1944 in Heinzendorf/Oberschlesien geboren, aufgewachsen bei Leipzig, durfte Christoph Hein als Pfarrerssohn zunächst kein Abitur machen. Nach dem Mauerbau arbeitete er als Montagearbeiter, Buchhändler, Kellner, Journalist, Schauspieler und Regieassistent, holte sein Abitur an der Abendschule nach. In Berlin und Leipzig studierte er Philosophie und Logik, war Dramaturg und Autor an der Volksbühne Berlin. Seit 1979 arbeitet Hein als freier Schriftsteller.
Wie der Romancier Christoph Hein DDR-Geschichte in den Griff bekommt
„Das Narrenschiff“ und mehr: Christoph Hein, vielfach ausgezeichneter Autor, im Gespräch im Komödienhaus Heilbronn - und die Lebenslüge der DDR, dass alle Nazis in den Westen zogen.

Angst“, sagt Christoph Hein, „war etwas sehr Beherrschendes für diesen Staat, dieses System.“ Diese Angst der DDR, der Partei und seiner Funktionäre hat er zu spüren bekommen. Hein gilt als der Chronist der DDR. Sein jüngster, im März erschienener Roman „Das Narrenschiff“ liegt in der 8. Auflage vor, stand monatelang auf der „Spiegel“-Bestsellerliste, sieben Filmgesellschaften sollen bereits angefragt haben, um sich die Rechte zu sichern. 751 Seiten DDR-Geschichte. Diesmal „von oben erzählt“, entlang der Lebensläufe von Figuren, die in der DDR Karriere machten.
Muntere Lehrstunde
Im Komödienhaus Heilbronn hat am Samstag einer der bedeutendsten Schriftsteller seiner Generation einen eindringlichen Auftritt. Dass der 81-jährige Christoph Hein den Weg von Havelberg im Landkreis Stendal angetreten ist, ist der langen Bekanntschaft mit Heilbronns Intendant Axel Vornam zu verdanken. Im Gespräch mit Holger Teschke, Hein-Kenner und selbst Autor, gerät der dichte Abend zu einer so profunden wie persönlichen, menschlichen wie munteren Lehrstunde zur DDR-Geschichte. Aber auch über die poetische Kraft der Literatur.
Ein Gespür für dramatische, filmische Dialoge
Hein rollt die Geschichte eines Staates, der nach 40 Jahren spurlos zu verschwinden scheint, an zahlreichen Nebenfiguren und Nebenschauplätzen auf. Vor allem aber anhand der Biografien dreier Männer, die zur Nomenklatura des Arbeiter- und Bauernstaates zählen, der das neue, bessere Deutschland sein will, Opportunisten auf unterschiedliche Art, die mit den Jahren in der DDR ins Hintertreffen geraten. Er erzählt von ihren Frauen und Kindern und wie sich deren Leben mit der Zeitgeschichte verbinden. „Hast du dich gefragt, wer das lesen will?“, fragt Holger Teschke.
„Ich wollte 40, 45 Jahre Geschichte in den Griff bekommen, aber kein Geschichtsbuch schreiben.“ Was Hein gelungen ist, sein Gespür für dramatische, filmische Dialoge ist greifbar und der Umstand, dass es keinen Roman von ihm gibt, „in dem ich nicht vorkomme“. Dabei ist er nie Ankläger oder Richter seiner Figuren, „ich muss sie verstehen“. Sonst lässt er sie fallen. Wenn Hein seine Romanfiguren nicht persönlich kannte, so hat er sie aus mehreren zusammengesetzt. Als profunde Autorität dessen, was er erzählt, hat Christoph Hein akribisch recherchiert und auch Fehler der Historiker aufgedeckt. In der Tradition der Romanciers, die seit Homer die Literatur zur besseren Geschichtsschreibung machen, wie Hein selbstbewusst bekundet.
Warum der Präsident nie Klassenbester war
Mit einer Szene, die nach Verfilmung schreit, beginnt „Das Narrenschiff“ und auch Heins Lesung. „Der Präsident gesteht“, so das Kapitel, dem eingeschüchterten Mädchen, die als Schulbeste neben ihm sitzen darf, dass er nie der Klassenbeste war. „Warum sind Sie dann der Präsident geworden?“ Das weiß er auch nicht. „Es hat sich so ergeben.“ Aber das darf Kathinka keinem erzählen. 38 Kapitel und 40 Jahre später, Kathinka ist verheiratet, die Kinder sind erwachsen, steht sie vor ihrem Aufbruch nach Gütersloh zu einer neuen Stelle bei einem Verlag, als sie eine Karte findet, auf der dieser alte Mann neben einem kleinen Mädchen in einer Stuhlreihe sitzt.
Bevor sich dieser Kreis im Roman schließt, hat Hein ausgewählte Stellen gelesen. Von der Heimkehr einer Gruppe Genossen von Moskau nach Berlin, von der „Aktion Blitz“, einem staatlich verordneten Schwarzgeldumtausch, vom Mädchen namens Beate, dessen Vater Walter Ulbricht war. Oder wie Westdeutsche Ostdeutsche enteigneten nach dem Mauerfall und dabei auf alte Grundbucheinträge pochten.
Es gab keine Stunde Null, auch nicht in Ost-Deutschland
Für die, „die nicht so sattelfest sind in der DDR-Geschichte“, hakt Holger Teschke nach. Auch wenn Adenauers Nähe zu Alt-Nazis unverhohlen war, eine Stunde Null hat es in Ost-Deutschland genauso wenig gegeben. „Es war die Lebenslüge der DDR, dass alle Nazis in den Westen gezogen waren“, hält Teschke fest. Ein anderes Dilemma bringt er mit dem DDR-Witz auf den Punkt, dass beide deutsche Staaten Marx’ Erben waren. „Die Bundesrepublik hat das Kapital, die DDR das Elend der Philosophie geerbt.“
Christoph Hein hat viele gekannt, Künstler, Funktionäre, deren Kinder. Und er hat viel riskiert. Gespannt hört man zu, wenn Hein erzählt, wie er bei Benno Besson Regieassistent wurde, was ihn mit Thomas Brasch verband, erwähnt Markus Wolf und erinnert an den 4.November 1989, den friedlichen Auflauf von einer Million Menschen in Berlin. Als Hein als Zugabe das Bändchen „Alles, was du brauchst“ zückt, geschrieben für einen Enkel, ist das Publikum endgültig gefangen von dieser Persönlichkeit.

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