Zwischen Schlachthaus und Gummizelle: „Die letzten Tage der Menschheit“ im Theater Heilbronn
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Angesichts der aktuellen Weltlage ist Karl Kraus’ gut 100 Jahre altes Anti-Kriegs-Stück beunruhigend aktuell. Regisseur Georg Schmiedleitner und Dramaturgin Sophie Püschel haben eine eigene Fassung aus dem Monumentaldrama erarbeitet. Kann die Inszenierung überzeugen?
„Me and the Devil“: Juliane Schwabe (Mitte) als sensationslüsterne Reporterin Alice Schalek in Georg Schmiedleitners knalliger Inszenierung.
Foto: Candy Welz
Dass es keine Kleinigkeit ist, den Weltuntergang zu inszenieren, bemerkte schon der österreichische Theaterkritiker Alfred Polgar 1923 angesichts der auszugsweisen Uraufführung von Karl Kraus’ Monumentalwerk „Die letzten Tage der Menschheit“. Als unaufführbar hat der Satiriker Kraus selbst sein Stück bezeichnet, mit dem er den Ausbruch und Verlauf des Ersten Weltkriegs abbilden wollte.
Wie den Irrsinn der Zeit abschreiben, eine absurde Wirklichkeit zitieren? Aufgeschnappte Gespräch, Zeitungsartikel, Befehle, Briefe, Anordnungen, Predigten, Gerichtsurteile und vieles andere hat Kraus von 1915 bis 1922 zu insgesamt 220 Szenen mit mehr als 1000 Figuren montiert. Für das Theater Heilbronn haben sich nun Regisseur Georg Schmiedleitner und Dramaturgin Sophie Püschel das Original vorgenommen und daraus eine eigene Collage erstellt.
Gelungen ist ihnen eine Produktion, die mit grellen Überzeichnungen arbeitet, Skurriles und Grausames zu beklemmenden Szenen verdichtet und den Zuschauer herausfordert durch schwindelerregende Wechsel von Orten und Personen. Nach dreieinviertel Stunden mit Pause wirkt das Premierenpublikum am Samstagabend im Großen Haus geplättet, aber auch nachdenklich – und spendet lange Beifall.
Das Ensemble spricht teils Dialekt, was nicht immer glückt
Das elfköpfige Ensemble agiert expressiv, schlüpft rasant in unterschiedliche Rollen, spricht teils österreichischen Dialekt – was nicht konsequent glückt. Authentisch ist hier Michaela Schausberger als Gast, wenn die gebürtige Oberösterreicherin beispielsweise als Viktualienhändler Vinzenz Chramosta vom Krieg profitieren will: „Dös san meine Höxtpreis, da wird net a luckerter Heller abghandelt!“
Kraus’ „Letzte Tage“ ist eine Tragödie ohne Helden, die ätzende Kritik übt an einer Gesellschaft, die sich von bellizistischer Propaganda und Rhetorik einschwören lässt auf Nationalstolz und Fremdenhass, an dumpfen Durchhalteparolen festhält und auch im fünften Kriegsjahr wider besseren Wissens vom Endsieg schwadroniert.
Wobei Presse und Kirche munter mitmischen. „Dieser Krieg ist eine von Gott über die Sünden der Völker verhängte Strafe“, verkündet ein von Judith Lilly Raab gespielter protestantischer Geistlicher. Als sensationsgeile Reporterin Alice Schalek kann Juliane Schwabe im strassbesetzten Abendkleid und mit aufgerissenen Augen gar nicht nah genug heran ans Kämpfen und Sterben.
Über den Autor Karl Kraus
In Jicin, Böhmen, 1874 geboren, in Wien 1936 gestorben, zählt der Schriftsteller und Publizist Karl Kraus zu den bedeutendsten Sprach- und Kulturkritikern des 20. Jahrhunderts. Sein Jurastudium bricht der Sohn eines jüdischen Papierfabrikanten ab. 1897 verfasst er die satirische Abrechnung mit der Kaffeehauskultur der Wiener Moderne „Die demolirte Litteratur“. Ab 1899 erscheint seine Zeitschrift „Die Fackel“, die Kraus bis zu einem Tod quasi als Ein-Mann-Betrieb veröffentlicht. Aus ihr geht auch das Monumentaldrama „Die letzten Tage der Menschheit“ hervor. Weitere Dramen von Karl Kraus sind heute in Vergessenheit geraten. Zu Lebzeiten kommt es zu zahlreichen Prozessen mit Personen, die sich von Kraus’ Artikeln angegriffen fühlen.
Trotz Kürzung entwirft auch die Heilbronner Inszenierung ein breites Panorama von der Front bis zur Heimat. Denn Krieg, so ein zynischer Hauptmann, „das is nicht nur gegen den Feind, da müssen die Eigenen schon auch was gspürn!“
Unermüdlich rotiert die mehrstöckige Bühne von Stefan Brandtmayr mit Rutsche, Turm und Räumen, die an Schlachthaus und Gummizelle erinnern. Und geraten die Darsteller in knallpinken Kostümen und Uniformen von Cornelia Kraske von einer Episode in die nächste. Musiker Johannes Mittl steuert von der Seitenbühne den Soundtrack bei zwischen „Wiener Blut“ von Walzerkönig Johann Strauss Sohn und Soap&Skins Popnummer „Me and the Devil“, gesungen von Schwabe.
Stellenweise kippt die Inszenierung ins Surreale
Schmiedleitner spitzt Kraus’ ohnehin deftige Satire weiter zu, übersteigert sie stellenweise ins Surreale: Ein wiederkehrendes Clowns-Paar kopuliert orgiastisch mit zwei Militärärzten, Kinder mit Bonbon-Köpfen spielen Weltkrieg, ein außerirdisch anmutendes Trio kommentiert das apokalyptische Tableau.
Aus der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts hat die Menschheit nichts gelernt und angesichts der Weltlage sind „Die letzten Tage“ wieder beunruhigend aktuell. Wenn ein tänzelnder Pablo Guaneme Pinilla als Generalstabschef Hötzendorf sich eine Landkarte umhängt, vom Haben, Besitzen, Besetzen von Ländern fantasiert, erinnert das nicht nur an Chaplins „Der große Diktator“, sondern mag man darin auch Putin und Trump wiedererkennen. Da hätte es keine plakativen Videoeinspieler mehr gebraucht mit Aufnahmen von Hitler bis Assad.
„Ich habe stets meine Pflicht erfüllt“, spricht ein blutbeschmierter Hauptmann das Schlusswort und reckt eine Tüte mit dem angeschlagene Haupt eines italienischen Gefangenen in die Höhe. „Kopf hoch!“
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