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Interview
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Weil Genie auch weiblich ist

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Die international gefragte Cellistin Raphaela Gromes entdeckt verdrängte Komponistinnen und tritt in Heilbronn gleich drei Mal auf: Wie Musik und Gesellschaftspolitik zusammengehören und warum das Cello das schönste Instrument ist.

„Das Cello ist nun einmal das schönste aller Instrumente“: Raphaela Gromes gastiert weltweit – und engagiert sich für das Werk vergessener Komponistinnen.
„Das Cello ist nun einmal das schönste aller Instrumente“: Raphaela Gromes gastiert weltweit – und engagiert sich für das Werk vergessener Komponistinnen.  Foto: Gregor Hohenberg

Mit Verve engagiert sich die Cellistin Raphaela Gromes für die Wiederentdeckung vergessener Komponistinnen. Mit der Doppel-CD „Femmes“ und dem 2025 erschienenen Buch „Fortissima“ und einer Doppel-CD gleichen Titels macht Gromes deren Musik greifbar. Noch vor ihren Konzerten mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn nächsten Mittwoch spricht sie diesen Sonntag im Literaturhaus zum Thema. Warum es ein Umdenken braucht und das Cello das schönste Instrument ist, erzählt Gromes im Interview.

Sie sind eine international gefragte Musikerin, also alles bestens in Ihrer Branche? Schließlich heißt es die Musik und nicht der, wie die „Süddeutsche Zeitung“ in einem Artikel über Ihr Projekt ins Schwärmen geriet.

Raphaela Gromes: Ob alles bestens ist? Ich finde, wir sollten uns einsetzen, dass es noch besser wird, aber im Grunde habe ich das Gefühl, viele sind aufgeschlossen, neugierig, bereit etwas zu ändern. Das sieht man ja daran, wie viele Komponistinnen jetzt entdeckt und aufgeführt werden und wie viele Intendanten auch solche Programme machen. Tendenziell ist es so, dass wir uns in der klassischen Musik natürlich sehr an der Musik aus vergangenen Jahrhunderten orientieren.

An Barock, Klassik und Romantik.

Gromes: In diesen Zeiten war nicht alles bestens. Frauen hatten es ungleich schwerer, zu komponieren und wahrgenommen zu werden und wurden dann schnell vergessen.

Wenn die Rede auf Komponistinnen kommt, fallen mir gerade mal Clara Schumann und Adriana Hölszky ein.

Gromes: Es ist nicht leicht, zu erklären, wie das sein kann. Weil die Frauenmusikbewegung in den 70er Jahren schon ihr Bestes getan hat, Hunderte von Komponistinnen in die Öffentlichkeit zu bringen. Dieses Wissen gibt es seit mehr als 50 Jahren. Es ist nur nicht angekommen in der Standardliteratur, dem Repertoire, das regelmäßig aufgeführt wird, in den Köpfen. Es sind jahrhundertealte Strukturen, die in der klassischen Musik wirken.

Strukturen zu ändern, das dauert.

Gromes: Auch die aufführenden Musikerinnen und Musiker müssen nachlegen und das Material spielen.

Wer sind diese vergessenen Komponistinnen, um einige zu nennen?

Gromes: Eine der bekanntesten ist die Britin Ethel Smyth. Sie war nicht nur eine fantastische Komponistin und so erfolgreich, dass sie als erste Frau überhaupt an der berühmten Met in New York aufgeführt wurde, nämlich 1903 mit ihrer Oper „Der Wald“. Sie war auch Suffragette und kämpfte für Frauenrechte.

Keine Selbstverständlichkeit.

Gromes: Oft haben diese Frauen für sich allein gekämpft und für ihre Musik, etwa Emilie Mayer in Berlin. Während Smyth auf die Straße ging und dafür im Gefängnis landete. Da gibt es jene legendäre Szene, als Smyth mit der Zahnbürste an die Gitterstäbe geklopft hat, um den Rhythmus vorzugeben, damit alle Insassinnen die Revolutionsmusik „The March of the Women“ singen.

Ihre Lieblingskomponistin?

Gromes: Eine ist sicher Luise Adolpha Le Beau aus Rastatt, sie hat in München bei Rheinberger studiert und ist ganz vielen Widerständen begegnet, wie andere auch. Es galt, dass Genie nur männlich sein kann und die Frau das reproduzierende Geschlecht ist. Die Frau kann Pianistin sein oder Sängerin, wird es aber nicht schaffen, selber kompositorisch etwas zu leisten. Le Beau hat die vorurteilsbehafteten Männer derart begeistert, dass sogar in der Presse zu lesen war: „Le Beau komponiert wie ein ganzer Mann.“

Das war das größte Kompliment.

