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Abitur nicht bestanden – und jetzt? Betroffener aus Region Heilbronn berichtet 

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Wer durchs Abitur fällt, steht oft erstmal mit zerplatzten Zukunftsträumen da. Trotzdem ist das nicht das Ende der Welt, wie der Werdegang eines Betroffenen aus Lauffen zeigt. Auch Lehrer können dabei helfen.

Die schriftlichen Abiturprüfungen am Robert-Mayer-Gymnasium (RMG) in Heilbronn sind mittlerweile beendet. Die Oberstufenberater stehen den Schülern in den zwei vorausgehenden Jahren zur Seite.
Foto: Archiv
Die schriftlichen Abiturprüfungen am Robert-Mayer-Gymnasium (RMG) in Heilbronn sind mittlerweile beendet. Die Oberstufenberater stehen den Schülern in den zwei vorausgehenden Jahren zur Seite. Foto: Archiv  Foto: Berger, Mario

Den Moment, als er erfahren hat, dass er durch die Abiturprüfung gefallen ist, beschreibt Adrian Schraut als „erdrückend“. Das Ergebnis kommt für ihn überraschend – er habe gedacht, er würde durchkommen. Bei den schriftlichen Prüfungen in Deutsch und Mathe, und auch bei der anschließenden mündlichen Prüfung erreicht er nicht die erforderlichen fünf Punkte. Während seine Mitschüler feiern, muss der damalige Schüler am Hölderlin-Gymnasium in Lauffen über seine Zukunft nachdenken.

Durch die Abiturprüfung gefallen – Quote in Baden-Württemberg bei 3,2 Prozent

Und da ist er nicht der einzige. In Baden-Württemberg lag die Durchfallquote der Abiturprüfungen im Jahr 2023 bei 3,2 Prozent. Von insgesamt 43.895 Prüfungen wurden 1426 nicht bestanden. Das geht aus Zahlen der Kultusministerkonferenz hervor.

„Am Ende schaffen es manchmal Leute nicht, die man gar nicht auf dem Zettel hatte“, berichtet Knut Neugebauer, stellvertretender Direktor am Robert-Mayer-Gymnasium (RMG) in Heilbronn. Die Schüler hätten sich zwar über die Schuljahre gut geschlagen, scheiterten aber am Pensum der Abiturprüfungen. Am „Tag der Verkündung“, wenn die schriftlichen Noten bekannt gegeben werden, ist Neugebauer mit den Schulsozialarbeitern und Oberstufenbetreuern da, um die Betroffenen aufzufangen. „Die größte Sorge, die mir begegnet, ist, es den Eltern mitzuteilen“, erzählt der Lehrer. Notfalls greift jemand aus dem Kollegium dann selbst zum Hörer.

Lehrer stehen Schülern beratend zur Seite – Lehrer aus Region Heilbronn berichtet

Für Adrian Schraut folgt nach der Notenverkündung ein Gespräch mit der Schulleiterin. Obwohl diese nett und verständnisvoll gewesen sei, habe er das Gespräch als unangenehm empfunden. „Ich habe mir erst mal zwei Tage genommen und überlegt, was ich machen soll“, sagt der heute 25-Jährige. Während ein Mitschüler zur Wiederholung antritt, weiß er schnell, dass er keine Lust mehr auf Schule hat.

„Wenn jemand auf den letzten Metern durchfällt, ist die Beratungsbereitschaft der Schüler oft gering“, sagt Andreas Klaffke, Schulleiter am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Neckarsulm. Durch die Oberstufenberatung werden die angehenden Abiturienten schon im Vorfeld „engmaschig beraten“, erklärt er. Man gehe aktiv auf die Schüler zu, bei denen sich schon abzeichne, dass es schwierig wird. Es gibt zum Beispiel die Option, das Gymnasium nach der elften Klasse zu verlassen und die Fachhochschulreife zu erwerben. Das würden jedes Jahr auch ein paar Schüler in Anspruch nehmen. „Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll, noch früher beraten zu können“, meint der Studiendirektor. Das erhofft er sich auch durch das wieder eingeführte G9, denn da seien Mentoringstunden vorgesehen, in seinen Augen ein „gutes Instrument“.

Versagensangst bei Schülern – Pandemie und soziale Medien spielen mit rein

Für Knut Neugebauer tragen die sozialen Netzwerke und die Corona-Pandemie zum erhöhten Versagensdruck mancher Schüler bei: „Die Rahmenbedingungen sind anders geworden.“ Viele hätten nur wenige oder keine realen Freunde. Und wie gut ein junger Mensch in sein Umfeld eingebettet sei, entscheide auch, wie er mit Erfolg oder Misserfolg umgehe.

Auch am RMG suchen die Lehrer im Vorfeld das Gespräch mit den Schülern. „Wir horchen rein, was die Person mit dem Abitur vor hat und ob eine Fachhochschulreife ausreichen würde“, sagt Neugebauer. „Manchmal gibt es Fälle, da will derjenige sowieso nicht studieren.“ Mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr oder einem Berufspraktikum könne nach der erfolgreichen elften Klasse das Fachabitur ausgestellt werden. Wenn er ehemalige Schüler nach ein oder zwei Jahren zu diesem Zweck wiedersieht, sei das „ in der Regel ein freudiges Wiedersehen“. Neugebauer: „Da kommen völlig andere Menschen zurück, mit einem neuen Selbstbewusstsein.“

„Da kommen völlig andere Menschen zurück.“Knut Neugebauer

Studieren mit Fachabitur – Ehemaliger Lauffener Schüler berichtet von Werdegang

Diesen Weg geht auch Adrian Schraut. Die erfolglosen Abiturprüfungen sind nun acht Jahre her. Nach einem Bundesfreiwilligendienst im Bereich Flüchtlingshilfe hat er sein Fachabitur in der Tasche und absolviert eine Ausbildung zum Industriekaufmann. „Da habe ich gemerkt, dass ich mehr kann und auch studieren will“, berichtet er. Und wenn es passt, falle ihm auch das Lernen leicht. Mittlerweile hat er einen erfolgreichen Bachelorabschluss in Wirtschaftsinformatik an einer Hochschule in Baden-Württemberg und beginnt im Oktober seinen Master.

Rückblickend sagt Schraut, dass er sich nicht ausreichend auf das Abitur vorbereitet hat. „Es war schon mein Verschulden“, resümiert er – auch wenn er das damals wohl anders gesehen habe. Schülern, die heute in einer ähnlichen Situation sind, würde er raten, sich zumindest ihr Fachabitur abzuholen – denn so blieben einem viele Optionen für die Zukunft offen. Die nicht bestandene Abiturprüfung spiele nun, Jahre später, in seiner Karriere keine Rolle mehr. 

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