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Giacomo Puccinis populäre Künstleroper als Gastspiel des Staatstheaters Meiningen im Großen Haus ist ein Hingucker wegen der Bühne und Kostüme von Maler Markus Lüpertz. Schauspielerisch reißt diese Produktion jedoch nicht mit. Und wie sieht’s musikalisch aus?

Jetzt nimm sie doch wenigstens in den Arm, möchte man diesem Rudolfo zurufen, während seine Mimì ihr Leben aushaucht. Schließlich bleibt der schluchzende Dichter wie festgewurzelt an seinem Platz, während ein paar Schritte daneben die kranke Geliebte hustet, röchelt, stirbt. Das sonst so ergreifende Finale von Giacomo Puccinis Tuberkulose-Oper „La Bohème“, es wird hier eigenwillig leblos, unnatürlich und steif abgehandelt. Mimì schließt die Augen, senkt den Kopf, bleibt stehen, das war’s. Weswegen es wohl eher an der Heuschnupfen-Saison liegt, dass hier und da im Zuschauersaal die Taschentücher gezückt werden.
Als sogenannte ABC-Oper zählt Puccinis 1896 uraufgeführtes Musikdrama inmitten von Verdis „Aida“ und Bizets „Carmen“ zu den unverwüstlichen Klassikern, die ihren festen Platz in den Spielplänen behaupten. Für das Staatstheater Meiningen hat Markus Lüpertz das populäre Meisterwerk unter seine Fittiche genommen. Der Malerfürst entwarf nicht nur Bühnenbild und Kostüme für die im Pariser Künstlermilieu angesiedelte Liebesgeschichte, sondern zeichnete auch verantwortlich für die Regie.
Noch während der Corona-Pandemie im Dezember 2021 und begleitet von großem Medieninteresse hatte die Produktion Premiere – ein spätes Debüt als Regisseur für Lüpertz, der demnächst 85 wird und vor wenigen Wochen inzwischen nachgelegt hat mit einer Inszenierung von Wagners „Rheingold“ in Meiningen, während in Heilbronn seine „La Bohème“ nun als Gastspiel im Stadttheater zu erleben ist.
Wie sich der Maler dem Werk genähert hat? MitUnverfrorenheit und Dilettantismus, so kokettierte er selbst in einem Gespräch mit Staatstheater-Intendant Jens Neundorff von Enzberg. Spricht Puccini von einer Oper in vier Bildern, hat Markus Lüpertz diese Bezeichnung wörtlich genommen. Das Setting erinnert an ein riesiges Aufklapp-Bilderbuch und das Ensemble an Spielkartenfiguren. Flache Aufsteller bilden das Mobiliar. Das Essen, mit dem der Musiker Schaunard am Anfang seine Freunde in Rudolfos Mansarden-WG überrascht, existiert nur in Form eines gemalten Stilllebens. Der Chor gruppiert sich im trubeligen zweiten Bild am Café Momus zu einem grünen Tannenbaum inklusive Kerzen. Ein skizzierter Totenkopf wacht über dem Geschehen und deutet auf das tragische Ende hin.
Dass diese kunterbunte, artifizielle Bühnenwelt ein Hingucker ist, steht außer Frage. Vom Schauspiel will allerdings keine emotional mitreißende Kraft ausgehen. Weder in der heiteren ersten Hälfte, wenn die frierenden, hungernden, Bohémiens feiern, sich Rudolfo und seine engelsgleiche Nachbarin, die Näherin Mimì, ineinander verlieben und der Maler Marcello mit seiner Ex, der Femme fatale Musetta, zusammenkommt. Noch in der düsteren zweiten Hälfte, wenn Marcello und Musetta nach einem Eifersuchtsstreit wieder auseinandergehen, auch Rudolfo und Mimì zunächst beschließen, sich zu trennen, weil er in seiner Armut nicht für sie sorgen kann, bis Mimì Wochen später sterbenskrank erneut vor seiner Türe steht und alle ihr letztes Geld für einen Arzt und Medizin zusammenlegen – vergebens. Wie von der Regie alleine gelassen wirken die Sängerinnen und Sänger, die sich bis auf wenige Ausnahmen aufs Rampensingen beschränken.
Offenbar ganz im Sinne von Lüpertz obliegt es also Puccinis Musik, das Publikum zu berühren. Eine Aufgabe, die das Ensemble und das Orchester unter der Leitung von Christopher Važan überzeugend angehen. Mit Schwung dirigiert Važan Puccinis farbenreiche, vorwärtsdrängende, dynamische Komposition, die beliebte Opern-Hits bietet und immer wieder unter die Haut geht. Sauber in den Höhen und ausdrucksstark ist der Tenor von Garrett Evers, der einen jugendlich strahlenden Rudolfo singt. Lubov Karetnikova als Mimì leuchtet stimmlich nicht minder an seiner Seite mit ihrem mal lyrisch-zarten, dann kraftvollen Sopran. Auch Hannah Gries als Vamp Musetta mit hellem Sopran und Shin Taniguchi, der mit einem eleganten Bariton Kumpel Marcello gibt, hört man gerne zu. Langer, freundlicher Applaus bei der Premiere am Donnerstag im Großen Haus nach mehr als zwei Stunden.
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