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Kunstverein Heilbronn
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Zwischen Sunset Boulevard und dem Atelier in Bern

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Die Ausstellung „Stop and Go“ im Kunstverein zeigt Malerei und Fotografie von Marius Lüscher: Warum für den Künstler aus der Schweiz alles denselben Stellenwert hat, eine Kühlerhaube wie der Himmel. 

„Meine Fotografie sehe ich nicht als Realität“: Sowohl in seinem fotografischen Werk wie in der Acryl-Malerei untersucht Marius Lüscher Möglichkeiten der Abstraktion und der Gleichberechtigung von Formen und Farben.
„Meine Fotografie sehe ich nicht als Realität“: Sowohl in seinem fotografischen Werk wie in der Acryl-Malerei untersucht Marius Lüscher Möglichkeiten der Abstraktion und der Gleichberechtigung von Formen und Farben.  Foto: Lina Bihr

Mit der Wirklichkeit ist es so eine Sache. Oft stellt sie sich erst im Auge des Betrachters ein, also sehr individuell. „Meine Fotografie sehe ich nicht als Realität“, rückt Marius Lüscher ein gängiges Vorurteil zurecht, Fotografie sei Wirklichkeit.

Für Lüscher hat alles auf einem Foto denselben Stellenwert. Das Dach eines Gebäudes, der Himmel, die Kühlerhaube eines Fahrzeugs, eine Absperrung. So wie in der abstrakten Malerei für Lüscher Farbe und Formen gleichberechtigt sind, zarte Linien und Spatelstriche, mal in lasierendem, also dünnflüssigem Farbauftrag, mal pastos dicht, gemalt, schabloniert oder gesprüht.

Keine Landschaften, geschweige denn Berge

„Stop and Go“ heißt die Ausstellung im Kunstverein Heilbronn, die ab Freitag den Künstler aus Bern präsentiert, der, inspiriert von der amerikanischen Malerei eines Willem De Kooning, Jackson Pollock oder auch Roy Lichtenstein alles andere als schweizerisch daherkommen möchte, wie Lüscher kokettiert. Also keine Landschaften, geschweige denn Berge. Erinnert der Begriff stop and go an das nur langsame Vorankommen, gar an Stau, ist es für Marius Lüscher die Art und Weise, sich einem Fotoobjekt zu nähern oder einem Bild. Dabei ist seine Malerei Handlung, das Handwerkliche interessiert ihn, weniger das Technische. Immer arbeitet er mit denselben Acrylfarben und direkt auf die Leinwand, ohne Vorstudien. Ein bewusster, mitunter langwieriger Prozess.

Im Kunstverein Heilbronn sind ausschließlich Hochformate zu sehen, sowohl die Malerei als die Fotoarbeiten sind vertikal. Jegliche Anmutung einer Landschaft, die Querformate nun mal suggerieren, soll vermieden werden. Als Abstraktion der Abstraktion versteht Lüscher seine Bilder, dazu passt auch seine Beschäftigung mit Fernand Léger in jüngster Zeit, den Meister der Formen zwischen Kubismus und Pop Art.

Die gleißende Mittagssonne mit ihren harten Schatten

Parallel zu seinen Bildern, die er in seinem Atelier in Bern schafft,  entsteht das fotografische Werk auf Reisen. Europa, USA, Japan, Brasilien, zweieinhalb Jahre hat Marius Lüscher in Los Angeles gelebt. Zu der Zeit nennt er sein fotografisches Alter Ego Freddy Perez. Die Geschichte dahinter ist denkbar simpel. Als er den Sunset Boulevard entlang fuhr, vermutlich stop and go, entdeckte er den Schriftzug eines Optikers und Augenarztes namens Freddy Perez. Seine Fotos bearbeitet er nur ein klein wenig, betont Helligkeit und Kontraste. Die gibt die gleißende Mittagssonne vor, seine bevorzugte Zeit fürs Fotografieren, ein Licht mit harten Schatten.

Marius Lüscher, 1974 in Zürich geboren, erforscht die Möglichkeiten der abstrakten Kunst in der Malerei, Fotografie und Druckgrafik, wobei ihn weniger das Technische, sondern das Handwerkliche interessiert. Von 2014 bis 2017 lebt er in Los Angeles, 2022 Studienaufenthalt in Brooklyn/New York. Lüscher lebt in Bern, wo er ein Atelier unterhält. 

Lüschers Bilder sind nicht gefällig und doch leicht und dynamisch. In ihrer Wechselwirkung, hier Acryl auf Leinwand, daneben Colour-Prints auf Hahnemühle-Papier, verströmen sie in den beiden Räumen im Kunstverein eine fast psychedelische Aura. Lüscher tüftelt an den Möglichkeiten der abstrakten Kunst, ohne dass es angestrengt anmutet. Bildsprache und Formenrepertoire scheinen fließend, bewusste Bezüge zur organischen oder anthropomorphen Welt gibt es keine. Bildelemente greifen ineinander und verschmelzen auf den bis 2,20 Meter hohen Tafeln. Doch auch wenn man sich auf Lüschers Bildern auf den ersten Blick schwer körperlich wiederfinden wird, Assoziationen rufen die Bildflächen wohl wach, ob in organischen oder anorganischen Konstellationen.

Ein Werk voll Zeichen

So wie Malerei und Fotografie zwei autonome, ganz unterschiedliche Arbeitsprozesse sind – und sich dennoch durch die Hängung wunderbare Bezüge ergeben –, entstehen unabhäng Serien kleiner Zeichnungen und Skizzenbücher, die Lüscher wohl öffentlich bisher nicht zeigt. Sind die Fotoserien in L.A. vor zehn Jahren entstanden, sind die Momentaufnahmen aus Paris, Marseille, Monte Carlo, Tokio und Kyoto überwiegend aktuell, wie auch die Bilder, die sämtlich keine Titel tragen. Ein Werk voll Referenzen, Zeichen und hohem Schauwert.

Ausstellungsdauer

Kunstverein Heilbronn, Allee 28/Kunsthalle Vogelmann. Eröffnung „Stop and go“: Freitag, 19 Uhr. Bis 26. April, Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr. Eintritt: 1 Euro.

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