Gromes: Le Beau hat es nicht dabei belassen und gesagt: Es liegt nicht an den Frauen, dass sie nicht komponieren können. Sie hat eine Schule gegründet, an denen Mädchen nicht nur Klavier lernen konnten, sondern auch Theorieunterricht, Kontrapunkt und all die Grundlagen des Komponierens.

Zurück zu Ihrem Musikerinnenleben. Sie kennen das Business. Gibt es internationale Unterschiede, was die Weiblichkeit der Musik hinsichtlich des Repertoires betrifft?

„Cello ist doch auch irgendwie ein Hochleistungssport.“

Gromes: Laut Statistiken liegt Deutschland relativ weit hinten. Die letzte internationale Studie, sie dürfte fünf Jahre alt sein, ergab im Vergleich, dass weltweit sieben Prozent aller aufgeführten Werke von Frauen stammen. In Deutschland sind es zwei Prozent.

Hoppla, zwei Prozent.

Gromes: Wie gesagt, es findet ein Umdenken statt. Es ist auch nicht einfach, sich diese wenig bekannten Werke anzuschauen, weil sie nicht gut verlegt sind, das Notenmaterial sehr unübersichtlich ist, es keine guten Referenzaufnahmen gibt. Es kostet ungleich mehr Zeit, als wenn man ein Repertoirestück spielt, das man schon hundertmal gehört hat.

Geboren 1991 in München, erhielt Raphaela Gromes mit vier Jahren ersten Cellounterricht und Klavierunterricht bei ihrer Mutter. Als Jungstudentin studierte sie an der Musikhochschule Leipzig, nach dem Abitur Studium an der Musikhochschule München und in Wien. Sie konzertiert mit namhaften Orchestern, gastiert bei großen Festivals, unternimmt Tourneen in Europa, den USA, Südamerika, Südkorea, im Nahen Osten und in China. Raphaela Gromes lebt in Feldafing. 

Sie sind musikalisch vorbelastet. Beide Eltern waren Cellisten. Frau Gromes, Sie hätten aber sicher auch ein zierlicheres Streichinstrument spielen können als das Cello.

Gromes: Ja, aber das Cello ist nun einmal das schönste aller Instrumente, das habe ich bereits als Kind gemerkt und mich in den warmen Klang verliebt. Das Cello kommt der menschlichen Stimme so nah in seiner Bandbreite des emotionalen Ausdrucks. Was man alles auf dem Cello erzählen kann...!

Ihr Cellospiel ist betont körperlich, wenn man sieht, wie Sie Arm- und Rückenmuskulatur einsetzen.

Gromes: Es ist körperlich, und es ist sehr anstrengend. Es gibt da ein paar Sorgenpunkte, auf die man achten muss. Dass man zum Beispiel die rechte Schulter nicht überlastet oder den linken Nackenbereich. Ich habe früh gelernt, dass ich ins Fitnessstudio gehen muss.

Regelmäßig?

Gromes: Alle zwei Tage, wenn ich zu Hause bin. Für unterwegs habe ich mein Repertoire an Übungen. Vor Kurzem habe ich für Youtube übrigens ein Musikvideo zum Cellokonzert von Maria Herz gedreht, wo ich in Nahaufnahme zeige, welche Muskeln im Rücken-, Hals- und Nackenbereich alles mitspielen. Cello ist doch auch irgendwie ein Hochleistungssport.

Letzte Frage: Violoncello oder Cello. Was ist korrekt?

Gromes: Beides. Es gibt keinen Unterschied. Das ist wie Violine oder Geige.

Das WKO-Konzert am Mittwoch, 28. Januar, um 19.30 Uhr in der Harmonie steht am Ende eines Veranstaltungsreigens mit der Cellistin Raphaela Gromes. Dabei tritt sie als Solistin auf und leitet das Württembergische Kammerorchester Heilbronn neben Konzertmeister Ingo De Haas. Das Konzert mit dem Titel „Femmes“ widmet sich schwerpunktmäßig den Komponistinnen Emilie Mayer und Marie Jaëll, zudem stehen Saint-Saëns erstes Cellokonzert und Bizets Sinfonie in C-Dur auf dem Programm. Diese zwei Werke erklingen auch beim Lunch-Konzert am gleichen Tag um 12 Uhr, leider keines der beiden Komponistinnen.Am Sonntag, 25. Januar, um 18 Uhr findet in Kooperation mit dem Literaturhaus Heilbronn dort ein Gespräch mit WKO-Intendantin Katrin Kirsch und Raphaela Gromes statt. Thema ist Gromes‘ im Herbst erschienenes Buch „Fortissima! Verdrängte Komponistinnen und wie sie meinen Blick auf die Welt verändern“, in dem sie mit Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka Lebensgeschichten vergessener Komponistinnen nachzeichnet. 

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