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Komödienhaus Heilbronn
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Wenn einem die Höflichkeit im Wege steht

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Was passiert, wenn amerikanische und britische Mentalitäten aufeinanderprallen? Schauspielerin Sabine Unger ist „Eine Mords-Freundin“ in Steven Moffats gleichnamiger Komödie - und verabschiedet sich mit dieser Hauptrolle zum Spielzeitende in den Ruhestand.   

Ein Stück, das alles in der Schwebe hält, sind sich Schauspielerin Sabine Unger und Regisseur Gustav Rueb einig über die Qualität der schwarzhumorigen Komödie „Eine Mords-Freundin“ von Steven Moffat.
Ein Stück, das alles in der Schwebe hält, sind sich Schauspielerin Sabine Unger und Regisseur Gustav Rueb einig über die Qualität der schwarzhumorigen Komödie „Eine Mords-Freundin“ von Steven Moffat.  Foto: Ralf Seidel

Es mag daran liegen, dass Steven Moffat ein versierter Drehbuchautor ist. Fürs britische Fernsehen schreibt der Schotte erfolgreich Dialoge. Entsprechend launig liest sich Moffats erstes Bühnenstück, das 2022 erschienen ist. Allein beim Lernen ihres Textes musste Sabine Unger schallend lachen. Unger spielt die Titelrolle in „Eine Mords-Freundin“, wobei der deutsche Titel mehr als das Original „The Unfriend“ den Kern dieser schwarzhumorigen Komödie trifft, die mit Klischees spielt und mit Verschwörungstheorien, wie sie das Internet noch befeuert.

Diesen Freitag hat die „Mords-Freundin“ Premiere im Komödienhaus Heilbronn. Ein Anlass, sich nicht nur mit Regisseur Gustav Rueb über das Stück auszutauschen, sondern mit der Schauspielerin, die hier ihre letzte große Rolle spielt, bevor sie in den Ruhestand geht.

Ob Unger dem Heilbronner Theater als Gast erhalten bleibt?

45 Jahre hat Sabine Unger dann ihren „sehr nervenaufreibenden Beruf“ ausgeübt. „Das schafft nicht jede.“ 1960 in Chemnitz geboren, was damals noch Karl-Marx-Stadt heißt, wird Unger Ensemblemitglied am Potsdamer Hans Otto Theater. Brandenburg, Altenburg/Gera sind weitere Stationen, schließlich das Schleswig-Holsteinische Landestheater, bis sie 2010 nach Heilbronn kommt.

Was Ruhestand für eine Schauspielerin bedeutet? „Das weiß ich auch noch nicht genau.“ Dass sie künftig hin und wieder als Gast am Heilbronner Theater auch unter der neuen Intendantin Solvejg Bauer spielt, kann sie sich grundsätzlich vorstellen. Zumal ihr Mann, Schauspielkollege Stefan Eichberg, weiter am Haus bleibt. Erst einmal wird für Unger Zeit sein „für private Dinge, die lange liegengeblieben sind“. Zeit für die beiden Töchter und zwei Enkelkinder, für die ältere Schwester.

Womöglich eine Serienmörderin?

„Wenn Menschen weg sind, sind sie weg“, zitiert Sabine Unger mehrdeutig lapidar aus Moffats „Mords-Freundin“. Im Stück ist Unger Elsa Jean Krakowski aus Denver. Eine Frau von undefinierbarem Alter, die sich als „Mensch positiv“ versteht. Dabei ist die toughe Witwe mit dem Auftreten eines Bullys womöglich eine Serienmörderin.

1960 in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, geboren, studiert Sabine Unger nach dem Abitur an der Filmhochschule Babelsberg, wird Ensemblemitglied am Potsdamer Hans Otto Theater. Brandenburg, Altenburg/Gera sind weitere Stationen, dann das Schleswig-Holsteinische Landestheater, bis Unger 2010 nach Heilbronn wechselt. Die Mutter zweier Töchter ist mit Schauspielkollege Stefan Eichberg verheiratet. 

Die Geschichte geht so: Ein distinguiertes, britisches Paar gönnt sich eine kleine Auszeit und lernt auf einer Kreuzfahrt eben jene unkompliziert amüsante Elsa kennen. Wie so oft, will man den Kontakt auch nach dem Urlaub pflegen. Was bekanntlich in den meisten Fälle im Sande verläuft. Die Amerikanerin mit dem lautmalerischen Nachnamen Krakowski aber macht Ernst und kündigt ihren Besuch an. Was Debbie und Peter, deren pubertierende Kinder ohnehin genügend Probleme bereiten, gar nicht passt.

Andrew Mountbatten-Windsor, der ehemalige Prinz of Wales, hätte da sicher keine Skrupel

Als Debbie im Internet googelt und vom Verdacht liest, dass die aufdringliche Elsa mehrere Menschen umgebracht haben soll, macht sich Panik breit. Aber was tun, wenn einem die sprichwörtliche britische Höflichkeit im Wege steht? Andrew Mountbatten-Windsor, der ehemalige Prinz of Wales, hätte da sicher keine Skrupel, doch ist das eine andere Geschichte. Hier klingelt Elsa nun auch noch früher als angekündigt – und ist drin in der Wohnung.

„Wenn Menschen weg sind, sind sie weg.“  Sabine Unger

Die kleine bürgerliche Familie scheint sehenden Auges in ihr Unglück zu schlittern. Das erinnert an Friedrich Dürrenmatts „Biedermann und die Brandstifter“. Wie diese dreiste und mutmaßlich gefährliche Person loswerden, ohne das Gesicht zu verlieren? Steven Moffat, sind sich Schauspielerin und Regisseur gleichermaßen einig, lässt hier amerikanische und britische Mentalitäten aufeinanderprallen.

Eine Parodie auf Donald Trump?

Wer will, liest die Komödie, entstanden während der ersten Administration Donald Trumps, als Parodie auf eben diesen. Ein Subtext, der allerdings nicht zwingend ist.

Ungers Elsa ist eine Figur, die über ihren speziellen Charme und ihre Direktheit die anderen überrumpelt. Ganz anders als in ihrem eigenen, privaten Leben, bestätigt Sabine Unger, die man als ruhig, nachgerade zurückhaltend erlebt. „Nicht umsonst habe ich diesen Beruf und Freude daran, in Rollen zu schlüpfen und als Figur so viele Register zu ziehen. Ohne, dass etwas passiert.“ Sprich das Verhalten auf der Bühne Konsequenzen haben könnte.

Wer ist als nächstes dran?

Gerade bei Moffats „Mords-Freundin“ sei es doch die große Qualität, „dass das Stück alles in der Schwebe hält“. Sowohl das Wer-war-es als auch das Wer-ist-als-nächstes-dran. Eines ist Regisseur Gustav Rueb noch ein Anliegen, dass es in der Presse erscheint. „Schreiben Sie mit, ich sage das nicht einfach so, dass die 66-jährige Sabine Unger das Theater und den Probenprozess einer Komödie noch als ernsthaftes Handwerk versteht.“ Anscheinend keine Selbstverständlichkeit mehr bei den jungen Kollegen?

„Eine Mords-Freundin“

Premiere: Freitag, 20 Uhr, Komödienhaus Heilbronn. Regie: Gustav Rueb

Ausstattung: Florian Barth

Mit Nils Brück, Sabine Unger, Judith Lilly Raab, Felix Lydike, Tobias Loth, Sophie Maria Scherrieble, Sven-Marcel Voss.

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