Jubiläum

200 Jahre Weinbauverband Württemberg: Was und wer steckt dahinter?

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Vor 200 Jahren wurde der Weinbauverband Württemberg aus der Taufe gehoben, der erste seiner Art in Deutschland. Am 8. Juli wird das Jubiläum auf Schloss Monrepos angemessen gewürdigt. Doch vielen Winzern ist nicht zum Feiern zumute. 

Sitz des Weinbauverbandes ist Weinsberg. Eines der Wahrzeichens des Weinbaus in Württemberg die dortige Burgruine Weibertreu
Sitz des Weinbauverbandes ist Weinsberg. Eines der Wahrzeichens des Weinbaus in Württemberg die dortige Burgruine Weibertreu  Foto: Döttling, Gustav

Anno 1825, also vor 200 Jahren, wurde in Bad Cannstatt der Weinbauverband Württemberg (WVW) aus der Taufe gehoben, der erste seiner Art in Deutschland. Am Dienstag, 8. Juli, wird das Jubiläum auf Schloss Monrepos bei Ludwigsburg angemessen gewürdigt. Seit dem 19. Jahrhundert ist viel Wasser den Neckar hinuntergeflossen – und viel Wein in Fässer, Flaschen und Gläser. Doch die Rahmenbedingungen sind – nach vielen Höhen und Tiefen – damals wie heute ähnlich: Die Branche steckt tief in der Krise. Damals wegen harter Anbaubedingungen und mangelhaftem Know-how. Heute wegen des Kostendrucks und weil immer weniger Wein getrunken wird. Die Stimme wirft anlässlich des Jubiläums einen Blick zurück und schaut hinter die Kulissen des heutigen WVW.

Die Ausgangslage war und ist für die Wengerter alles andere als rosig

Ausgangslage: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist die Qualität des Württembergers den Quellen zufolge indiskutabel, dabei gilt der „Neckerwein“ zuvor lange als Schleckerwein, der bis nach London und Wien exportiert wurde. Doch 30-jähriger Krieg, Belagerungen durch die Franzosen, das „Jahr ohne Sommer“ 1816 und hohe Abgaben stürzen das Land in Not. Weinberge werden kaum noch gepflegt, Holzpfähle verfeuert, edle Reben durch Massenträger ersetzt.

Der Weinbauverband kürt jährlich "Beste Württemberger"
Der Weinbauverband kürt jährlich "Beste Württemberger"  Foto: Berger

Gründer: Schon 1760 beklagt der Maulbronner Hofprediger Balthasar Sprenger die Schieflage. König Wilhelm I. von Württemberg, der „Landwirt auf dem Throne“, drängt auf bessere Bewirtschaftsmethoden und leitet die am 23. Januar 1825 vollzogene Gründung der „Gesellschaft für die Weinverbesserung in Württemberg“ ein. Den Statuten nach sollen „die Gebrechen“, an welchen der Weinbau leidet, erforscht und beseitigt werden.

Denker und Lenker der Gründerväter war Hölderlins Halbbruder 

Gallionsfigur: Denker und Lenker der 20-köpfigen Gesellschaft ist ein Halbbruder des Dichters Friedrich Hölderlin: der Hofdomänenrat Carl Christoph Friedrich Gok, dessen Mutter aus Frauenzimmern und dessen Vater aus Nordheim stammt. Er bewirtschaftet eigene Weinberge und macht sich in anderen Weinregionen schlau. Für seine Leistungen wird er mit einem Ritterkreuz ausgezeichnet. Der legendäre Wieslocher Weinchronist Johann Friedrich Bronner meint 1837: „Unter keiner Regierung geschah noch so viel für diesen Kulturzweig.“ Er beschreibt aber auch die „Winzerkaste“ und „Weinmafia“ als geborene Opposition der Weinverbesserungsgesellschaft. Das Königshaus setzt weiter auf Qualität. 1868 wird die Weinbauschule gegründet, die erste in Deutschland; erster Direktor ist Immanuel Dornfeld, nach dem später eine rote Neuzüchtung benannt wird. 1892 wird die Weinverbesserungsgesellschaft in Württemberger Weinbauverein umbenannt.

