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Projekt für Schüler des Weinsberger Bildungszentrums

Achtklässler im Zentrum der kommunalpolitischen Macht

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Einmal am Platz der Bürgermeisterin sitzen. Oder an dem eines Stadtrates. Erfahren, wer in einem Ort was zu bestimmen hat. 230 Schüler aus dem Weinsberger Tal haben in den zurückliegenden Wochen beim Projekt „Gemeinderallye“ mitgemacht – und können sich nun besser vorstellen, was Kommunalpolitik bedeutet.

Diese Achtklässler der Weibertreuschule sitzen dort, wo sonst Bürgermeisterin Birgit Hannemann und die Amtsleiter der Stadt Weinsberg Platz nehmen.
Diese Achtklässler der Weibertreuschule sitzen dort, wo sonst Bürgermeisterin Birgit Hannemann und die Amtsleiter der Stadt Weinsberg Platz nehmen.  Foto: Anja Krezer

Der große Saal im Weinsberger Rathaus wird beherrscht von einem ovalen Tisch beachtlichen Ausmaßes und von vielen Stühlen drumherum. Vor jedem Platz ist ein Mikrofon. An diesem Vormittag sitzt die 8a der Weibertreuschule an diesem Tisch. Ein Werkrealschüler ist beeindruckt: „Voll groß hier. Es wirkt sehr einladend, mit Getränken und allem.“ In der Tat: Wer Kommunalpolitik macht, muss keinen Durst leiden. Aber: Wer Stadtrat ist, kann sich davon kaum etwas kaufen. „Die Gemeinderäte machen das ehrenamtlich. Sie bekommen kein Geld dafür, nur eine Aufwandsentschädigung“, sagt die Organisatorin des Vormittags, Isabel Steinert. Mancher Schüler macht große Augen.

Auch schon vorher war das so, als die Achtklässler in Vierergruppen in Weinsberg unterwegs waren und eine Art Schnitzeljagd gemacht haben. Per App ging es von einer Station zur nächsten. „Das war richtig gut“, berichtet Felizitas aus Eberstadt. „Es ist eine schlaue Idee, so was mit uns Schülern zu machen. So erfahren wir etwas über die Stadt“, sagt die 15-Jährige. Mattis (13) aus Obersulm-Eschenau hat zum Beispiel gelernt, dass Parkplätze in Weinsberg kostenlos sind – ein ganz konkretes Beispiel für Kommunalpolitik. Denn der Gemeinderat hätte auch der Meinung sein können, dass die Menschen zahlen müssen, wenn sie ihr Auto abstellen.

Weinsberger Gemeinderallye: Per App auf Schnitzeljagd

Isabel Steinert hat die Gemeinderallye nicht nur organisiert, sondern sie hatte auch die Idee dazu. Für alle Achtklässler des Rossäcker-Bildungszentrums, also von der Weibertreuschule und vom Justinus-Kerner-Gymnasium, ist ein Vormittag für diese außerschulische Unterrichtseinheit reserviert. Denn bei allen ist „Gemeinde und Kommunalpolitik“ in diesem Schuljahr Thema im Fach Gemeinschaftskunde, weiß die Leiterin des Kinder- und Jugendreferats im Gemeinderverwaltungsverband (GVV) „Raum Weinsberg“.

Isabel Steinert hat sich für die Jungen und Mädchen fünf Routen durch Weinsberg ausgedacht und die App „Actionbound“ mit den entsprechenden Daten gefüttert. Stationen sind zum Beispiel der Baubetriebshof oder die Städtische Musikschule. Es geht dann um die Frage: Welche Aufgabe muss eine Stadt erfüllen, und was bietet sie ihren Bürgern freiwillig?

Weinsberger Projekt für Achtklässler: Eine Stadträtin berichtet

Nach der Schnitzeljagd kommt Teil zwei, die Runde im Ratssaal. „Ihr seid nun im Zentrum der politischen Macht in Weinsberg“, erklärt Isabel Steinert. „Ein Beispiel: Wenn am Bildungszentrum Geld ausgegeben wird, wird das hier entschieden.“ Zu jeder Klasse am Ratstisch stößt ein Stadtrat dazu und erzählt etwas über sich und seine Arbeit im Kommunalparlament. An diesem Vormittag ist es Birgit Vollert.

„Als ich in eurem Alter war, hätte ich nie gedacht, dass ich hier einmal im Gemeinderat sitze“, sagt die 50-Jährige, die nun schon seit 2009 dabei ist und außerdem Bürgermeisterin Birgit Hannemann vertritt, wenn die mal keine Zeit hat. Alles freiwillig, alles ehrenamtlich. Wie viel Aufwand bedeutet es, im Gemeinderat zu sein?, will Felizitas wissen. Vollert: „Einmal im Monat ist Gemeinderatssitzung.“ Aber damit ist es nicht getan. Für bestimmte Themen gibt es noch Ausschüsse, außerdem sind da die Fraktionssitzungen. Birgit Vollert gehört zu den Freien Wählern, keine Partei im klassischen Sinne, sondern ein Verein.

Im Anschluss gibt es noch eine Eckenspiel. „Ich interessiere mich für Lokalpolitik, für Bundespolitik, für internationale Politik oder gar nicht für Politik“, gibt Isabel Steinert vor – je nach Interesse verteilen sich alle in die vier Ecken. In der Lokalpolitik-Ecke steht nur Stadträtin Vollert. Die meisten Schüler gehen in den Kein-Interesse-Bereich. „Politik macht Kopfschmerzen, wenn man sich damit beschäftigt“, sagt ein Schüler. Doch gerade er steht falsch, wie sich im Lauf der Diskussion herausstellt. Denn Birgit Vollert und Isabel Steinert finden: „Du machst dir doch total viele Gedanken.“

Die erste Gemeinderallye veranstaltete das Kinder- und Jugendreferat (KJR) des GVV „Raum Weinsberg“ 2019. Wegen Corona und zwei Elternzeiten von KJR-Leiterin Isabel Steinert ist die Neuauflage erst 2026. Geplant sei nun, diese außerschulische Einheit in jedem Schuljahr für die Achtklässler von Weibertreuschule und Justinus-Kerner-Gymnasium anzubieten. Unterstützt wird Steinert bei der Organisation von den Schulsozialarbeiterinnen Lisa Baldak, Nathalie Buchholz und Sophie Knopp sowie von den Gemeinschaftskundelehrern Christian Kirstein und Kai Balle. „Ich finde das Projekt super“, sagt Kirstein. Die Theorie aus dem Unterricht werde mit der Praxis verknüpft. „Dadurch wird es real für die Schüler.“ Es bleibe womöglich mehr hängen. 

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