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Literaturhaus Heilbronn
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Wo alles weniger schlimm ist

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Der Schweizer Markus Bundi stellt im Literaturhaus Heilbronn sein Ezählbändchen „Zur Krummen Brücke“ vor - und plaudert über Thekenphilosophen und Menschen in Kneipen, die keine Touristenfalle sind.

Die Kneipe als zweites Wohnzimmer, wo man sein darf, wie man ist: Markus Bundi liest im Literaturhaus Heilbronn.
Die Kneipe als zweites Wohnzimmer, wo man sein darf, wie man ist: Markus Bundi liest im Literaturhaus Heilbronn.  Foto: Helmut Melchert

Vielleicht ist dieses Lapidare, beiläufig-präzis Knappe etwas Schweizerisches. Nicht von ungefähr mag Markus Bundi die Anekdote als das Abweichende. Oder, um mit Heinrich von Kleist zu argumentieren, die „unwahrscheinlichen Wahrhaftigkeiten“. Wenngleich Kleist Preuße war. Das Knappe schätzt der Schweizer Bundi auch an Kafka. Und an seinem Lieblingsautor Klaus Merz, ebenso Schweizer, den Bundi am Ende des Abends im Literaturhaus Heilbronn mit einer denkbar lapidaren Sentenz zitieren wird: „Der Verfall ist der Verfall.“

Mit seiner Erzählung „Zur Krummen Brücke“, eine Folge aus Reflektionen, Denkzetteln oder eben Anekdoten, stellt der 1969 bei Baden im Kanton Aargau geborene Schriftsteller auch seine Theorie der Dichtkunst vor. „Es muss selbsterkennend sein, sonst ist es kein gutes Buch“, verleiht Bundi dem Pächter und Wirt des titelgebenden Gasthauses eine Erzählstimme und lässt den Brückenwirt in dem bei Klöpfer & Meyer erschienenem Bändchen in dessen Aufzeichnungen sinnieren: etwa über den Klospruch „Ich liebe den Menschen, ist ja sonst niemand das“ und ob sich hinter den Initialen M.A. der römische Philosophenkaiser Marc Aurel verbirgt.

In der Kneipe kann man sein, wer man ist, aber in Gesellschaft

Ähnlichkeiten mit Lebenden sind gewollt in dieser Hommage an die Stammkneipe an sich, die keine Touristenfalle ist. Vielmehr ein zweites Wohnzimmer, der „nostalgisch überhöhte Ort“, wie Bundi im Gespräch mit Literaturhauschef Anton Knittel ausführt, „wo man sein kann, wie man ist, aber in Gesellschaft“. Und so ist es auch in der „Krummen Brücke“, dass man sich willkommen fühlt, geborgen, „alles ist weniger schlimm“. Gerade, weil „der Mensch ermüdet“, wie Bundi sagt.

Wer nun Tresenerzählungen zur Depression neigender Menschen erwartet, wird vom Humor des Autors eines Besseren belehrt. Dass der studierte Philosoph schon als Sportredaktor gearbeitet hat und einige Jahre als Kulturredakteur, mag seinen Blick auf den Alltag geschult haben. Auf Max und Moritz, zwei Schachspieler, Mitte 50, Stammgäste, die beiden Geschichtslehrer kennen sich seit der Schule. Andere Gäste wollen einfach nur da sein, ihr Bier trinken, in Ruhe gelassen werden. Fehlen Prince und „Purple Rain“, fehlt auch Jackie, die sonst ab 18 Uhr in der Küche steht, nun aber spurlos verschwunden ist. Dann muss Rousseau, wie der Patron genannt wird, selbst kochen und gibt es nur Hausmannskost, liest Bundi einige Passagen vor.

Good vibes heißt gutes Weib

Unterschiedliche Handlungsstränge kreuzen einander, da ist Luigi, der Wirt vom „Bella Napoli“. Mit dem – „tutto apposto“ – nicht nur die Absprache gilt, dass er italienischen und Rousseau heimischen Wein ausschenkt. Oder Penny, die Aushilfe, deren Wellensittich gestorben ist, die Rheuma hat und Wasser in den Beinen, und bei der „good vibes“ gutes Weib heißt. „Gelingt es mir, wie ein Wirt frei von der Leber zu protokollieren?“, hat sich der Autor beim Schreiben gefragt und kokettiert, „hat nun der Wirt oder der Bundi das Buch geschrieben?“. Wie wir mit Tragödien umgehen, treibt ihn um, wobei der Kraft des Humors eine tragende Rolle zukommt.

Trocken ist dieser Humor bei Markus Bundi. Dem Leser fühlt er sich wohl zugeneigt, die jeweilige Textaneignung allerdings überlässt der Autor seinem Publikum. Ein Text muss selbsterkennend sein.

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