Die Wengerter durchleben weiter eine Berg- und Talfahrt.

Widrigkeiten: Die Wengerter durchleben weiter eine Berg- und Talfahrt. Offenweinhändler drücken die Preise, weshalb sich als Gegengewicht nach und nach Genossenschaften formieren, die erste 1855 in Neckarsulm. Um die Jahrhunderwende bringt die aus Amerika eingeschleppte Reblaus den Weinbau in Europa fast zum Erliegen. Bald machen Pilzkrankheiten die Ernten zunichte. Unter den Nazis wird der Weinbauverein in den „Reichsnährstand“ eingegliedert. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgt am 24. November 1947 in der Heilbronner Schlachthofgaststätte die Neugründung: und zwar unter dem Namen Weinbauverband Württemberg-Nordbaden. Erst 1965 scheren die Badener aus, und man konzentriert sich auf Württemberg.

Weißwein ist derzeit stärker gefragt als Rotwein.
Weißwein ist derzeit stärker gefragt als Rotwein.  Foto: Deutsches Weininstitut (DWI)

Was und wer hinter dem heutigen Berufsverband der Wengerter steckt

Aufgaben: Laut Statuten vertritt der Weinbauverband die wirtschaftlichen und beruflichen Interessen der Winzer und fördert den Weinbau in Württemberg. Zu den Aufgaben gehören unter anderem die Interessenvertretung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Förderung der Jugend, Fortbildung, Beratung, Dienstleistungen, Prämierungen, Veranstaltungen, Weinköniginnenwahl sowie die Definition von Kriterien für geschützte Herkunftsbezeichnungen.

Führung: Zuletzt wird der Verband von folgenden Präsidenten geführt: Hermann Schneider (1934-1955) aus Heilbronn, Otto Haag (1955-1964) aus Heilbronn, Gotthilf Link (1973-1991) aus Lauffen, Hermann Hohl (1991-2024) aus Obersulm und seit 2025 von Dietrich Rembold aus Lauffen. Geschäftsführer sind Gerhard Götz aus Affaltrach (1958-1970), Karl-Heinz Hirsch aus Untergruppenbach (bis 2011), Werner Bader aus Stetten/Remstal (bis 2018) und seit 2018 Hermann Morast aus Schriesheim/Baden.

Mit 70 Prozent liegt der Rotweinanteil höher als in allen anderen größeren Anbaugebieten

Weinregion: Im Ranking der deutschen Weinbaugebiete belegt Württemberg Platz vier: mit rund 11 000 Hektar bestockter Rebfläche wobei der WVW damit rechnet, dass wegen der Krise bald 20 bis 30 Prozent wegfallen, vor allem in Terrassen- und anderen Steillagen, wo der Arbeitsaufwand so hoch ist, dass sich der Weinbau dort nicht mehr rentiert. Handycap im Weißweinboom: Mit 70 Prozent liegt der Rotweinanteil höher als in allen anderen größeren Anbaugebieten. Zu den gängigsten Rebsorten zählen Trollinger, Schwarzriesling, Lemberger und Spätburgunder. Bei den weißen Gewächsen sind es vor allem Riesling, Müller-Thurgau, Silvaner, Grauburgunder und Kerner. Die landschaftliche Vielfalt spiegelt sich in den fünf Weinbaubereichen Kocher/Jagst/Tauber, Unterland, Remstal-Stuttgart, Oberer Neckar und Bodensee mit 17 Groß- und 210 Einzellagen wider.

