Jens Kerbel, freischaffender Schauspiel- und Opernregisseur, geboren 1975 in Mönchengladbach, studierte Anglistik, Amerikanistik und Germanistik an der Universität Bonn und in Sussex. Seine Theaterarbeit begann er bei den Festivals „Theater der Welt“ und Bonner Biennale sowie als Regieassistent am Southern Repertory Theatre in New Orleans und am Theater Bonn. Dort arbeitete er mit Frank-Patrick Steckel, Hans Hollmann, Klaus Weise, Kay Voges und Rimini Protokoll. Kerbel lebt mit Familie in Bonn.
Wenn der Papst auf Deutschlandbesuch kommt
Jens Kerbel inszeniert „Kardinalfehler“ von Alistair Beaton und Dietmar Jacobs im Komödienhaus Heilbronn. Was dem Regisseur aus dem Rheinland an der schwarzhumorigen Satire über die Machenschaften der katholische Kirche gefällt.

Taugen Missstände und Vertuschung in der männlichen Wagenburg katholische Kirche als Stoff für eine Komödie? „Kardinalfehler“ heißt doppelsinnig das Bühnenstück, das als Auftragsarbeit 2023 in Trier uraufgeführt wurde und jetzt im Komödienhaus Heilbronn Premiere hat in der Inszenierung von Jens Kerbel. Auch wenn man die Missbrauchsskandale vergangener Jahre assoziiert, darum geht es nicht im Stück. Das Autorenduo, der deutsche Satiriker Dietmar Jacobs und der britische Dramatiker Alistair Beaton, betrachten die Mechanismen der katholischen Kirche von innen. Sexueller Missbrauch, wie das auftraggebende Theater Trier damals klarstellt, sei definitiv kein Komödienstoff. Der reine Zustand der Kirche also taugt für einen satirisch unterhaltsamen Abend?
„Ich meine sehr“, sagt Regisseur Kerbel, dem der anglo-amerikanische Bühnenhumor generell und der Balanceakt, den „Kardinalfehler“ unternimmt, besonders liegt.
Ein vermeintlich skandalfreies, kleines Bistum
Die Story: Zum 700. Geburtstag eines kleinen, mustergültigen Bistums, skandalfrei und von Kirchenaustritten verschont, hat sich der Papst zum Abschluss seines Deutschlandbesuchs angekündigt. Auch will der Heilige Vater aus Rom eine wichtige Reliquie segnen, den Finger des Ignatius. Bischof Glöckner, der sich als Saubermann stilisiert und auf den Posten eines Kardinals schielt, der erzkonservative Generalvikar Koch und die Haushälterin springen im Quadrat vor Vorbereitungseifer. Auch wird darum gerungen, wer die Begrüßungsrede halten soll für den Papst. Der Hardliner Koch oder ein reformorientierter junger Priesterseminarist?
Belastende Akten werden akribisch entsorgt und unschickliche Eventualitäten aus dem Weg geräumt, als mitten in die Vorbereitungen ein Skandal über das Bistum hereinbricht, der nicht nur den Bischof bedroht. Weitere Handelnde: der Reisemarschall des Vatikans sowie eine forsche Studentin. Für die Kirche gilt: Der Eklat muss mit wirklich allen Mittel verhindert werden.
„Es macht Freude, diese Menschen fallen zu sehen“
„Es macht Freude, diese Menschen scheitern und fallen zu sehen“, amüsiert sich Jens Kerbel, der, obwohl Protestant, in einer katholischen Klosterschule bei Krefeld sozialisiert wurde. Die kirchlichen waren und sind oft die besseren Schulen, nennt er als Begründung. Sein St.-Bernhard-Gymnasium allerdings ist heute eine staatliche Schule. „Wegen Steuerhinterziehung meine ich, auf jeden Fall gab es einen Skandal.“
Ohne viel zu teasern vor der Heilbronner Premiere von „Kardinalfehler“: Die eine oder andere Bombe platzt im übertragenen Sinne und führt die Machtstrukturen und Mechanismen der Kirche vor, „auf sehr intelligente, auch kritische, unterhaltende“ Weise. „Das Stück nimmt den Glauben ernst und richtet sich gegen die Institution“, sagt Kerbel.
Ein Bühnenbild in Schieflage
„Die Auseinandersetzung mit der christlichen Lehre generell ist wichtig und gut. Das Schlimme ist, dass die Institution Kirche die Lehre beschädigt und entwertet.“ Das bringt das Autorenduo Jacobs/Beaton mit überraschenden Volten und Finten auf die Bühne, und die gestaltet Ausstatterin Gesine Kuhn in perspektivischer Schieflage vor einem mächtigen, asynchronen Lichtkreuz. Am Heilbronner Theater ist diese jüngste Produktion Kerbels 17. Regiearbeit, mit Kuhn arbeitet der bekennende Rheinländer noch viel länger zusammen. Seit seiner ersten eigenen Inszenierung, Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ war das in Bonn.
Die Fallstricke und Lügen rund um einen Papstbesuch also, Strukturen der Macht und deren Missbrauch, die Prunksucht sogenannter Würdenträger werden in „Kardinalfehler“ schwarzhumorig verhandelt. Und was, wenn der amtierende Papst am Premierenabend stirbt?
Jens Kerbel will das nicht hoffen, sondern, dass es Franziskus bald wieder gut geht. Tatsächlich hat eine Auszubildende in den „hervorragenden Werkstätten hier am Haus“ ein Porträtbild des aktuellen Pontifex gemalt. „Ich stehe mit Demut davor.“ Doch es gibt einen Plan B. Ein Porträtfoto des deutschen Papstes Ratzinger wird gerade angefertigt und würde dann an der Wand hängen. Nach dem Motto „Wir sind Papst“.
„Kardinalfehler“
Premiere: Heute, 20 Uhr, Komödienhaus Heilbronn, Regie: Jens Kerbel.Mit Stefan Eichberg, Tobias D. Weber, Gabriel Kemmether, Sabine Unger, Romy Klötzel, Richard Feist.

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