Stimme+
Ein Solo von und mit Andreas von Studnitz
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Wer ist hier die Marionette?: „Der zerbrochne Krug“ als KI-Performance auf dem Theaterschiff Heilbronn

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

Kleist trifft auf KI in der neuen Produktion des Theaterschiffs Heilbronn, bei der Schauspieler und Regisseur Andreas von Studnitz auf der Bühne neun Avatare synchronisiert. Über eine Premiere, die mit heißer Nadel gestrickt war.

Der Mann am Pult und Herr der neun Avatare: Schauspieler und Regisseur
Andreas von Studnitz.
Der Mann am Pult und Herr der neun Avatare: Schauspieler und Regisseur Andreas von Studnitz.  Foto: Seidel, Ralf

Nicht ob, sondern wie Künstliche Intelligenz das Theater der Zukunft mitgestaltet, ist inzwischen die Frage und wird an immer mehr Häusern erprobt: Sei es etwa, dass KI Thema eines Stückes ist, das womöglich ein Chatbot geschrieben hat. Oder dass sie in die Gestaltung des Bühnenraums einbezogen ist, indem sie die Bilder und Sounds zu einer Inszenierung liefert.

Für seine als KI-Live-Performance angekündigte Produktion auf dem Theaterschiff Heilbronn hat Andreas von Studnitz einen gut 200 Jahre alten Klassiker ausgewählt, was auch marketingtechnische Gründe hat, wie der Schauspieler und Regisseur bekennt: Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ ist Sternchenthema fürs Deutschabitur. Dementsprechend sind Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte in der Überzahl bei der ausverkauften Premiere am Mittwoch. Das Literaturhaus Heilbronn und die Württembergische Theaternachwuchsförderung Neckartal sind Kooperationspartner bei diesem Projekt.

Das Theaterschiff spricht von einem Work-in-Progress

Mit heißer Nadel gestrickt – eine Stunde vor Vorstellungsbeginn ist die Generalprobe durch, hat sich der Abend den Charme des Unperfekten bewahrt. Von einem Work-in-Progress spricht Philipp Wolpert, einer der künstlerischen Leiter des Theaterschiffs, im Anschluss an das, was man vielleicht auch als Lesung Plus bezeichnen kann.

Wie ein DJ sitzt von Studnitz bei seinem Solo im Dunkeln auf der Bühne an einem Pult mit mehreren Monitoren und schaltet mal hier, mal da, während auf einem in den Zuschauerraum gerichteten Bildschirm ein gut einstündiges Schwarz-Weiß-Video abläuft. In diesem zu sehen sind die neun Figuren von Kleists Lustspiel, wie sie ihren Text jeweils einzeln in die Kamera aufsagen. Und sich verwickeln in ein Enthüllungsschauspiel voller Wort- und Sprachspiele um einen Richter, der zugleich der gesuchte Schuldige ist.

Zur Handlung des „Zerbrochnen Krugs“

Gerichtstag in einem Dorf bei Utrecht: Richter Adam jammert über einen lädierten Fuß, ein zerschundenes Gesicht und vermisst seine Perücke. Obendrein kündigt sich Gerichtsrat Walter an, der in den Provinzen nach dem Rechten schauen soll. Da landet ein heikler Fall bei Adam: Marthe Rull beklagt die Zerstörung eines kostbaren Kruges, der in der Nacht im Zimmer ihrer Tochter Eve von einem Eindringling vom Sims gestoßen wurde. Als Schuldigen will die Witwe Ruprecht ausgemacht haben, den Verlobten Eves. Doch der widerspricht heftig, während Eve selbst schweigt. Ein bizarrer Prozess beginnt.

Die Vorlage für Richter, Klägerin, Zeugen und alle anderen in dieser Inszenierung sind Fotos, die Andreas von Studnitz mithilfe einer Smartphone-App als 3D-Animationen zum Leben erweckt. Das passende Mienenspiel zu den verschiedenen Gesichtern guckt sich das Programm vom Schauspieler ab, der dafür in die Handykamera sprechen muss. Ästhetisch erinnert das Ergebnis an Figuren aus Video- und Computerspielen, die mehr oder weniger realistisch anmuten.

Der Übertrag vom Hochformat des Mobiltelefons zum Querformat des Screens auf der Bühne zwingt jedes Gesicht in die Nahaufnahme. Zieht diese unmittelbare Ansprache das Publikum anfangs in ihren Bann, wird sie auf Dauer allerdings monoton.

Die Analgie zwischen Marionette und Avatar

Neun Avatare im Standby-Modus auf dem Computer zu haben und in Echtzeit anzuwählen, war ursprünglich der Plan, der sich aber technisch nicht umsetzen ließ. Weswegen dieser experimentelle „zerbrochne Krug“ ein Hybrid ist aus Live-Elementen und vorproduzierten Inhalten. 400 Takes hat Andreas von Studnitz aufgenommen, die er während jeder Vorstellung neu synchronisiert, wobei ein Filter zusätzlich seine Stimme verfremdet. Leider sächselt, schwäbelt und berlinert der 71-Jährige dabei auch.

Und mag von Studnitz im Nachgespräch mit Literaturhausleiter Anton Knittel und Angnes Zeiser, Deutschlehrerin am Justinus-Kerner-Gymnasium in Heilbronn, auch Kleists Aufsatz „Über das Marionettentheater“ ins Spiel bringen für eine Analogie zwischen der bewusstlosen Marionette, die gesteuert, und dem Avatar, der animiert wird, ist doch der Gedanke interessant, mit dem sich daraufhin eine Zuschauerin bei der Fragerunde zu Wort meldet: Wer ist hier eigentlich die Marionette? Nicht doch der Mann auf der Bühne, der klicken und klicken und den Text punktgenau einsprechen muss?

Weitere Vorstellungen

www.theaterschiff-heilbronn.com

Nach oben  Nach oben