert." Und weiter: "Aber wir sind in einer Transformationsphase. Ohne Leitung geht es nicht." Aufwändiger und ressourcenfressender als er sich das vorgestellt habe, sei der Job. "Aber das Ziel ist, die Aufbaugilde zukunftsfähig aufzustellen. Wir wollten eigentlich auch etwas gestalten. Wir wollen mal wieder bei 700 Mitarbeitern sein." Auch für Bürkert ist es anstrengender als gedacht. "Mit vielen Grenzbelastungen," räumt er ein. "Aber wir müssen uns anpassen."
Kernbereiche stehen im Fokus
Die Aufbaugilde will sich künftig auf die Kernbereiche fokussieren. Diese sind Wohnungsnotfall- und Suchtkrankenhilfe, Qualifizierung und Beschäftigung wie im Secondhand Kaufhaus und der Gartenlandschaftspflege und Bildung, wie im Bildungspark und der Susanne-Finkbeiner-Schule. Das kommunizierten die Geschäftsführer auch bei der jüngsten Vorstandssitzung des Vereins Aufbaugilde, die jetzt stattgefunden hat.
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