Nature Writing, das Schreiben über die Natur, hat in den vergangenen Jahren eine Renaissance erfahren, im Sachbuch, Roman und in der Lyrik. Vor allem Autorinnen erkunden Landschaften, Flora, Fauna und setzen sich in Beziehung dazu. Sophia Klink, 1993 in München geboren, hat Biologie studiert und über die Symbiose zwischen Bakterien und Pflanzen promoviert. Ausgezeichnet mit Stipendien und Föderpreisen, schreibt Klink Prosa und Gedichte. Sophia Klink lebt in München.
Wie still doch Fische sterben
Autorin und Biologin: Sophia Klink im Gespräch über ihren Debütroman „Kurilensee“ im Literaturhaus Heilbronn, über Nature Writing und warum Pflanzen sicher ein Bewusstsein haben.

„Dass wir eine winzige Spielart von vielen sind“, hat Sophia Klink während ihres Biologiestudiums erkannt. Womit ein Bewusstsein einhergehen sollte, auch Dankbarkeit. Der Begriff Leben ist für die Wissenschaftlerin breit gefasst und voller Verantwortung. „Pflanzen haben sicher ein Bewusstsein“, sagt am Sonntagvormittag im Literaturhaus Heilbronn keine Esoterikerin. Die Naturwissenschaftlerin hat über die Symbiose zwischen Bakterien und Pflanzen promoviert. Und ist zudem Autorin literarischer Texte.
Sprache ist für Sophia Klink ein „Erkenntnismedium, das nicht unterschätzt werden darf“. 2025 wurde nicht nur ihre Dissertation publiziert, auch sind ein Lyrikband erschienen und Klinks Debütroman „Kurilensee“ bei der Frankfurter Verlagsanstalt. Wie die Autorin hier die Sprache der Wissenschaft, Naturbetrachtung, Persönliches ihrer Figuren und deren Emotionen zu einem Amalgam verdichtet, ist von bemerkenswerter literarischer Qualität. Ein 223-Seiten-Buch über die Faszination und die Freude an der Schönheit, über Klimawandel, seine Folgen für das Ökosystem, über eine Scientific Community, über Liebe, Fischkörper und Frauenkörper.
„Ist Wissenschaft nicht auch ein Märchen“
„Wir trinken auf unsere Lieblingsalgen. Auf den Phosphatwert, dass er so hoch bleibt“, oder „Ist Wissenschaft nicht auch ein Märchen“ legt Sophia Klink ihren Figuren in den Mund. In drei Blöcken liest die 32-jährige Münchnerin und das so lebendig, als wäre es ein Hörspiel. Carolin Contomichalos moderiert nicht minder munter, ein lebendiges Gespräch entwickelt sich über Klinks Debüt und Beweggründe der Autorin. Ohne Frage ist „Kurilensee“ fiktional, aber ohne Klinks Perspektive als Biologin nicht denkbar. Setting und Mindsetting haben zu tun mit ihrem eigenen Forschungsaufenthalt am Weißen Meer in Russland 2016, auch wenn der Kurilensee auf der russischen Halbinsel Kamtschatka ein ganz anderes Ökosystem ist.
Die internationale Wissenschafts-Community, egal wo, weiß Klink, tickt ähnlich. Die Abgeschiedenheit auf der Forschungsstation ist vergleichbar. Auch wenn Englisch die Wissenschaftssprache ist, Sophia Klink hat für die Romanrecherche angefangen, Russisch zu lernen. Der Roman erzählt von zwei jungen Wissenschaftlerinnen und Kollegen an eben jenem Kurilensee, zwischen Mai und September ist die Station besetzt. Klimawandel und Überfischung bedrohen die Lachsbestände. Die Biologin Anna versucht zu retten, was zu retten ist, aber wie stark darf sie eingreifen? Am Ende des Sommers soll das Forschungsteam eine Empfehlung abgeben, soll der See mit Phosphat gedüngt werden oder nicht. Die große moralische Frage also, inwiefern manipulieren wir den Klimawandel? Googeln Sie einmal den See, rät Moderatorin Contomichalos. „Sie werden sehen, was auf dem Spiel steht.“
Eine Programmänderung - etwa durch eine Schwangerschaft
Im Roman nimmt Anna Wasserproben, zählt Phytoplankten, Lachse. Von Jahr zu Jahr werden es weniger Lachslarven. Muss man sie chemisch ausgleichen? Detailliert schildert Anna das Töten und Filettieren von Lachs, wie still ein Fisch stirbt, welche neuronale Reaktionen sie auslöst. „Muskelbündel klaffen mir entgegen.“ Doch sie beobachtet auch den eigenen Körper, ergründet ihre inneren Organe, überlegt sich eine Programmänderung etwa durch eine Schwangerschaft. Wie schwer es ist, wenn nicht verpönt, in einer Scientific Community über Gefühle zu sprechen, hat Sophia Klink erlebt. Dabei erzählen auch Wissenschaftler letztlich Geschichten.
Wenn Heilbronn European Green Capital sein wird
Sophia Klink plädiert dafür, das große Ganze zu denken. Und liest zum Ende das Gedicht „Fish Circle“ aus ihrem Lyrikband „Ich lösche die Kirschen aus meinen Genen“. Auch hier geht es um Frauen in der Wissenschaft, um Symbiosen, in einer souverän rhythmisch-lyrischen Sprache. Poetisches Nature Writing aus einem rationalen, aber auch emotionalen Blickwinkel. Quasi ein Vorgeschmack auf einen Programmschwerpunkt im kommenden Jahr, hat Literaturhauschef Anton Knittel zu Beginn gesagt. Wenn Heilbronn European Green Capital sein wird.

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