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Freilichtspiele Schwäbisch Hall
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Was machst du, wenn dir eine Stunde Leben bleibt?

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Philipp Moschitz inszeniert „Jedermann“ zum 100. Jubiläum der Freilichtspiele Schwäbisch Hall. Ein Gespräch mit dem Regisseur, der die Verführung liebt und sich zum „Team Teufel“ zählt.

Wer entscheidet, was gut ist und was böse? Philipp Moschitz bei der nächtlichen Lichtprobe in Hall.
Wer entscheidet, was gut ist und was böse? Philipp Moschitz bei der nächtlichen Lichtprobe in Hall.  Foto: Ufuk Arslan

Die Hauptprobe Dienstagabend läuft gut. Morgens kurz nach 3 Uhr ist auch die Lichtprobe vorbei und gibt Philipp Moschitz per Mail Bescheid, dass es klappt mit dem Gespräch zur anvisierten Zeit am späten Vormittag. Philipp Moschitz führt im Jubiläumsjahr der Freilichtspiele Schwäbisch Hall die Regie von „Jedermann“, dem Spiel vom Sterben des reichen Mannes von Hugo von Hofmannsthal – und zeigt das Stück als zirzensisches und sehr musikalisches Spektakel auf der Großen Treppe vor St. Michael. Wo Halls Freilichttradition vor 100 Jahren mit eben diesem Stück begann.

Nach wenigen Stunden Schlaf ist Moschitz zwei Tage vor der Premiere „tiefenentspannt“, wie er sagt. 40 Jahre jung ist der Mann, beschäftigt man sich in dem Alter mit dem Tod? „In letzter Zeit ja.“ Moschitz ist, bevor er mit der Arbeit in Hall begonnen hat, den Jakobsweg gegangen. Als Trauerbewältigung. Zwei enge Freundinnen hat er kurz hintereinander verloren. Der Jakobsweg verhilft ihm zur inneren Einkehr in Vorbereitung auf den „Jedermann“.

„Nehmt Diversität ernst und freut euch darüber“

„Ich bin Workaholik, ja. Aber es gibt auch andere Dinge, die wichtig sind im Leben.“ Da trifft die mittelalterliche Moritat des „Jedermann“ einen Nerv unserer Zeit. „Ich lade in meiner Inszenierung ein, auf den Text zu hören und hinzusehen. Er betrifft uns alle.“ Hugo von Hofmannsthal stellt die große Frage nach dem Lebenssinn und nach ethischer Verantwortung. „Da können wir uns alle an die Nase fassen“, appelliert der Wahlmünchner an die Mitmenschlichkeit. „Bleibt beieinander, respektiert einander, nehmt Diversität ernst und freut euch darüber.“ Doch ist das nicht die Antwort auf die Frage, was uns Hofmannsthals moral-katholisches Stück heute noch sagen mag mit seinem problematischen Ende: eine Blitzläuterung, die flugs in die Erlösung führt. Philipp Moschitz wählt ein anderes, ein offenes Ende. „Weil wir nicht wissen, wie es nach dem Tod weitergeht“, sagt Moschitz, der sich einen bekennenden Hedonisten nennt.

1985 in Osnabrück geboren, studiert Philipp Moschitz an der Theaterakademie August Everding in München, wo der Schauspieler und Regisseur heute lebt. 2017 erhielt Moschitz für seine Regiearbeit „Das Abschiedsdinner“ den Monica-Bleibtreu-Preis. Freilichtfreunde aus der Region erinnern sich an seine Rolle als Trickbetrüger Frank in „Catch me if you can“ 2017 bei den Burgfestspielen Jagsthausen und an Auftritte und Regiearbeiten in Hall. 

Philipp Moschitz inszeniert in großen, überzeichneten, stilisierten Bildern, die der Zuschauer im Kopf  weiter denken soll. „Ich mag es, tradierte Stoffe zu dekonstruieren, um sie wieder zusammenzusetzen und auf ihre Relevanz 2025 zu prüfen.“ Wo die Relevanz liegt? „Wir alle haben das Gefühl, die Zeit fliegt. Und spüren diesen enormen Druck. Wem rennen wir hinterher? Wem müssen wir was beweisen?“ Im Stück begegnet der Tod Jedermann, der auch Jedefrau sein könnte. Die kardinale Frage – was machst du, wenn dir eine Stunde bleibt – betrifft alle.

Nach dem Vorbild spätmittelalterlicher Mysterienspiele und anderer dramatischer Bearbeitungen aus der frühen Neuzeit treten im „Jedermann“ auch Gott und der Teufel, auf, der Mammon, der Glaube und andere abstrakte Begriffe als allegorische Figuren. Der wohlhabende Jedermann wird aus heiterem Himmel mit dem Ende konfrontiert.

Wieviel Verantwortung trägt einer, der viel Geld in der Hand hält?

Weder sein treuer Knecht noch Freunde, nicht seine Geliebte und auch nicht sein Geld wollen ihn ins Grab begleiten. Bei Hofmannstahl bringen Jedermanns Werke und der Glauben ihn dazu, sich zum Christentum zu bekennen. Nicht in der Bearbeitung von Philipp Moschitz, der den Stoff weg vom katholischen Glauben hin zum humanistischen Verständnis denkt.

„Tobias Licht, unser Jedermann, ist ein charmanter, lebensfroher Mensch. Er argumentiert klug, setzt sich aber in einer Kaltschnäuzigkeit über Menschen hinweg.“ Wieviel Verantwortung einer trägt, der viel Geld in der Hand hält, ist eine brandaktuelle Frage und fliegt dem Jedermann vor die Füße.

Es gibt keinen Gott

Wer entscheidet, was gut ist und was böse? In Moschitz’ Inszenierung gibt es keinen Gott, ist der Teufel keiner, der tobt und schreit und der Glaube einer, der manipuliert. Wie Schiedsrichter beim Tennis sitzen Teufel und Glaube auf Stühlen. „Jedes Mal, wenn Jedermann irgendwas tut, entscheidet eine Kraft, die wir nicht sehen, dass es einen Punkt gibt für den Teufel. Also für die Hölle, fürs Hedonistische, das Verführen. Und wenn er brav im göttlichen Sinne reagiert, gibt es einen Punkt für den Glauben.“ Schlussendlich wird der Punktestand ad absurdum geführt und steht es 666 zu 1 für den Teufel und dessen Team. „Ich bin Team Teufel“, räumt Philipp Moschitz ein.

Mehr Regisseur oder Schauspieler? Philipp Moschitz ist beides, ab Oktober steht er als Frank N. Furter in der „Rocky Horror Picture Show“ im Landestheater Tirol in Innsbruck auf der Bühne. 2026 inszeniert er „Die Fledermaus“ in Kassel und in Ingolstadt „Die Zauberflöte“. „Ich brauche beide Perspektiven, um eine Geschichte zu erzählen.“

Ersetzt Künstliche Intelligenz seinen Job in naher Zukunft? „Ich glaube nicht, dass der Spieler, der zu wahren Emotionen fähig ist, von KI ersetzt werden kann. Das Live-Erlebnis ist unsterblich.“

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