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Bülent Ceylan in Heilbronn

Jetzt wird alles gut

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Diktatürk und Menschenfreund oder: Arschloch bleibt Arschloch, Mensch bleibt Mensch. Wie Comedian Bülent Ceylan im Redblue in Heilbronn 2700 Fans beseelt.

Hier herrschen Zucht und Ordnung: Bülent Ceylan gibt den Diktatürk und wird hemmungslos entlarvend in weitere Kunstfiguren schlüpfen – sehr zur hellen Freude seiner 2700 Fans im Redblue in Heilbronn.
Hier herrschen Zucht und Ordnung: Bülent Ceylan gibt den Diktatürk und wird hemmungslos entlarvend in weitere Kunstfiguren schlüpfen – sehr zur hellen Freude seiner 2700 Fans im Redblue in Heilbronn.  Foto: Ralf Seidel

Waren die Türken einst vor Wien - lang ist es her -, sind sie jetzt in Böckingen, stellt Bülent Ceylan klar, dass er sich auskennt. Ceylan darf das sagen, so wie er seine „Kanakenfreunde“, wie er sie nennt, daran erinnert: Es heißt die Türkei. Also weiblich. Aber ERdogan und nicht SIEdogan.

Ungeniert offen ist er auch anderswo. Aber in Heilbronn genießt Bülent Ceylan eine Art Heimbonus. Hier, wo er vor zig Jahren als noch unbekannter Comedian im Alten Theater Sontheim seinen ersten Auftritt in der Region hatte. „Gibt es das Theater noch?“. Ja, rufen einige im Redblue. 2700 Fans sind es an diesem Abend, die Ceylans aktuelles Programm feiern.

Die Untertanen in Heil-Brronn

Als „Diktatürk“, so der Titel der Show, weiß der Comedian aus Mannheim: Bei Uniform denkt der Deutsche, alles wird gut. Ein Umstand, den der nun auch schon 50-Jährige auskostet und die Menge betört. Die kommenden knapp drei Stunden mit Pause werden sie ihm an den Lippen hängen. „Untertanen“, schnarrt Bülent Ceylan mit rollendem R, verdreht die Augen, schiebt ein „Heil-Brronn“ hinterher. „Geht nur in dieser Stadt“, freut sich der Mann in Fantasieuniform, erhebt theatralisch die Hände in weißen Handschuhen wie ein Messias.  Mit Sonnenbrille, dunkler Mähne, Generalmütze, Schärpe und Kordeln über der Brust - eine Erscheinung zwischen Muammar al-Gaddafi und Karneval-Despot - spricht er zu uns, dem verführbaren Volk.

Nicht Grönland will er, sondern Holland, spürt, wie seine Uniform die Frauen erregt. Als Friedensnobelpreisträger 2027 bis 2030 empfiehlt er sich. Kommt einem bedrohlich bekannt vor. „Hier herrscht Meinungsfreiheit“, beruhigt der selbsternannte Diktator, das heißt, ein Zustand frei von Meinung, frotzelt Ceylan. Das Redblue tobt vor Begeisterung. „Jetzt habe ich euch da, wo ich euch haben will.“

Eine gewinnende Rampensau mit treuherzigem Augenaufschlag

Umständlich schält sich Bülent Ceylan, der vierfache Vater und Familienmensch, aus der Autokraten-Kluft. „Es ist so schwer, sich von Diktatur zu befreien.“ Da steht er nun im schwarzen T-Shirt, streift sich die vertraute Lederjacke über, begrüßt seinen Freund Emanuel Odiase in der fünften Reihe, Mittelblock. Den Boxer aus Heidelberg, der sich an die Spitze im Schwergewicht kämpfen will. Beim nächsten Fight in der SAP-Arena will Ceylan im Showteil unterstützen.

Heute geht es bei allem Blödsinn um etwas anderes: „Ich musste dieses Programm machen - es gibt so viele Arschlöcher.“ Sprich Diktatoren, die die Welt beherrschen wollen. Nicht mit Bülent Ceylan. Ob als Thor, als Hassan, Harald, als Mompfreed, als Pelzgeschäftsbesitzersgattin Anneliese - die bekannten Kunstfiguren, bei denen das Publikum ausflippt, bevor Ceylan den Mund aufmacht - ob als Künstler, als Mensch: Bei allen Zoten, bei allem Fäkalhumor, Bülent Ceylan zeigt Haltung. Eine gewinnende Rampensau mit treuherzigem Augenaufschlag und ein großer Komödiant. Ein Entertainer, der Metal kann und Marschmusik. Und zu Hause, wie er kokettiert, strammsteht vor Ehefrau und Kindern.

Wer ist zu „Diktatürk“ gekommen, in der Hoffnung, Erdogan zu erleben?

Neben hanebüchenen Blödeleien und Witzchen aus der Pipi-Kacka-Frivolitäten-Ecke nennt Bülent Ceylan Ross und Reiter. Nicht nur, dass er Ralf Schumacher Fernsehverbot erteilen würde, denen, die ihr Auto zwischen zwei Parkplätze stellen, eine Buße auferlegen, ganz zu schweigen von den Strafen für Auf-den-Boden-Spucker. Das Schlitzohr „entschuldigt“ sich bei denen, die zu „Diktatürk“ gekommen sind in der Hoffnung, Erdogan zu erleben.

Was er von Netanjahu hält? Von Trump? „Arschloch ist Arschloch. Mensch ist Mensch.“ Schon switcht er weiter zu Frauen-Marotten. Erklärt dann, was herauskommt, wenn der Vater Moslem ist und die Mutter katholisch: ein evangelischer Christ.

 „Lasst uns uns als Gesellschaft nie spalten lassen“

Köstlich die Slapstick-Nummer, wenn Assistent Ali ihm von der Bühne hilft, tollpatschig über eine Klappleiter, und Ceylan - Stichwort Hobby Horsing - auf einem Steckenpferd zu den hinteren Reihen galoppiert. Sollten sich nicht alle ihr Kinderherz bewahren? Man mag bei manch derbem Spruch den Kopf schütteln. Wie Bülent Ceylan aber immer wieder die Kurve nimmt, ist entwaffnend schlau. „Lasst uns uns als Gesellschaft nie spalten lassen.“

Mit einem hämmernden „Habt Euch endlich alle lieb. Bevor es hier ein Unglück gibt“ von seiner zweiten Metal-Platte dreht er kurz vor Schluss noch einmal auf . Mit „Gottes Segen“ verabschiedet Ceylan beseelte Fans. Jetzt nur noch das Auto finden in den zugeparkten Seitenstraßen der Böllinger Höfe.

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