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Weltmusik-Quintett Kolsimcha als Gast

Was für ein Finale! - HSO bezaubert mit „Magie des Orients“

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Rimski-Korsakows „Scheherazade“ und zeitgenössische Klezmer standen zum Saisonabschluss auf dem Programm des Heilbronner Sinfonie Orchesters. Dirigent, Musiker und Publikum erlebten einen Abend, der wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird.

HSO-Konzertmeister Gustavo Surgik spielte die Solovioline in Rimski-Korsakows „Scheherazade“.
HSO-Konzertmeister Gustavo Surgik spielte die Solovioline in Rimski-Korsakows „Scheherazade“.  Foto: Christiana Kunz

Donnerwetter. Was für ein Finale! Wenn sogar der Dirigent ein derart breites Grinsen im Gesicht hat, dann kann es wohl nicht besser laufen. Und in der Tat, was in der zweiten Konzerthälfte am Sonntag beim Heilbronner Sinfonie Orchester auf der Bühne abgeht, wird dem Mann am Pult, Alois Seidlmeier, den Musikern, aber auch dem Publikum wohl noch lange in Erinnerung bleiben.

Ehe es vor der Sommerpause im Juli noch beim Klassik-Open-Air und bei seinem traditionellen Konzert unter freiem Himmel im Deutschhof zu erleben ist, beendet das HSO seine Spielzeit in der Heilbronner Harmonie mit einem Abend, der unter dem Titel „Magie des Orients“ steht. Auf den Ursprung der europäischen Faszination für den Orient – nämlich die Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“ - verweist gleich das erste Werk auf dem Programm: Nikolai Rimski-Korsakows „Scheherazade“.

Scheherazade erzählt von „Tausendundeiner Nacht“

1888 uraufgeführt, ist die sinfonische Suite mit ihrem üppigen Orchesterklang und spätromantischen Farbenreichtum die wohl populärste Komposition des Russen. Etwas unentschlossen zwischen absoluter Musik und Programmmusik, hat Rimski-Korsakow (1844-1908) die Solovioline als roten Faden ausgelegt durch die vier Sätze: Wer will, kann in ihr die Tochter des Wesirs, Scheherazade, erkennen, die ihre Hinrichtung immer weiter hinauszögert, indem sie den frauenmordenden Sultan Schahriar Nacht für Nacht mit Geschichten unterhält, die abbrechen, wenn es am spannendsten ist.

Konzertmeister Gustavo Surgik gibt die bezaubernde Erzählerin, die um ihr Leben fabuliert. Tief empfunden und technisch brilliant, interpretiert der brasilianische Violinist die sich geschmeidig dahin windenden Arabesken. Dieser lieblichen Stimme halten wuchtige Streicher und Bläser wiederholt das düstere Thema des Sultans entgegen. Fein umgesetzt sind ebenso die übrigen Soli, die Rimski-Korsakow geschrieben hat für Cello, Oboe, Horn, Klarinette und Flöte. Dynamisch wie rhythmisch flexibel spielt sich das Orchester unter Seidlmeiers Leitung durch den burlesken zweiten und die zarte Liebesszene im dritten Satz, bekommt dabei die raschen Stimmungswechsel des Werkes sicher zu packen. Besonders gefordert während des dramatischen Höhepunkts ist die Trompete, die ihren Part in hohem Tempo abliefert, begleitet von viel Tschingderassabum.

Noch enger als ohnehin schon geht es nach der Pause auf der Bühne weiter, nachdem der Flügel hereingeschoben und die Stimmgruppen teils umgesetzt wurden. Kolsimcha – was sich mit „Stimme der Freude“ übersetzen lässt - nennen sich die fünf Herren, die im Zusammenspiel mit dem HSO den zweiten Teil des Konzerts zum Ereignis werden lassen. Gänsehautmomente inklusive. 1986 in der Schweiz als Duo für Hochzeitsmusik gegründet und bald zum Quintett angewachsen, gilt die Band heute als eine der führenden Formationen in Sachen zeitgenössische Klezmer. Kolsimcha, das sind Michael Heitzler an der Klarinette, Pirmin Grehl an der Flöte, Olivier Truan am Klavier, Veit Hübner am Kontrabass und Christoph Staudenmann am Schlagzeug.

Mischten mediterrane und orientalische Einflüsse mit Elementen aus Klassik und Jazz sowie osteuropäischen Traditionen: die fünfköpfige Band Kolsimcha.
Mischten mediterrane und orientalische Einflüsse mit Elementen aus Klassik und Jazz sowie osteuropäischen Traditionen: die fünfköpfige Band Kolsimcha.  Foto: Christoph Feil

„Heilbronn, wir sind beeindruckt“: Mit Kolsimcha geht nach der Pause die Post ab

„Ihr seid ja wahnsinnig gut drauf“, begrüßt Olivier Truan das Publikum nach einem fulminanten Einstieg mit der „Dance Suite“ aus seiner Ballettmusik „Tewje“. Standing Ovations mitten im Konzert? Hat er so auch noch nicht erlebt, bekennt wenig später der Pianist und Komponist, aus dessen Feder alle Stücke der zweiten Programmhälfte stammen. Unglaublich wendungsreiche Kompositionen sind das, voller Schwermut, aber auch Witz, die mediterrane und orientalische Einflüsse mit Elementen aus Klassik und Jazz sowie osteuropäischen Traditionen vermengen.

Auskomponierte Passagen wechseln ab mit improvisierten Soli. Das HSO und Kolsimcha so beisammenzuhalten, damit alles wie aus einem Guss klingt: Diese schwierige Aufgabe meistert Alois Seidlmeier grandios. „Ich hätte die Nerven nicht und möchte nicht mit ihm tauschen“, sagt ein augenzwinkernder Olivier Truan. Die gemeinsame Darbietung entwickelt einen solch mitreißenden Drive, dass man sich am liebsten unterhaken und mittanzen möchte.

Wie Michael Heitzlers Klarinette herzzerreißend klagt in „Noah“, Flötist Pirmin Grehl in irrer Geschwindigkeit durch „A bout de souffle“ hechelt, sich beide dann umschmeicheln beim „Pas de Deux“ und Veit Hübner am Kontrabass „Games“ mit einem bluesigen Solo anreichert, ist große Klasse. Da recken selbst die Kollegen vom HSO neugierig die Köpfe. Das Publikum ist aus dem Häuschen, erklatscht sich zwei Zugaben. „Wir sind beeindruckt“, bedankt Truan. Bis zum nächsten Mal?

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