Geboren 1991 in München, erhielt Raphaela Gromes mit vier Jahren Cello- und Klavierunterricht bei ihrer Mutter. Als Jungstudentin studierte sie an der Musikhochschule Leipzig, nach dem Abitur an der Musikhochschule München und in Wien. Sie konzertiert mit namhaften Orchestern, gastiert bei Festivals, unternimmt Tourneen in Europa, den USA, Südamerika, Südkorea, im Nahen Osten und in China. Als Gromes während Covid für ihr Album „Femmes“ recherchierte, wurde ihr klar, dass das erst der Anfang sein würde. Je mehr teils schockierende Biografien von Komponistinnen sie las und ihre Musik hörte, desto stärker wurde der Wunsch, dieses Wissen zu teilen. Im September sind das Buch und die CD „Fortissima!“ erschienen. Raphaela Gromes lebt in Feldafing.
Wer war es, ein Mann oder eine Frau?
Verdrängte Komponistinnen, aber auch Bekanntes: Wie die Cellistin Raphaela Gromes und das WKO beim Konzert „Femmes“ das Publikum begeistern.

Was im Bereich der Neuen Musik möglich ist, sollte auch in der klassischen funktionieren. Nun ist Heilbronn nicht Berlin und macht sich das Württembergische Kammerorchester nicht gleich ein Motto des Deutschen Symphonie-Orchesters – „Kein Konzert ohne Komponistin“ – zu eigen. Aber ein Anfang ist getan mit dem Auftritt von Raphaela Gromes mit dem WKO in der Harmonie.
Seit einigen Jahren verfolgt die international renommierte Cellistin das Ziel, mehr Musik von Komponistinnen im Repertoire der Orchester aufzuführen und die patriarchalen Strukturen in der Klassik zu brechen. Dass es ihr dabei nicht um Quoten, sondern die Qualität des Notenmaterials geht, stellt Gromes an diesem Abend unter Beweis, den sie auch leitet bei den zwei Konzerten für Violoncello und Orchester. Die Leitung bei den beiden Orchesterstücken liegt bei Gastgeiger Ingo de Haas.
Interessant wäre eine Blindverkostung
„Femmes“ titelt das Programm, in Anlehnung an Gromes’ erste rein mit Komponistinnen aufgenommene CD. Vergangenen Herbst dann ist „Fortissima“ erschienen, die CD zu ihrem gleichnamigen Buch, das die Lebensgeschichten vergessener und verdrängter Komponistinnen aus verschiedenen Jahrhunderten erzählt. Zwei Beispiele für das kompositorische Genie von Frauen birgt nun dieses Konzert mit dem WKO – und zwei Beispiele, dass auch Männer komponieren können: vier Werke des 19. Jahrhunderts. Interessant wäre es – wie bei einer Blindverkostung – die Autorenschaft der Stücke erst hinterher preiszugeben. Whodunit, ein Mann oder eine Frau?
Eine romantische Note
Der Abend beginnt mit der Ouvertüre Nr.2 D-Dur von Emilie Mayer (1812-1883). Zu Lebzeiten eine hochgeschätzte Komponistin, wurde sie nach ihrem Tod vergessen. Energisch und poetisch erweitert Mayer die Tradition der Ouvertüre um eine romantische Note, lässt Klarinette und Querflöte Zwiegespräche führen, flankiert und gekontert vom satten Klang der bestens aufgelegten WKO-Streicher. Wogende Läufe, kecke Pizzicati und der Wille zur individuellen Klangsprache machen Mayer zur Entdeckung.
Dann: Auftritt Raphaela Gromes und die Sensation des Abends: das Konzert für Violoncello und Orchester F-Dur von Marie Jaëll (1846-1925). Auf einem Holzpodest thront Gromes und interpretiert in rotem Glitzeroverall selbstbewusst und mit einnehmender Bühnenpräsenz eine ihrer Lieblingskomponistinnen. Mit Kraft und Eleganz zieht Gromes in Bann und das Orchester mit. Die Finger der linken Hand tanzen auf dem Griffbrett, gleiten den Hals des Cellos entlang, während die rechte Hand virtuos den Bogen setzt. Ab und zu ein Blick nach rechts und links zum Orchester, dann wieder scheinen Cellistin und Instrument eins zu werden, Arm- und Nackenmuskulatur die Partitur kaum merklich nachzuzeichnen.
Das Instrument, das der menschlichen Stimme am nächsten kommt
Auch Marie Jaëll war zu Lebzeiten eine anerkannte Komponistin, Pianistin und Musikpädagogin. Die vier Sätze ihres Konzerts, ein moderates Allegro, ein Lento, das gehaltene Andante, das Vivace molto, geraten zu spannungsreichen Tempiwechseln im Dialog mit lyrischen Streichern, Flöten, Blech- und Holzbläsern. Ein faszinierendes Beispiel für die Freiheit des solistischen Cellos im Spiel mit dem WKO, was die gesangliche Dimension des Cellos unterstreicht, von dem man sagt, es sei das Instrument, das der menschlichen Stimme am nächsten kommt.
Nicht im Programm steht ein musikalisches Gebet für die Ukraine, mit dem Gromes gemeinsam mit den Cellisten und Kontrabassisten des WKO an den bisher schlimmsten Kriegswinter gemahnt: mit „Tropar“ der ukrainischen Komponistin Hanna Havrylets.
So dramatisch wie knifflig
Der zweite Teil des Abends beginnt mit dem so dramatischen wie raffinierten, kniffligen Cellokonzert in a-Moll von Camille Saint-Saëns (1835-1921). Saëns, der bedeutende Vertreter der französischen Romantik, war auch Jaëlls Lehrer und Bewunderer ihres Genies. Großartig, was Gromes aus ihrem Instrument hervorzaubert. Immer wieder taucht das Hauptthema des Anfangs in Nuancierungen auf in den drei verschiedenen Teilen des Stücks.
Den Abend schließt die Sinfonie C-Dur, die George Bizet (1838-1875) mit gerade mal 17 Jahren schrieb. Ein verblüffendes Frühwerk des späteren Opernkomponisten, in dem Bizet spielerisch die Möglichkeiten der Sätze, das Lebhafte, das Lyrische, das Tänzerische, das Unbändige durchdekliniert. Und wieder ist das Publikum hingerissen.

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