Das Geschäft mit der Abnehmspritze ist sehr lukrativ Sollten Abnehm-Medikamente wie Wegovy von Novo Nordisk oder Mounjaro von Eli Lilly in Zukunft von den Krankenkassen bezahlt werden, wäre das nicht nur für Patienten ein Gewinn, sondern vor allem auch für die Unternehmen, die hinter den Medikamenten stehen.Beim US-Pharmakonzern Eli Lilly dürfte das Diätmedikament Mounjaro in Zukunft die wichtigste Einnahmequelle sein, berichtet das Handelsblatt. Deshalb investiert Eli Lilly in den Ausbau seiner Produktionskapazitäten, auch in Deutschland. Im April 2024 hat der Konzern mit dem Bau eines neuen Werks im rheinhessischen Alzey begonnen.
Speck weg mit der Abnehmspritze? Neckarsulmer Arzt erklärt Wirkung und Risiken
Medikamente wie Ozempic und Wegovy sind auch in der Region Heilbronn gefragt. Was ein Neckarsulmer Hausarzt von der Nutzung als Lifestyle-Produkt hält.
Mir ist eigentlich die ganze Zeit schlecht. Auf eine merkwürdige, nicht unangenehme Art. Viel beeindruckender als das Gefühl dauerhafter Übelkeit finde ich allerdings das, was mit einem Mal nicht mehr da ist: der Gedanke an die nächste Mahlzeit. Fehlender Appetit – das kenne ich nicht“, solche Erfahrungsberichte zur Abnehmspritze wie von Dr. Dennis Ballwieser, Arzt und Chefredakteur der Apotheken Umschau, liest man im Internet zuhauf.
So wie ihnen, geht es auch vielen Patienten von Dr. Tobias Neuwirth, Hausarzt in Neckarsulm. Viele litten sogar unter Erbrechen und Schwindel. Das lege sich aber meistens mit der Zeit.
Arzt aus Neckarsulm: Patienten fragen ein- bis zweimal die Woche nach der Abnehmspritze
Trotz Nebenwirkungen ist die Nachfrage nach der sogenannten Abnehmspritze groß. „Ein- bis zweimal pro Woche sprechen uns Patienten darauf an im Zusammenhang mit dem Abnehmen.“ In der Diabetologie arbeiteten seine Kollegen und er täglich damit.
Durch Soziale Medien und Stars wie Kim Kardashian, die mit Ozempic schnell Gewicht verloren haben, ist ein Hype um das Medikament entstanden, das ursprünglich für Diabetiker entwickelt wurde. Auch in Deutschland ist die Nachfrage inzwischen hoch. Ozempic wird seit 2018/2019 häufig „off-label“, also außerhalb der zugelassenen Anwendungsgebiete, zur Gewichtsabnahme genutzt.
Es gibt aber auch andere Präparate. Bekannt ist vor allem auch Wegovy, das in Deutschland offiziell seit Juli 2023 für die Behandlung von Adipositas auf dem Markt ist. Das Präparat nutzt Semaglutid, um den Appetit zu zügeln und das Sättigungsgefühl zu verlängern. Der Wirkstoff ahmt das Hormon GLP-1 nach. „Das macht dem Körper vor, er hätte etwas gegessen“, erklärt Neuwirth.
Hausarzt aus Neckarsulm warnt: „Es ist keine Zauberspritze“
„Die Spritze funktioniert gut“, berichtet er von Patientenerfahrungen. 70 Prozent der Personen, denen er die Spritze verschreibt, nähmen ab. Bei 30 Prozent funktioniere es gar nicht. Neuwirth betont: „Es ist keine Zauberspritze. Man muss auch die Ernährung umstellen und auf Bewegung achten, seine Lebensweise verändern.“Ärztliche Begleitung sei unabdingbar. „Wir klären ab, welche Gründe es für das Übergewicht gibt, nehmen Blut ab, arbeiten mit Ernährungstagebüchern.“ Auch ein Bauchultraschall könne notwendig sein. Zugleich bespreche er mit den Patienten, was sie bisher schon probiert haben, um Gewicht zu verlieren.
