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„Anna Karenina“ beim Stuttgarter Ballett
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Wenn die verheiratete Frau ausbricht

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Große Gefühle und Pop: Wie Choreographie-Altmeister John Neumeier mit seiner Version von Leo Tolstois „Anna Karenina“ und mit Tschaikowsky, Alfred Schnittke und Cat Stevens das Stuttgarter Ballettpublikum begeistert.

Auf die Wand gezeichnete Leidenschaft: Miriam Kacerova als so elegante wie exzessive Anna Karenina, Martí Paixà ist ihr Liebhaber Oberst Wronski.
Auf die Wand gezeichnete Leidenschaft: Miriam Kacerova als so elegante wie exzessive Anna Karenina, Martí Paixà ist ihr Liebhaber Oberst Wronski.  Foto: Roman Novitzky

Was macht die Faszination von Tolstois Romanepos „Anna Karenina“ aus? Die verflochteten Geschichten dreier Familien über Ehe, Ehebruch und Leidenschaft? Die Sozialstudie über die adlige russische Gesellschaft im 19. Jahrhundert und den Umbruch nach Abschaffung der Leibeigenschaft? Die tragische Titelheldin, die für ihre Selbstbefreiung einen hohen Preis zahlt? Wie andere literarische Ehebrecherinnen auch, denen die männliche Fantasie dasselbe Schicksal verpasst: gesellschaftliche Isolation, Depression, Tod.

Plakative und theatralische Momente

Eine Fülle an Handlungssträngen hat Leo Tolstoi in „Anna Karenina“ verwoben, die John Neumeier in seinem gleichnamigen Werk verdichtet, das nun beim Stuttgarter Ballett mit tosendem Beifall, wenigen Buhrufen und stehenden Ovationen für den gerührten Altmeister Premiere hatte. Von Stuttgart aus begann Neumeiers Karriere, gut 170 Stücke hat er seither geschaffen. 2017 wurde seine „Anna Karenina“ beim Hamburg Ballett uraufgeführt, jetzt dürfte der gut dreistündige Abend mit Pause zum Publikumsrenner im Stuttgarter Opernhaus werden. Ein Ballett von großem Schauwert mit einer formidablen Compagnie und einer souverän eleganten und technisch atemberaubenden Miriam Kacerova als Anna Karenina. Mit einem dynamisch aufgelegten Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Mikhail Agrest. Aber auch mit plakativen, theatralischen Momenten, die man als overdone bezeichnen darf. Was Neumeier gelingt, ist, Tolstois 1000-Seiten-Klassiker auf seinen Kern herunterzubrechen, ins 21. Jahrhundert zu übertragen und dazu expressive und hochvirtuose Pas de deux zu choreographieren.

Ein offenes Ende aber gönnt Neuemeier Anna Karenina nicht. Auch in seiner Version sieht die Frau keinen anderen Ausweg als Suizid. Moderne Liebesbeziehungen sind also nicht minder kompliziert, wenn das Ehekorsett fest sitzt und ein Leben ohne Partner keine Option ist. Die Optimierungsversuche dieser Anna Karenina, die Neumeier als Politikergattin zeichnet zwischen perfekter Ehefrau, liebender Mutter und leidenschaftlicher Geliebten, ist ein Spagat. Das in Tanz zu übersetzen, hat schon andere Choreographen gereizt, André Prokovsky, den durch seine Heilbronn-Gastspiele in der Region bekannten Boris Eifman, Alexei Ratmanski, Christian Spuck, selbst Sidi Larbi Cherkaoui.

In süffigen Bildern erzählen

In 24 Szenen geht es Neumeier nicht nur um Annas sexuelle Befreiung in existenziellen Posen. Neumeier zeigt drei Paare mit unterschiedlichen Lebenskonzepten und erzählt in süffigen Bildern. Wieder zeichnet der Choreograph für Bühne, Kostüme und Licht verantwortlich. Allein Kacerovas Anna trägt wechselnde Roben von Designer Albert Kriemler. Dass Neumeier mit Licht verführerisch malen kann, steht außer Frage. Auch, dass er den getanzten Raum musikalisch denkt. Tschaikowskys elegischen Klangteppich kontrastiert er mit atonalen Sequenzen von Alfred Schnittke und drei Ohrwürmern von Cat Stevens, der inzwischen Yusuf Islam heißt.

John Neumeier, 1939 in Milwaukee, Wisconsin, geboren, ist für seine Choreographien international anerkannt. Von 1973 bis 2024 war Neumeier Ballettdirektor an der Hamburgischen Staatsoper und Chefchoreograph des Hamburg Ballett. Von 1963 bis 1969 war er Tänzer am Stuttgarter Ballett und schuf dort seine ersten Choreographien.

Mit einem wuchtigen Tableau beginnt der Abend. David Moore ist Alexej Karenin, ein Machtmensch im Wahlkampf, den Stuttgarts erster Solist als smarten Populisten tanzt, jede Geste ein Statement. Seine potenzielle First Lady genießt den Medienrummel, mit dem Sohn inszenieren sie Familienglück. Dass sich Anna vernachlässigt fühlt, offenbart sich zu Hause. Neumeier setzt das Ringen der Karenins in zwingende Pas de deux. Auch wie er den Streit zwischen Stiwa (Clemens Fröhlich), Annas Bruder und notorischer Fremdgänger, und dessen Frau Dolly (Mackenzie Brown) verdichtet, ist großes Kino. Ebenso Annas erste Begegnung mit Wronski (Martí Paixà). Wronski wird Anna den Verstand rauben. Als personifiziertes schlechtes Gewissen stürzt ein Arbeiter von oben auf den Boden, als Todesengel verfolgt fortan Jason Reilly Anna und bedrängt auch andere.

Popkitsch zu „Morning has broken“

Beklemmend grandios gerät die Szene, in der Matteo Miccini als Lewin Kitty (großartig: Yana Peneva) nach deren psychischem Zusammenbruch auffängt zu Cat Stevens schaurig schönem „Sad Lisa“. Der Grundbesitzer Lewin, ein Ökobauer in Jeanslatzhose, verkörpert Aufbruch. Das Leben auf dem Land, das Neumeier zu „Morning has broken“ zeichnet, ist allerdings Popkitsch mit Sense schwingenden Arbeitern. Und doch: ein großer Tanzabend.

Weitere Vorstellungen: www.stuttgarter-ballett.de

David Moore (Mitte) als Alexej Karenin ist aus dem 19. Jahrhundert ins 21. entkommen, als smarter Spitzenpolitiker und populistischer Wahlkämpfer.
David Moore (Mitte) als Alexej Karenin ist aus dem 19. Jahrhundert ins 21. entkommen, als smarter Spitzenpolitiker und populistischer Wahlkämpfer.  Foto: Roman Novitzky
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