Zeugnisse einer Obsession: Retrospektive zu Kaari Upson in der Kunsthalle Mannheim
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Als die US-Künstlerin Kaari Upson 2021 im Alter von 51 Jahren verstarb, hinterließ sie ein faszinierend verstörendes Werk. Dieses lässt sich derzeit in einer großangelegten Retrospektive in der Kunsthalle Mannheim entdecken.
„Diese Ausstellung enthält Darstellungen von Gewalt, Tod und Sexualität“, bereitet eine Triggerwarnung den Besucher am Eingang auf die Welt vor, die er betritt. In dieser finden sich verbrannte Körper, schmuddelige Sofas und Matratzen, ein Wald aus fleischigen Beinen sowie ein überdimensioniertes, düsteres Puppenhaus. In gerade einmal 15 Jahren hat Kaari Upson ein faszinierend verstörendes Werk geschaffen. Einem internationalen Publikum stellte sich die US-Künstlerin, deren Mutter aus Deutschland stammte, durch ihre Teilnahme an der 58. Biennale in Venedig vor. 2021 erlag sie im Alter von 51 Jahren einer Krebserkrankung.
Biografisches über die US-Künstlerin Kaari Upson
Kaari Upson wird 1970 in San Bernardino/Kalifornien geboren. Studium an der New York Studio School und am California Institute of Arts in Valencia/Los Angeles County. Erste Ausstellungen ab 2007, 2010 Bezug des Ateliers am Beverly Boulevard in L.A., im Jahr darauf folgt eine Krebsdiagnose. 2019 nimmt Upson mit der Installation „There is no such thing as outside“ („Es gibt kein Draußen“) an der Biennale in Venedig teil. Mit „Vain German“, „Untitled (Foot Face)“ und „Clay Babies“ entstehen ab 2020 letzte Serien, ehe Upson 2021 stirbt.
„Ihr Werk ist ein Werk, das von Anfang bis Ende eine unglaubliche Dichte an persönlich erlebten Erzählungen in sich trägt“, daraus allgemeingültige Geschichten entwickele und sich nebenbei durch einen sehr bewussten Diskurs auszeichne über die Objekte, mit denen sich Upson beschäftigt habe, sagt Johan Holten. Der Direktor der Kunsthalle Mannheim hat nun die erste große museale Retrospektive zu Kaari Upson in Deutschland kuratiert mit Skulpturen, Installationen, Videos und Zeichnungen. „Dollhouse“, also Puppenhaus, titelt die Schau, die bis 31. Mai läuft und eine Kooperation ist mit dem Museo d’arte della Svizzera italiana di Lugano sowie dem Louisiana Museum of Modern Art in Kopenhagen.
Ein Szenarium wie aus einem Horrorfilm
Für Holten, der Ende März die Kunsthalle Richtung Kopenhagen verlässt, schließt sich damit ein Kreis. Hatte der gebürtige Däne doch in Mannheim mit seiner ersten Sonderausstellung unter dem Titel „Umbruch“ auch Kaari Upson mit aufgenommen als eine weibliche bildhauerische Position – und anschließend ihre Arbeit „Mother’s Legs“ angekauft. Rosafarbene und mit Knien versehene Holzstämme hängen wie in einem Schlachthaus von der Decke und lassen an ein Szenarium denken, das einem Horrorfilm entstammen könnte.
In Mannheim ist „Mother’s Legs“ zum Ende des Ausstellungsrundgangs zu sehen – zusammen mit Kaari Upsons letzter Serie „Foot Face“. Die Reihe von Zeichnungen verhandelt Krankheit, Vergänglichkeit und Tod, wobei das gleiche Motiv variiert wird: ein Gesicht mit einem Fuß als Nase. Ursprünglich auf ein ganzes Jahr angelegt mit einem Blatt pro Tag, bricht „Foot Face“ mit der 140. Zeichnung ab, nachdem sich die Gesichtszüge nahezu ganz aufgelöst haben.
Das Spiel mit Grenzüberschreitungen
Den Auftakt von „Dollhouse“ bildet Kaari Upsons frühe Werkgruppe „The Larry Project“. Unter dem fiktiven Namen Larry imaginierte sich die Künstlerin ab 2005 das Leben eines realen Nachbarn ihrer Eltern im kalifornischen San Bernardino. Dazu drang sie in dessen ausgebrannte, leerstehende Villa ein und sammelte verschiedene Gegenstände, von denen sie im Atelier Latex-Abgüsse anfertigte.
Die obsessive Beschäftigung mit dem unbekannten Mann trieb Upson gewissermaßen bis zur Verschmelzung, indem sie sich und Larry porträtierte, die noch feuchten Leinwände aneinanderdrückte und wieder auseinanderzog. „Kiss Paintings“ nannte sie die Serie von Doppelbildern. Um sich von Larry zu lösen, inszenierte sie dann ihrer beider symbolischen Tod in der Arbeit „Untitled (Charcoal Figures)“: als zwei nebeneinanderliegende verkohlte Figuren.
Ein überlebensgroßes Puppenhaus: Ansicht der Rauminstallation "There is no such thing as outside", 2017-19. Esmé Trust / Kaari Upson Trust. Courtesy Sprüth Magers, Foto: Timo Ohler
Foto: Esmé Trust / Kaari Upson Trust. Courtesy Sprüth Magers, Foto: Tim Ohler
Den Blick auf Übergänge richten
Wie lebendige Wesen wirken wiederum teils die Sofas und Matratzen, mit denen die Retrospektive fortfährt und die Upson in den Straßen von San Bernardino und Los Angeles gefunden hat. Abgegossen in Latex und Uretan, schlagen sie Falten, haben Flecken, bäumen sie sich auf zu Skulpturen. Und markieren zugleich den Übergang vom privaten Alltagsgegenstand aus dem Innersten des US-amerikanischen Haushalts zum öffentlichen, ekelerregenden Sperrmüll. Irgendwo zwischen Ideenskizze und Mindmap bewegen sich die Zeichnungen, die in einigen Räumen gezeigt werden.
Den Höhepunkt der Mannheimer Schau bildet schließlich jenes Werk, mit dem Upson auf der Biennale in Venedig vertreten war: „There is no such thing as outside“. Mittels 3D-Scan hat sie das Puppenhaus ihrer Mutter zu einer begehbaren Installation vergrößert und um Videoarbeiten ergänzt. Aus dem miniaturhaften Objekt kindlichen Spiels wurde so ein alptraumhaft verzerrtes Modell – das Johan Holten als Bühne für eine Familienaufstellung deutet. Damit auch die letzten 30 Zentimeter der riesigen Rekonstruktion noch Platz haben, musste ein Loch in die Decke der Kunsthalle gesägt werden.
Ausstellungsdauer
Bis 31. Mai, Dienstag bis Sonntag und Feiertage von 10 bis 18 Uhr.
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