In erster Linie verschreibt Neuwirth die Medikamente, die inzwischen Abnehmspritze genannt werden, immer noch für Diabetiker. Erst seit wenigen Jahren setze er sie zur Gewichtsreduktion bei Patienten ein. Dabei nennt er zum Beispiel das Medikament Mounjaro. Wer es bekommt, kann der Arzt individuell entscheiden. „Es gibt keine definierten Parameter“, sagt Neuwirth.
Verschreibung der Abnehmspritze: Richtwert ist ein Body-Mass-Index von 30
Oft wird ein Body-Mass-Index (BMI) von 30 als Richtwert angegeben. Ab diesem BMI spricht man von einer beginnenden Adipositas (Grad I). Wie viel ein Mensch bei einem BMI von 30 wiegt, hängt von der Körpergröße ab. Bei 1,70 Meter wären das ungefähr 87 Kilogramm.
Bevor Tobias Neuwirth ein Rezept ausstellt, ist nicht nur ein Check-Up notwendig, auch eine ausführliche Aufklärung findet statt. „Es ist ein neues Medikament. Studien lassen zum Beispiel vermuten, dass es bei der Einnahme ein kleines Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs gibt.“ Auch über Nebenwirkungen müsse man Patienten informieren und dass ein Jojo-Effekt wahrscheinlich ist, wenn sie die Spritze absetzen.
Patienten ohne „relevantes Übergewicht“ bekommen kein Rezept
„Wir lehnen die Verordnung ab, wenn es keine medizinischen Indikatoren gibt.“ Ein Normalgewichtiger gesunder Patient würde in seiner Praxis kein Rezept für die Abnehmspritze bekommen, sagt er. Das komme aber so gut wie nie vor. Meistens hätten die Patienten, die nach dem Medikament fragen, ein „relevantes Übergewicht“. Da sei die dauerhafte Einnahme keine Seltenheit.
Trotzdem nehmen viele Menschen Ozempic oder andere Präparate, die augenscheinlich nicht adipös sind. In Sozialen Medien ist ein Hype entstanden. Tausende Videos auf TikTok und Millionen von Beiträgen auf X zu Hashtags wie #Ozempic und #Wegovy zeugen von einer hohen Popularität der Medikamente, stellt auch die Barmer-Krankekasse in einer Analyse fest. Die Rezepte gibt es über Online-Plattformen, weiß Tobias Neuwirth: „Die Abnehmspritze als reines Lifestyle-Produkt zu verwenden, sehe ich aber sehr kritisch. Bei Patienten, die wirklich abnehmen müssen, ist es eine gute Hilfe.“
Abnehmspritze kostet zwischen 200 und 500 Euro im Monat
Doch nicht alle können sich die Abnehmspritze leisten. Die hohen Kosten sind oftmals der Grund, warum das Medikament nach ersten Erfolgen abgesetzt wird. 200 bis 500 Euro im Monat je nach Präparat und Dosis müssen Patienten berappen. „Es ist superteuer“, findet Tobias Neuwirth. Nur in bestimmten Fällen, „bei schwerem Diabetes“ übernähmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten.
Grundsätzlich gelten die Abnehmspritzen laut Sozialgesetzbuch als sogenannte Lifestyle-Medikamente. In Deutschland entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss, welche Leistungen von der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt werden. Erst im März 2025 hat der Ausschuss Wegovy von Novo Nordisk in der Anwendung zur Gewichtsreduktion als Lifestyle-Arzneimittel eingestuft.
Soll die gesetzliche Krankenkasse für Abnehm-Medikamente bezahlen?
In der Politik gab es bereits Stimmen, die das ändern wollten. Andrew Ullmann, der 2024 noch gesundheitspolitischer Sprecher der FDP war, forderte im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Abnehmspritzen sollten nicht als Lifestyle-Medikament betrachtet werden, sondern als Teil eines umfassenden Ansatzes zur Behandlung schwerer Adipositas und zur Verhinderung ihrer Folgeerkrankungen.“
Laut Bundesgesundheitsministerium sind jedoch keine Änderungen geplant. Berechnungen des AOK-Bundesverbandes zufolge wäre das auch viel zu teuer. Dieser kam zu der Erkenntnis, dass eine Erstattung von Abnehmmedikamenten gesetzliche Krankenkassen bis zu 45,8 Milliarden Euro pro Jahr kosten würde. Die Arzneimittelausgaben – schon jetzt der zweitgrößte Ausgabenposten – würden sich so fast verdoppeln.

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