Wenn der Vorhang fällt
Wie Lockdowns und Einschränkungen die Kultur zum Erliegen bringen und Künstler mit Fantasie Widerstandskräfte entwickeln.

Ende Januar 2020 wird die erste Corona-Infektion in Deutschland bekannt, vier Wochen später der erste Fall in der Region. Nichts ist mehr, wie es war. Masken, Abstands- und Hygieneregeln, ein erster Lockdown, Lockerungen, erneuter Lockdown, Eintritt nur für Geimpfte und Genesene mit negativem Test – wer erinnert sich noch an 2G-plus? –, eingeschränkte Platzausnutzung. Die Kultur trifft das Auf und Ab schwer, vor allem die nicht öffentlich subventionierte Kultur, bei der keine Kurzarbeit greift.
In der Region fallen die Reaktionen anfangs unterschiedlich aus
Bund, Länder und Kommunen stellen in den kommenden Monaten Förderprogramme auf und Strukturfonds. Zur finanziellen Not kommt die bittere Erkenntnis: Kultur ist für die Politik nicht systemrelevant, während die Bürger vermissen, was sie eben noch für selbstverständlich hielten. Als es Anfang März in Nordrhein-Westfalen erste Todesfälle gibt, rät Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur Absage großer Veranstaltungen. In der Region fallen die Reaktionen anfangs unterschiedlich aus. Während die Konzertagentur Provinztour wenig davon hält, aus Angst vor dem Virus sämtliche Großveranstaltungen zu streichen, sagt Würth als erster der Kulturanbieter Konzerte und Veranstaltungen ab, zunächst bis 31.März.
Just vor der Premiere wird der Spielbetrieb eingestellt
Es soll anders kommen. Noch läuft Anfang März 2020 am Stadttheater Heilbronn der Spielbetrieb, gekaufte Karten und Abo-Karten können aber bereits umgetauscht werden. Ab dem 12./13. März stellen immer mehr Theater und Konzerthäuser ihre Vorstellungen ein, bevor am 22. März der erste Lockdown in Kraft tritt. Kurz vor der Premiere der musikalischen Revue „Born to be wild?“ fällt am Heilbronner Theater am 13. März der Vorhang. In den kommenden Wochen organisiert das Theater Online-Angebote und Videobotschaften, Mitarbeiter der Theaterpädagogik kommen zu Lesungen nach Hause.
Planungsunsicherheit und drohender Preisanstieg
Ab Ende Juni 2020 wird, vorläufig, in abgespeckter Version wieder gespielt vor kleinem Publikum, etwa 30 Personen in der Boxx. Die Reihe „Heilbronn ist Kult“ präsentiert im Sommer bei freiem Eintritt im Deutschhof-Innenhof und auf der Inselspitze Konzerte, Lesungen, Theater. Bis zum erklärten Ende der Pandemie im April 2022 werden Theater, Orchester, Museen, Kinos, Konzertveranstalter, Kabarettbühnen und Freischaffende mit wechselnden Bestimmungen, einem fehlenden und verunsicherten Publikum kämpfen – und vor allem mit der Planungsunsicherheit. Regionale Musiker, auch Klassikmusiker, weichen auf Online-Formate aus. Großkonzerte werden verschoben, Veranstaltungsagenturen wie Provinztour prophezeien steigende Ticketpreise und behalten Recht. Das Blacksheep und Haigern Live werden abgesagt, ebenso „Tanz! Heilbronn“ und zwei Mal die Burgfestspiele Jagsthausen.
Es hätte schlimmer kommen können
Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall finden Alternativformate und spielen bereits im Sommer 2020 unter dem Motto „Alles anders!“. Als einziges Großfestival seiner Art wagen die Salzburger Festspiele mit strengen Hygienemaßnahmen ihre Durchführung, ohne (publik gewordene) nennenswerte Infektionen.
Der Absageflut 2020 zum Trotz werden unter widrigen Umständen drei neue Kulturadressen eröffnet: das Museum Würth 2 in Künzelsau, das Hölderlinhaus in Lauffen und das Literaturhaus Heilbronn. Bis am 1. April 2022 die Maskenpflicht fällt, mancher Veranstalter – Stichwort Hausrecht – rät weiter zur Maske, vergehen bange Monate mit Teillockerung und Neuauflagen. Es hätte schlimmer kommen können.

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