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Festival Imaginale Heilbronn
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Wenn unheimliche Dinge passieren

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„Untiefe“ von und mit Jan Jedenak in der Boxx des Heilbronner Theaters: ein psychedelischer Trip mit verblüffend einfachen und wirkmächtigen Bildern. 

Warum wir lieber nach den Sternen greifen als ins Dunkle eines Lochs: One-Man-Show „Untiefe“ mit Jan Jedenak in der Boxx des Heilbronner Theaters.
Warum wir lieber nach den Sternen greifen als ins Dunkle eines Lochs: One-Man-Show „Untiefe“ mit Jan Jedenak in der Boxx des Heilbronner Theaters.  Foto: Agentur

Wie möchte man diese 50-Minuten-Performance nennen? Objekt und Bewegungstheater? Zu einem Klangteppich, der als autonome Musikperformance durchginge? „Untiefe“ von Jan Jedenak, von ihm stammen Konzept, Spiel und Ausstattung, und Regisseur Jonas Klinkenberg ist eine beunruhigende Reise ins Unbewusste, ein psychedelischer Trip mit verstörenden, auch poetischen Momenten: eine Projektionsfläche für die Besucher in der ausverkauften Boxx, eine Black Box für Assoziationen.

Am vorletzten Abend der Imaginale, des internationalen Theaterfestivals animierter Formen, das seit Ende Januar in Stuttgart, Mannheim, Eppingen, Ludwigsburg, Schorndorf und in Heilbronn stattfindet, fasziniert die One-Man-Show mit Jan Jedenak – irritiert aber auch einige Theatergänger, stellt „Untiefe“ doch weder Fragen, noch gibt die Produktion Antworten. Wobei sich bewahrheitet, dass der Mensch lieber nach den Sternen greift als ins Dunkle eines Lochs. Wer weiß, welcher Dämon dort was ausbrütet. Zumal Un-Tiefe impliziert, das Ungreif- und Unsagbare verbirgt sich unmittelbar unter der Oberfläche.

Wer kennt sie nicht, die Leere sich mitunter auftut

Jenseits ihrer Metaebenen beeindruckt die Objektperformance durch die Wirkmacht einfacher Mittel. Die Figuren und Traumwesen, Gesichter und Monster, die auftauchen und uns an die Bodenlosigkeit unserer Psyche erinnern mögen, schafft einzig Jan Jedenak mit seiner Präsenz, mit den Händen und fantastischen Objekten. Eine Illusionsmaschine, seltsame Dinge gehen hier vonstatten. Wer kennt es nicht, das Loch, die Leere, die sich mitunter auftut im Leben und in einem selbst.

Wortlos zur Klangcollage des Duos Ekheo holt „Untiefe“ zwar aus der Komfortzone, lässt aber Raum, sich mit floatenden Gedanken einzulassen, zuzuschauen. Auf das Wechselspiel von Mensch und Ding, Körper und Objekt legt die Imaginale 2025 den Fokus, ein Trend animierter Theaterformen. „Untiefe a depthless Place“ tourt als Koproduktion Jedenaks mit dem Fitz Stuttgart, der Studiobühne Köln und dem Westflügel Leipzig.

Wie der Soundtrack eines Horrorfilms

Das Loch auf dem Bühnenboden ist der perfekte Kreis und so dunkel, dass man sich orientieren muss und schwer erkennt, das Rund ist mit einem Beamer auf den schwarzen Boden projiziert. Sein Rand ist mal breiter, mal schmaler. Eine Hand fegt durch die Luft, ein Körper kauert in Embryonalstellung, ein Kopf stützt sich auf am Rand des Lochs und grimassiert wie von einer anderen Welt. Die Kakofonie sich abwechselnder Klänge und Laute ist  messerscharf wie der Soundtrack eines Horrorfilms. Mal tropft Wasser in einem Verlies, meint man, schweren Atem zu hören, Windböen. Alles in Slow Motion, bis Bewegung in die Sache kommt und der Geist aus der Flasche. Eine Erscheinung mit langen, schwarzen Haren führt einen Veitstanz auf, eine Hexe beim Headbanging? Auf jeden Fall nervenaufreibend wie der Beat.

Jan Jedenak aus Leipzig, Meister des kleinen Formats, stimmt ein markdurchdringendes Klagelied an, brüllt in einen imaginierten Brunnen, um ein Echo zu erhalten. Flammen züngeln, ein Hummer, oder ist es eine Languste, täuschend echt und doch eine Handpuppe in seiner rechten Hand, saugt sich auf Jedenaks Gesicht fest. Dann emanzipiert sich das Krustentier zum Monster. Ein surrealer Traum?

Warum wir lieber nach den Sternen greifen als ins Dunkle eines Lochs: One-Man-Show „Untiefe“ mit Jan Jedenak in der Boxx des Heilbronner Theaters.
Foto: Dana Ersing
Warum wir lieber nach den Sternen greifen als ins Dunkle eines Lochs: One-Man-Show „Untiefe“ mit Jan Jedenak in der Boxx des Heilbronner Theaters. Foto: Dana Ersing  Foto: Agentur
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