„Huldigung an Zerlina“ überschreibt Theodor W.Adorno 1952 einen Text für das Programm einer Frankfurter „Don Giovanni“-Inszenierung. Lässt man die altväterlichen Formulierungen außer Acht, sieht Adorno in Zerlina das Sinnbild für Versöhnung und Freiheit zwischen „Rokoko und Revolution“. „Wer in sie sich verliebt, meint das Unaussprechliche, das aus dem Niemandsland zwischen den kämpfenden Epochen mit ihrer silbernen Stimme tönt.“ Für Adorno nimmt sie „den utopischen Zustand vorweg, in dem der Unterschied von Stadt und Land aufgehoben ist“. Don Giovanni hat nicht mehr die Macht, von dem Mädchen seine herrschaftlichen Rechte zu fordern.
Wenn der Frauenjäger zum Gejagten wird
Mozarts „Don Giovanni“ als muntere Kooperation des Heilbronner Theaters mit dem Württembergischen Kammerorchester und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

Es beginnt mit einer versuchten Vergewaltigung und einem Mord. Wider ihren Willen ist Don Giovanni drauf und dran, die schöne Donna Anna zu verführen. Als ihr Vater, der Komtur, ihr zur Hilfe eilt, tötet ihn Don Giovanni im Duell und entkommt. Während Donna Anna und ihr Verlobter Don Ottavio Rache schwören gegen Unbekannt, sucht Don Giovanni unbekümmert neue Eroberungen. Der Mann kennt kein Maß, keine Reue, kein Schuldgefühl.
Jede Menge Interpretationen hat der Mythos Don Juan erfahren. Die fesselndste ist wohl Mozarts gleichnamige Oper nach dem kühnen Libretto Lorenzo da Pontes mit seinen Typenbeschreibungen, uraufgeführt als Auftragsarbeit 1787 in Prag. Eine Tragödie mit komödiantischen Momenten, wenn der Frauenjäger zum Gejagten wird.
Aus Übermut in den Untergang
Je nach Inszenierung blicken wir auf das Psychogramm eines Zerstörers, der sich in seinem Übermut ins Verderben stürzt. Oder auf das eines suchenden Freigeists. Oder beides, wie im Heilbronner „Don Giovanni“. Das Premierenpublikum am Freitagabend im Großen Haus nimmt diese Kooperation des Stadttheaters mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart nach dreieinviertel Stunden samt Pause mit Begeisterung auf.
Im Orchestergraben ficht und wirbelt WKO-Chefdirigent Risto Joost und zeigt, wie seine Musikerinnen und Musiker Mozart können. Nicht nur federnd verspielt, sondern fordernd. Auf der Bühne (Tom Musch), einem nicht näher bestimmten, unmöblierten Palast mit roten Samttüren, Logen wie im Rokoko-Theater und einem zentralen Tor, führt Regisseur Axel Vornam die Studierenden der Hochschule durch ein Verwirrspiel aus Versuchung und Rache.
Die komischen Momente der Tragödie
Vornam betont einschließlich der finalen Höllenfahrt Don Giovannis die komischen Momente dieses Dramma Giocoso, das im Grunde die Geschichte eines Wüstlings erzählt. Eines Adligen, der sich weder um Gesetze noch die Gefühle anderer schert, der sich in der Manier eines (Tech)Oligarchen nimmt, was er meint, es stünde ihm zu. So rasant Mozarts Musik, in den Arien bleibt den Darstellerinnen und Darstellern in der Heilbronner Inszenierung erst einmal konventionelles Rampen- und Gestentheater.
Die Ambivalenz des fragwürdigen Titelhelden und seiner Wirkung auf andere zwischen Faszination, Erotik, Abschreckung und Ekel, die Mozart in so dramatischen wie beiläufigen Arien, Duetten und stichelnden Rezitativen transportiert, ist der Spannungsbogen, der die Oper funkeln lässt. Auch wenn in nur wenigen Momenten das Württembergische Kammerorchester kurz einzelne der jungen Nachwuchsstimmen übertönt, hier behaupten sich famos und darstellerisch munter Hochschüler und genießen ihren Auftritt.
Die meisten One-Night-Stands hatte Don Giovanni mit 1003 in Spanien
Frazan Adil Kotwal ist ein gerissener, auch verspielter Don Giovanni, sein Bariton verführerisch, seine Figur ein verwöhntes großes Kind mit Schalk im Nacken und dabei mit der Skrupellosigkeit eines Bandenchefs ausgestattet. Sein treuer, nur innerlich rebellierender Diener Leporello (Mathias Tönges) mit forschem Bass ist der Sympathieträger des Abends. Genüsslich listet er in der Registerarie Donna Elvira, einer hartnäckigen Verflossenen Don Giovannis, dessen 2065 Frauen auf, die meisten One-Night-Stands hatte sein Herr mit 1003 in Spanien.
Die so gedemütigte wie realistisch warnende Elvira von Anastasia Wanek beeindruckt mit reifem Sopran. Lara Rieken bedient als Zerlina unsere landläufige Vorstellung eines Bauernmädchens (Kostüme: Toto), singt indes souverän über jedes Klischee hinweg. Einen wirkmächtigen Auftritt hat Junoh Lee als Komtur, der Don Giovanni, dessen Hybris seinen Untergang besiegelt, in die Hölle fahren lässt.
Keine Unschuld vom Lande
Es ist schlicht beeindruckend, wie harmonisch und unaufgeregt präsent das achtköpfige Ensemble aus Hochschul-Studierenden und Absolventen agiert. Denn mit Hyerim Kim als Donna Anna, Lars Tappert als Don Ottavio und Benedikt Lutz als eifersüchtigen Masetto – seine Zerlina ist tatsächlich nicht die Unschuld vom Lande – empfehlen sich weitere Stimmen für eine Zukunft im Musiktheater.
Weitere Vorstellungen: www.theater-heilbronn.de

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