Spionage-Sex im Dienst der Stasi: Clemens Böckmann liest aus „Was du kriegen kannst“
Anfang der Siebziger wirbt die Stasi eine junge Frau an, die als Prostituierte mit dem Klassenfeind ins Bett soll. Diese Geschichte hat Autor Clemens Böckmann zu einem mehrstimmigen Roman ausgearbeitet, den er nun im Heilbronner Literaturhaus vorgestellt hat.

„Wir hatten eine Ahnung, dass das stattgefunden hat, aber so eine Tür wurde noch nicht aufgemacht“, gibt Clemens Böckmann eine Reaktion aus dem Publikum wieder auf seine Lesung tags zuvor in Chemnitz. Stattgefunden hat – obwohl Prostitution in der DDR offiziell verboten war – insbesondere während der 70er und 80er Spionage-Sex im Dienst der Stasi.
Vor acht Jahren wurde der Autor, Filmemacher und Journalist aus Leipzig auf die Geschichte einer ehemaligen Inoffiziellen Mitarbeiterin (IM) aufmerksam, die für den Geheimdienst ins Bett ging mit Männern: ausländischen Geschäftsleuten wie hochrangigen DDR-Funktionären. „Da materialisierten sich ganz viele Dinge um die Figur, deswegen erschien sie mir sehr spannend“, erzählt der gebürtige Düsseldorfer, Jahrgang 1988, der bekennt, dass die DDR nicht sein Kerngebiet gewesen sei und er sich erst viel habe anlesen müssen.
Für sein Debüt erhielt Clemens Böckmann den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung
„Was du kriegen kannst“ lautet der Titel seines im vergangenen Oktober beim Münchner Carl Hanser Verlag erschienenen Debütromans, für den Böckmann mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet wurde, für den Aspekte-Literaturpreis nominiert war – und mit dem er am Sonntagnachmittag zu Gast ist im Heilbronner Literaturhaus.
Klugerweise verzichtet Clemens Böckmanns Text auf ein moralisches Urteil. Seine Protagonistin Uta Lothner, geborene Krahl, ist Täterin und Opfer zugleich. Aufgewachsen bei Zwickau, wird sie früh Mutter, arbeitet in der Möbelbranche und geht häufig wechselnde Bekanntschaften ein. „Mannstoll“ notiert die Stasi, die auf die hübsche, lebenshungrige Frau aufmerksam wird und Uta 1971 anwirbt.
„Sie wird protegiert und gleichzeitig massiv drangsaliert, wenn sie versucht, auszusteigen“, umreißt Böckmann im Gespräch mit Literaturhausleiter Anton Knittel das Verhältnis zwischen Staatssicherheitsdienst und Agentin, die der Erzähler Ende der 2010er als prekäre, traumatisierte Alkoholikerin kennenlernt. „Das Moment der Verunsicherung prägt ihr ganzes Leben, nicht nur der Blick auf sich selbst, sondern ihre ganze Weltwahrnehmung wird durch die Zusammenarbeit mit der Stasi gestört“, erklärt der Autor, der „Was du kriegen kannst“ auch als grenzüberschreitende Erzählung, als deutsch-deutsche Geschichte verstanden wissen möchte.
Warum die Stasi den Spionage-Sex wieder aufgab
Wie die Stasi selbst auf die Welt blickt, wird in den teils geschwärzten Akten greifbar, die Clemens Böckmann in seine literarische Collage eingearbeitet hat. Daneben kommen in der Gegenwart der Erzähler aber in Protokollen auch Uta selbst zu Wort. Wobei die Zuverlässigkeit ihrer Erinnerung infrage gestellt wird, wenn sich diese drei Perspektiven immer wieder widersprechen und Böckmann obendrein hin und her springt zwischen den Zeitebenen.
Weil der informative Mehrwert verschwindend gering war und sich die Sexualmoral im Westen gewandelt hatte, kam die Stasi übrigens nach einigen Jahren wieder ab von solchen Operationen, weiß Böckmann. Der Geheimdienst hatte nicht bedacht, dass Männer aus nicht-sozialistischen Ländern mit einer Affäre nicht mehr erpressbar sind und beim Geschlechtsverkehr kaum über Geheimnisse geplaudert wird.
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