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Case Scaglione
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Case Scaglione – Weltbürger mit Herz für Heilbronn

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Was macht Case Scaglione, wenn er nicht in Paris dirigiert? Er kehrt zurück und arbeitet mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn. Warum der US-Amerikaner die Europäer schätzt und die Deutschen als offen erlebt, Berlin aber nicht sein Ding ist.

Nicht ohne seine Cola: Diese Woche arbeitet der Dirigent Case Scaglione wieder mit dem WKO in Heilbronn.
Nicht ohne seine Cola: Diese Woche arbeitet der Dirigent Case Scaglione wieder mit dem WKO in Heilbronn.  Foto: Mario Berger

Was macht Case Scaglione, wenn er nicht in Paris dirigiert? Er tritt in Madrid, in Berlin, in Cincinnati auf, in London und anderswo. Und in Heilbronn. Zu Heilbronn pflegt der US-Amerikaner tatsächlich ein besonders herzliches Verhältnis. Das sage er jetzt nicht nur so vor der Presse, um zu gefallen. Hier haben er und seine Frau wahre „Herzensfreunde“.

„Es ist schwierig, Pariser als Freunde zu gewinnen.“ Mit dem Württembergischen Kammerorchester, dessen Chefdirigent er von 2018 bis 2024 war, versteht sich Scaglione sowieso. Das funktioniert nonverbal. In Paris als Musikdirektor des Orchestre National d’Île-de-France ist es seine siebte Saison. Man darf sich Case Scaglione als Weltbürger vorstellen – international wie der Musikkosmos –, mit Bodenhaftung. Der heute an der Komischen Oper Berlin dirigiert und morgen am Neckar entlang spaziert, in der Provinz, die der 44-Jährige als solche nicht empfindet. „Ich bin ein Heilbronner“, sagt Scaglione ungeniert, spricht von „Homecoming“.

Konkurrenz unter Dirigenten?

Eine Woche verbringt er in Heilbronn in seiner ehemaligen Wohnung, die Risto Joost übernommen hat, sein Nachfolger beim WKO. Auch der Este Joost dirigiert andere Orchester anderswo, die Zeiten, in denen der musikalische Chef ausschließlich mit einem Orchester arbeitet, sind vorbei. Konkurrenz unter Dirigenten? Nein, weist Case Scaglione von sich.

Nach der Probe mit dem WKO an diesem Dienstag lehnt sich Case Scaglione zurück und nimmt sich Zeit. Erinnert sich, wie er von New York nach Europa kam, dass er, dessen Vorfahren aus Sizilien stammen, diese Insel gar nicht kennt. Spricht vom „ekelhaften“ Stil eines Donald Trump, von Literatur, die ihm viel bedeutet. Über Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ und das Konzert für Violine und Orchester von Ludwig van Beethoven.

„Eine meiner Lieblingsinterpretinnen“

Das Programm für das WKO-Konzert am heutigen Donnerstag in der Harmonie hat er gewählt und mit Simone Lamsma eine eindrucksvolle Solistin gewonnen. Mit der niederländischen Geigerin hat Scaglione mehrmals schon international zusammengearbeitet. „Eine meiner Lieblingsinterpretinnen. Simone ist wie eine Schwester.“ 

Aber erst einmal ein wenig freiplaudern. Wie ist der Frühling in Paris? Es ist erstaunlich früh warm geworden wie überhaupt der Winter in Paris sehr mild war. Ganz anders als in Berlin vor Jahren, seiner ersten Station in Deutschland. „Berlin war nicht mein Ding, nicht nur im Winter.“ Obwohl Case Scaglione die Stadt als Welthauptstadt der Musik bezeichnet. Welthauptstadt? Ohne Frage. Unter den zahlreichen Berliner Spitzen-Orchestern nennt Scaglione die Berliner Philharmoniker das „beste Orchester der Welt“.

Wenn er den Schriftzug ICE liest, wird er nervös

Was nun Franzosen und Deutsche unterscheidet? „Der Konservativismus in Frankreich ist viel stärker als in Deutschland.“ Allerdings erlebt er, der mit dem Zug angereist ist und vom TGV schwärmt, die Deutsche Bahn als Katastrophe. „Wenn ich beim Umsteigen den Schriftzug ICE lese, werde ich nervös.“ Davon abgesehen schätzt er die Offenheit der Deutschen. „Sie sind freundlicher als Franzosen.“

1982 in Houston/Texas geboren, leitet Case Scaglione von 2018 bis 2024 das Württembergische Kammerorchester Heilbronn und ist seit der Saison 2019/20 zudem Musikdirektor des Orchestre National d’Île-de France. Seine Karriere beginnt Scaglione einst als Associate Conductor der New York Philharmonic und als Musikdirektor des Young Musicians Foundation Debut Orchestra in Los Angeles. Als Gastdirigent tritt er international auf, in Europa, den USA und in Asien. Mit seiner Frau lebt Case Scaglione in Paris. 

Nun hat jeder Dirigent seine individuelle Handschrift. Hat sich der Flow der WKO-Musiker unter Risto Joost verändert? Nein, sagt Case Scaglione, der nicht, wie er es nennt, dualistisch denkt, also in Gegensätzen. „Es ist komplexer. Ich bin ein Fan von Risto.“ Doch sei die Seelenverwandtschaft zum WKO noch da, wenn er mit den Musikern arbeitet. „Weil man gemeinsam zum Kern kommt.“ Apropos Kern, gerade liest der Amerikaner Goethes „Faust“, auf Deutsch. Auch beim „Faust“ geht es um des „Pudels Kern“, weiß der Literaturfreund Scaglione, der einmal im Jahr „Ulysses“ von James Joyce liest und Beethovens Musik mit der Mehrdeutigkeit Shakespeares vergleicht.

Was Scaglione am WKO liebt, ist ihr Feuer

„Die Musiker des WKO sprechen so fließend die Sprache Beethovens. Was ich an diesem Orchester liebe, ist ihr Feuer.“ Was Scaglione wiederum an Beethoven liebt, ist, wie der Komponist die Noten „organisiert“. Um zu verstehen, warum er so großartig ist, empfiehlt Scaglione ein Video, in dem Leonard Bernstein Beethoven erklärt. Für die Tiefgründigkeit Beethovens, „ohne spektakulär“ zu sein, kann sich Case Scaglione begeistern. Dann kommt er auf Arnold Schönberg zu sprechen, dessen „Verklärte Nacht“ wie Wagner und Strauss klingt. Ein Rückblick, sagt er, atypisch für den Komponisten der Zwölftonmusik.

Ob sich der US-Amerikaner Scaglione in Europa mitunter rechtfertigen muss? Im Gegenteil, erlebt er doch die Europäer als „sehr großzügig“, die zu trennen wüssten zwischen der Administration Trump und US-Bürgern. Trumps Gebaren vergleicht Scaglione mit einem Molotowcocktail – und ist entsetzt über dessen Verachtung der Demokratie. „Was kommt, wenn er weg ist?“, fragt sich Case Scaglione. „Trump hat kein politisches Vermächtnis.“

Konzert in Heilbronn

Donnerstag, 19. 30 Uhr, Harmonie. Tickets bei den Geschäftsstellen unserer Zeitung, www.wko-heilbronn.de, unter 07131 2710956 und an der Abendkasse.

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