Jürgen Kuttner, 1958 in Ost-Berlin geboren, Radiomoderator, Kulturwissenschaftler, Theaterregisseur, freier Kunstschaffender, war langjähriger Moderator des Rundfunksenders Fritz (RBB) sowie Mitbegründer der ostdeutschen Ausgabe der „taz“. Studium der Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin. Neben seinen Sprechfunkabenden hält Kuttner seit 1996 monatlich sogenannte Videoschnipselvorträge unter dem Titel „Von Mainz bis an die Memel“ an der Volksbühne Berlin. Jürgen Kuttner hat drei Töchter, er ist der Vater von Sarah Kuttner undLena Brasch.
Zwischen Theodor Adorno und Quatsch
„Schwabenpower!“ und betreutes Fernsehen: Ein köstlicher Videoschnipselabend mit Jürgen Kuttner aus Berlin auf dem Theaterschiff Heilbronn und warum die Gegenwart nicht satisfaktionsfähig ist.

Es beginnt mit einer Terrorschleife, dann kommt der eigentliche Vortrag, schließlich Joseph Beuys, bringt Jürgen Kuttner den Aufbau des Abends auf den Punkt. Egal, wo er auftritt mit seinen Videoschnipselvorträgen, das Prinzip ist dasselbe. „Betreutes Fernsehen“ nennt es die Ostberliner-Radiolegende und Theatertausendsassa Kuttner.
Seit 1996 veranstaltet er Videoschnipselabende an der Berliner Volksbühne und inzwischen auch anderswo. In Hamburg, München, Frankfurt, Basel. Und jetzt in Heilbronn auf dem Theaterschiff. „Schwabenpower!“ heißt die Ein-Mann-Schau, die Kuttner in ähnlicher Form in Berlin gegeben hat: zum Abschied von Ulrich Khuon als Intendant des Deutschen Theaters, ein Schwabe aus Stuttgart. Doch ist jeder Auftritt Kuttners anders und folgt keinem Programm.
Kuttner ist kein Kabarettist, Kuttner improvisiert
Kuttner ist kein Kabarettist, Kuttner improvisiert und hat eine klare Vorstellung, wohin die Reise geht. Die Videoschnipsel sind ausgewählt für köstlich komische und luzide Kommentare zwischen Adorno und genialem Quatsch. Wurde Kuttner doch einst mit einer Arbeit zu „Massenkultur und Masse“ promoviert. 20, 30, 40 bis 50 Jahre alt – „Die Gegenwart ist nicht satisfaktionsfähig“ – sind die Fernsehausschnitte, die, je unsinniger, desto besser, sich anbieten für psychosoziale Tiefenbohrungen. Das Publikum auf dem am Freitag und Samstag ausverkauften Theaterschiff hat seine helle Freude.
Wie er überhaupt dazu kommt, hier aufzutreten? Tochter Lena Brasch hatte vergangenes Jahr auf dem Theaterschiff inszeniert, der Papa war zur Premiere angereist, und die Jungs vom Theaterschiff hätten ihn dann überredet. Auch dazu, eine Ausnahme zu machen: mit einem Programm mehrfach auf die Bühne zu gehen. Im Juni kommt Kuttner wieder.
„Spätzle, Porsche, Benz: Mir Schwoba henn’s“
Ging es beim ersten Videoschnipselabend 1996 an der Volksbühne, als das Haus den 7. Jahrestag des Mauerfalls feierte, um innerdeutsche Befindlichkeiten, reicht die Spanne längst weiter. In Heilbronn richtet Jürgen Kuttner den Fokus auf das Generalthema „Schwabenpower!“, die er breit anlegt und divers versteht. Recht hat er. Auch, dass er sich grinsend vom Untertitel „Spätzle, Porsche, Benz: Mir Schwoba henn’s“ distanziert, der nicht auf seinem Mist gewachsen ist, sondern vom Theaterschiff stammt.
Was in den nächsten zwei Stunden und 20 Minuten ohne Pause folgt, ist keine Folklore. Auch wird der Preuße den Schwaben nicht erklären, wer sie sind, sondern von draußen draufsehen, kühne Kontinuitäten ziehen von Schubart, Hölderlin, Schiller zu Gudrun Ensslin, vom Hohenasperg über das Tübinger Stift zum schwäbischen Pfarrhaus – und das mit einem Fernsehauftritt belegen von Adamo Anfang der 70er Jahre, als der belgische Sänger in dem Schlager „Ach, die schönen Damen“ radikal schmachtet: „Ich hab’ einen wundervollen, tollen Plan, ich spreng’ in die Luft die ganze Autobahn.“
Weil Heilbronn auf der zweiten Silbe betont wird
Das soll ihm einer nachmachen: Kuttner redet ohne Punkt und Komma in einer atemlos eigenen Diktion, fängt einen Satz an, schlägt Volten und greift den Faden irgendwie wieder auf. Zuerst aber wird er vom Publikum korrigiert, nachdem Kuttner Heilbronn stoisch auf der ersten Silbe betont, statt auf der zweiten. Der Mann ist lernfähig.
Vom offiziellen Schwabenbesuch im Westberlin der 60er Jahre über die zweite Welle nach 1968, die Krawallschwaben, zur dritten Welle nach dem Mauerfall und zur Thierse-Schwaben-Debatte (Schrippen contra Weckle) kommt Kuttner, dem ein Schwabenspruch imponiert wie „ach, das freut mich königlich, dass die Dame säuft wie ich“, zu Fallbeispielen. Zu Automechaniker Ludwig Schäble etwa, der im Schwäbischen Wald „Versle bosselte“.
Der Pornofilmproduzent aus Lörrach
Was hat Jürgen Kuttner nicht ausgegraben an aberwitzigen Schnipseln, eine TV-Doku über einen Pornofilmproduzenten aus Lörrach (Achtung! Baden), über einen Neu-Millionär mit Villa im Stuttgarter Westen. Beiläufig streut Kuttner Zeilen aus dem Rilke-Gedicht „Der Panther“, springt zum Schlagerduo Cindy & Bert (aus Recklinghausen). Und ist großzügig mit seiner Vorstellung von schwäbisch wie die Schweizer, für die alle Deutschen, selbst Berliner, Schwaben sind.
Und was war das mit der Terrorschleife? Mit der der Abend begann? Die Dauerschleife eines Schwarz-Weiß-Videoschnipsels, in der eine schwäbische Hausfrau mit Kittelschürze „Schaffe, spare, Heisle baue und ned nach de Mädle schaue“ singt? Hat die Funktion, das Publikum in eine gewisse Verzweiflung zu treiben, aus der Kuttners Vortrag befreien soll. Dass das Lied vom Dortmunder Sänger Ralf Bendix stammt, dürften nur wenige wissen.

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