Josef Hader, 1962 in Waldhausen im Strudengau geboren, Kabarettist, Schauspieler, Autor und Filmregisseur, ist einem breiten Publikum bekannt als der scheiternde Held Privatdetektiv Brenner in den Verfilmungen der Romane von Wolf Haas. Für seine Rolle als Stefan Zweig im Film „Vor der Morgenröte“ (2016) wurde er für den Europäischen Filmpreis und den Österreichischen Filmpreis nominiert. 2020 erhielt er den Österreichischen Filmpreis in der Kategorie Beste männliche Nebenrolle für seine Rolle in „Nevrland“. 2025 wurde Hader für seine Rolle in „Andrea lässt sich scheiden“ mit dem Ernst-Lubitsch-Preis für die beste komödiantische Leistung geehrt. Hader, Vater zweier Söhne, ist mit der Schauspielerin Pia Hierzegger liiert und lebt in Wien.
Weil das Böse so harmlos daherkommt
Schwarzhumorig und trefflich politisch unkorrekt: Wie ein Abend mit Josef Hader in der Harmonie Heilbronn zum schaurig schönen Blick in den Abgrund gerät.

Wie die Bewohner des Weinviertels einen Wiener aufnehmen? „Herr Hader, Hauptsache keine Türken.“
Hier im Norden Niederösterreichs, wo Tschechien und die Slowakei nicht weit sind, sind die Rollen schlicht verteilt. 90 Prozent FPÖ-Wähler, der Rest Kommunisten, die noch nicht wissen, dass die Sowjetunion untergegangen ist. Hierhin ist Josef Hader gezogen, die Kunstfigur, nicht der Kabarettist und Autor. Dass der wiederum, der echte Hader, wirkt, als sei er der Bühnen-Hader oder umgekehrt, macht Haders Auftritte so selbstverständlich teuflisch gut. Denn eigentlich ist gar nichts gut und legt der Mann mit seinem melancholischen Zynismus frei, dass das Gute und das Böse näher beieinander liegen, als uns lieb sein kann.
Aufs Land, um der Hektik der Stadt zu entkommen
„Hader on Ice“ heißt das Programm, mit dem er im Maybach-Saal der Harmonie Heilbronn gut 350 Fans beglückt und das er seit 2021 spielt. 17 Jahre Zeit genommen hatte sich Josef Hader für diese Show, diesen aberwitzen Blick in den Abgrund nach den Programmen „Hader privat“ und „Hader kann weg“. Die Geschichte ist nun die, dass Hader einen wohlhabenden Künstler gibt, der aus Wien in besagtes Weinviertel geflüchtet ist. Ins real existierende Mistelbach, um der Hektik und dem Konsum der Stadt zu entkommen.
In einem barocken Vierkanthof hat er Zeit, seine Biografie zu schreiben, vielleicht ein Kochbuch „Rund um den Gardasee mit langkettigen Kalorien“. Dazu Gartenarbeit und die Kraftquelle Natur. Toskana Österreichs wird diese Region genannt – „genauso überschätzt“. Soweit das Setting, in dem die Figur Hader trotz Wohlstand in Abgeschiedenheit den Absurditäten des Lebens nicht entkommt.
Tagesablauf eines Alkoholikers
Der Mann wird älter, ist einsam und verlassen und eitel genug, der scheinheilige Bildungsbürger zu sein, den er zu kritisieren meint. Schwarzhumorige Satire, bitterböse, bitterernst und dabei saukomisch, wie der Performer Josef Hader, der als Schauspieler nicht nur in den Verfilmungen der Brenner-Krimis von Wolf Haas brilliert hat, im Laufe des Abends seine kaputte Figur immer kaputter werden lässt. Und den nach außen streng getakteten Tagesablauf eines Alkoholikers zelebriert – und nebenbei unsere Gesellschaft segmentiert, souverän subtil und hinterhältig.
Haders Sprache, bildhaft mäandernd und dann wieder unverschämt direkt, sowie Timing sind hinreißend. Das Bühnenbild ist minimal, roter, abgenutzter Barhocker, Minibar aus Bambus, der Rum aus der Karibik ist handverlesen und CO²-neutral nach Österreich geschippert worden.
Der Mensch an sich und junge Frauen
In diesem Nichts der ewigen Rübenäcker, der Dörfer, versenkt in den Tälern mit den winzigen Menschen und ihren hohen Stimmen, großen Hunden und Kindern mit riesigen Wasserköpfen, die immer in Autos rennen, hier, so erzählt es Josef Hader, brütet der Künstler über Klimawandel, Flüchtlingskrise, Pazifismus, den Menschen an sich und junge Frauen, die sich auf ältere Männer einlassen, weil sie nicht rechnen können.
Dass sich die Welt im Kleinen spiegelt, zeigt ja schon der Bettler aus Lagos vor dem Supermarkt. Einen Euro für Jimmy, der Tag ist gerettet, so funktioniert moderner Ablasshandel. Irgendwann wird Josef den Schwarzen als Diener einstellen und kommen ihm die Nickpocs in den Sinn. Jene Nick persons of colour, an die sich die katholisch Sozialisierten erinnern, die als Kind einen Groschen in die Figur werfen durften, die neben der Weihnachtskrippe kauerte. Auf dass sie dankbar mit dem Kopf nickte.
„Das war jetzt Schmäh“, grinst Josef Hader
Wenn es zu arg wird, bremst Hader. „Das war jetzt Schmäh“, sagt er, „Fake News“, und grinst irre. Das alles ist politisch unkorrekt und zynisch und bringt uns in den Zwiespalt, darüber zu lachen, worüber es nichts zu lachen gibt. Flott im Internet unterwegs in Sachen Verschwörungstheorien, beschreibt Josef, als wäre es ein Splatter-Märchen, eisige Winter mit erfrorenen Tieren, die der Wind durch die Lüfte treibt, und hat auch eine Erklärung parat für die heißen Sommer. Die Pflanzen wollen die Herrschaft über den Planeten zurück. „Die sind alle miteinander unterirdisch verbunden über ihre Wurzeln. Weltweit.“
Aber nicht nur die Pflanzen haben einen Plan. Sicher auch der Wolf Rudel, den Hader halluziniert und der sprechen kann und uns ans Herz wächst, wie dem Bühnen-Hader, der ihn vermisst.
Vielleicht wird nicht alles gut, aber einiges, wenn Mensch und Wolf eine Männer-WG gründen. Warum der unschuldige, mal hinterfotzige, mal verzweifelte Blick des Josef Hader (peinlich) berührt? Weil das Horrende so harmlos daherkommt und Hader es so spielerisch konsequent vorführt bis zum virtuos verfremdeten „Over the Rainbow“ am Piano. Enthusiastischer Applaus für einen, der nach zwei Stunden erschöpft sein dürfte wie das Publikum.

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