Württemberg gilt von jeher als innovationsfreudig. die Wengerter haben auch das weltweit erste größere 0,75-LIter-Mehrweg-Flaschen-System erfunden.
Württemberg gilt von jeher als innovationsfreudig. die Wengerter haben auch das weltweit erste größere 0,75-LIter-Mehrweg-Flaschen-System erfunden.  Foto: Weinheimat

Zahl der Württemberger Wengerter nimmt rapide ab

Mitglieder: Die Anzahl der Weinbaubetriebe in Württemberg hat sich seit 1995 von 18 292 auf heute 6500 mehr als halbiert. Vor allem Hobbywengerter und Nebenerwerbler, die ein bis 30 Ar umtreiben, haben abgenommen: um 60 Prozent. Während Betriebe mit fünf bis zehn Hektar noch bis 2010 zunahmen, geht ihre Zahl inzwischen ebenfalls zurück. Betriebe über zehn Hektar haben sich in den letzten 23 Jahren verfünffacht. Weil große Betriebe Flächen von kleinen Betrieben auf nahmen, blieb die Gesamtrebfläche von 11 000 Hektar lange konstant.

Mit Prämierungen die Qualität und den Umsatz steigern

Prämierungen: Eine öffentlichkeitswirksame Aufgabe des WVW ist die Landesprämierung für Wein und Sekt. Sie soll qualitativ hochwertige Tropfen und deren Absatz fördern. Zu erkennen sind die Flaschen an Preismünzen. Betriebe, die über Jahre hinweg Top-Leistungen erzielen, bekommen einen Ehrenpreis. Weine und Sekte, die dabei die Höchstpunktzahl von 5,0 erreichen, qualifizieren sich für den Wettbewerb „Beste Württemberger“. Für den WVV ist die Prämierung auch eine wichtige Einnahmequelle, pro Wein zahlt man 50/60 Euro. Die Zahl der Teilnehmer ist zuletzt stark zurückgegangen. Früher präsentierten sich die besten Betriebe beim Weingipfel in der Heilbronner Harmonie, die abgespeckte Form heißt Württemberger Weinshow, wird von Jungwinzern organisiert und fand zuletzt mehrmals im Heilbronner Kunst- und Kulturwerkhaus Zigarre statt.

Württemberger Weinhoheiten  Königin ist derzeit Kim Weißflog aus Lauffen, Prinzessin Ines Pfeiffer aus Korntal-Münchingen. Erstmals überhaupt gibt es derzeit mit Moritz Ocker aus Ilsfeld einen Weinprinz.
Württemberger Weinhoheiten Königin ist derzeit Kim Weißflog aus Lauffen, Prinzessin Ines Pfeiffer aus Korntal-Münchingen. Erstmals überhaupt gibt es derzeit mit Moritz Ocker aus Ilsfeld einen Weinprinz.  Foto: Berger, Mario

Bunter Strauß an weintouristischen Angeboten – bis hin zum Weinprinz

Weintourismus: In jüngere Zeit haben die Württemberger den Weintourismus entdeckt. Der WVW hat dazu zusammen mit der 2008 gegründeten Tochter „Weininstitut Württemberg“ und anderen Partnern wie der Marketing Gesellschaft Baden-Württemberg (MBW) etwa die Württemberger Weinstraße auf den Weg gebracht, die in Etappen durch die ganze Region führt: auf Wander- und auf Radwegen, entlang derer auf Güter, Genossenschaften, Gastronomien oder touristische Attraktionen verwiesen wird. Über die Weinbauschule Weinsberg werden außerdem Weinerlebnisführer ausgebildet. Zudem zertifiziert man mit der Dehoga Lokale mit dem Titel „Haus des Bad-Württemberger Weines“. Das Weininstitut ist unter anderem auch für die vom WVW initiierten Messen außerhalb der Region verantwortlich.

Weinhoheiten: Nicht zuletzt kürt der Verband seit 1950 Württemberger Weinhoheiten. Königin ist derzeit Kim Weißflog aus Lauffen, Prinzessin Ines Pfeiffer aus Korntal-Münchingen. Erstmals überhaupt gibt es derzeit mit Moritz Ocker aus Ilsfeld einen Weinprinz. Er trägt keine Krone, sondern eine Halskette.

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