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Von Armelle und Emmanuel Patron
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Wenn die Kapitalismus-Endorphine kicken: „Die lieben Eltern“ im Theater Heilbronn

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Schwarzhumoriges Familienporträt und augenzwinkernde Abrechnung mit den 68ern: In der Regie von Jens Kerbel gerät die französische Komödie „Die lieben Eltern“ zum kurzweiligen Spaß.

Eine bildungsbürgerliche Vorzeigefamilie? Durch einen Lottogewinn wird die harmonische Beziehung der Gauthiers auf die Probe gestellt.
Eine bildungsbürgerliche Vorzeigefamilie? Durch einen Lottogewinn wird die harmonische Beziehung der Gauthiers auf die Probe gestellt.  Foto: Candy Welz

„Politische Überzeugungen hat man nur bis zu einer gewissen Summe“, lautet der zentrale Satz des Abends. Dass Geld verführbar macht, diese Erkenntnis ist keineswegs neu, wird vom französischen Autorenduo Armelle und Emmanuel Patron in seiner Konversationskomödie „Die lieben Eltern“ aber einmal mehr lustvoll vorgeführt.

Ein schwarzhumoriges Familienporträt und eine augenzwinkernde Abrechnung mit den 68ern haben sich die Geschwister da ausgedacht, die ansonsten erfolgreich für Film und Fernsehen schreiben. In den Händen von Regisseur Jens Kerbel gerät das 2021 in Paris uraufgeführte Debütstück nun im Komödienhaus des Theaters Heilbronn zum kurzweiligen Spaß und wird bei der Premiere am Freitagabend vom Publikum eifrig beklatscht. 

Schauplatz ist das geschmackvoll eingerichtete Zuhause (Ausstattung: Gesine Kuhn) von Vincent und Jeanne Gauthier, wo die Marx-Ausgabe ihren festen Platz im Bücherregal hat und der Teppichboden so plüschweich ist wie der Umgangston, den das pensionierte Lehrerpaar mit den erwachsenen Kinder Pierre, Jules und Louise pflegt. Die werden herbeizitiert, denn es gibt Wichtiges zu verkünden.

In der bildungsbürgerlichen Fassade tun sich Risse auf

Der aufgekratzte Nachwuchs befürchtet das Schlimmste. Doch die Eltern wollen sich gottseidank nicht aus dem Leben verabschieden, sondern nach Kambodscha, um ein Waisenhaus zu eröffnen. Wie sie zögerlich herausrücken, haben sie im Lotto gewonnen. Den Sprösslingen etwas vom unverhofften Reichtum abzugeben, kommt für Vincent und Jeanne aber nicht infrage: „Jemanden zu lieben, bedeutet nicht, ihm alles recht zu machen“.

Und so schaut man der vermeintlichen Vorzeigefamilie gut zwei Stunden lang inklusive Pause dabei zu, wie sich in ihrer bildungsbürgerlichen Fassade plötzlich Risse auftun. Munter werden Werte über Bord geworfen und legt jede Figur wenigstens eine 180-Grad-Wendung hin. In pointierten Dialogen brechen so manche treffende Gemeinheit und bittere Wahrheit hervor. Wobei auch Armelle und Emmanuel Patron den berühmten Rat Tschechows an Dramatiker beherzigen: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, muss es im letzten abgefeuert werden.

Zerknirschende Einsicht: „Wir haben nicht immer nur schlaue Dinge gesagt.“ 

Sven-Marcel Voss als Pierre ist Wortführer der Geschwister und treibende Kraft im Kampf ums Geld. Als Erstgeborener hat er gelernt, sich durchzusetzen, als Unternehmer und Familienvater steht er auf eigenen Beinen. Lennart Olafsson ist Jules, ein erfolgloser Schriftsteller sowie Kritiker – und mit Arm am Bauch sowie Hand vorm Mund auf Dauer eintönig grüblerisch-verklemmt gezeichnet.

Lisanne Hirzel spielt Louise, das unterschätzte Küken der Gauthiers. Die einsame 32-Jährige studiert noch immer Medizin. Dass hinter ihrer nervösen Futterei möglicherweise eine Essstörung steckt, deutet das Stück nur an. Stefan Eichberg und Sabine Unger changieren als „linksgrüne Gutmenschen“ Vincent und Jeanne zwischen paternalistischem Moralismus, einer Überdosis Kapitalismus-Endorphinen und der zerknirschenden Einsicht: „Wir haben nicht immer nur schlaue Dinge gesagt.“ Haltung muss man sich leisten können.

Weitere Vorstellungen

www.theater-heilbronn.de

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