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Premiere Theater Heilbronn
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Was das Leben trotz alledem lebenswert macht

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Monolog mit einem Schauspieler: Wie das Stück „All das Schöne“ im Salon 3 des Heilbronner Theaters das ernste Thema Depression humorvoll verhandeln möchte.

Eine Liste voller Zettel jener Dinge, die das Leben lebenswert machen, auch wenn man mitunter verzweifeln möchte: Chris Carsten Rohmann spielt den Monolog „All das Schöne“, Nicole Buhr führt Regie im Salon 3 des Stadttheaters.
Eine Liste voller Zettel jener Dinge, die das Leben lebenswert machen, auch wenn man mitunter verzweifeln möchte: Chris Carsten Rohmann spielt den Monolog „All das Schöne“, Nicole Buhr führt Regie im Salon 3 des Stadttheaters.  Foto: Mario Berger

Wie reagiert ein Kind auf den Suizidversuch der Mutter? Wenn es der Vater von der Schule abholt und ins Krankenhaus bringt, wo die Mutter liegt. Weil sie vor lauter Traurigkeit nicht mehr weiß, wofür es sich zu leben lohnt.

Der britische Dramatiker Duncan Macmillian und Comedian Jonny Donahoe haben über das ernste Thema Depression einen so lebensbejahenden wie komischen Monolog geschrieben. Seit seiner Uraufführung 2013 ein europaweit viel gespieltes Stück, erzählt „All das Schöne“ aus der Sicht des Sohnes von diesem Trauma und wie damit umzugehen ist. Im Salon 3 des Heilbronner Theaters ist der Monolog nun mit Chris Carsten Rohmann zu sehen in der Regie von Nicole Buhr.

Es wird nicht alles gut

Der Kern der Handlung: Um die lebensmüde Mutter zu überzeugen, beginnt der Junge im Alter von sieben Jahren, eine Liste zu schreiben mit all den Dingen, die das Leben so wunderbar machen. Für ihn stehen Eiscreme und länger Aufbleiben und Fernsehen ganz oben. 314 Punkte hat er notiert, als die Mutter wieder nach Hause kommt und die All-das-Schöne-Liste liest, wie der Sohn an den korrigierten Rechtschreibfehlern erkennt. Doch es wird nicht alles wieder gut.

Ein paar Jahre liegt die Liste in einem Karton, hin und wieder fügt der heranwachsende Erzähler weitere Dinge hinzu, als er mit dem Studium beginnt, sich verliebt. Jahre später ist es dann „das Gefühl von Ruhe nach der Erkenntnis, dass es, obwohl man in der Patsche steckt, nichts gibt, was man dagegen ausrichten kann“. Die Liste wächst mit der Zeit, wird siebenstellig: eine Million Dinge, für die es sich zu leben lohnt, auch wenn man am Leben mitunter verzweifeln möchte.

„Stück und Rolle sind nah an mir dran“

Chris Carsten Rohmann kennt das Gefühl. Er hat sein Gleichgewicht gefunden zwischen dem, was einen am Leben verzweifeln lässt, und dem, was es einzigartig schön macht. „Das Stück und die Rolle sind nah an mir dran. Meine Mutter ist depressiv, mein Vater schizophren.“ Wie schwer fällt es dem Schauspieler, so offen darüber zu sprechen? Früher hat er sich dafür geschämt. Mittlerweile nicht mehr, „es war ein weiter Weg“. Als Kind war Rohmann der Vermittler innerhalb der Familie. Heute, mit 31 Jahren, will er das nicht mehr sein.

Das Stück „All das Schöne“ diskutiert auch den sogenannten Werther-Effekt. Der Begriff bezeichnet die Annahme, dass ein kausaler Zusammenhang besteht zwischen Suiziden, über die die Medien ausführlich berichten, und einem Anstieg der Selbstmordrate in der Bevölkerung. Der Begriff geht zurück auf die zahlreichen Nachahmer nach der Veröffentlichung von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ (1774). Im Salon 3 liegt Infomaterial zum Thema aus vom Arbeitskreis Leben Heilbronn (AKL) und der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention.

„Wenn man früh mit psychischen Krankheiten konfrontiert wird, dann kann man den Raum lesen und Menschen.“ Für seinen Beruf ist das von Vorteil. Nicht, dass er die Ausbildung zum Schauspieler damals als Therapie betrachtet hat. Aber seinen sowieso wachen Blick auf Rollen, auf Widersprüche, auf das Leben an sich, dürfte es weiter geschärft haben. „Das Stück geht gut mit dem Thema um“, sagt Chris Carsten Rohmann. „Es darf nicht privat werden, nur persönlich“, fügt er hinzu.

Der namenlose Erzähler ist eine Figur, die das Publikum zum Komplizen macht, im besten Fall so, dass nach der Vorstellung jeder über seine Liste alles Schönen nachdenkt. Diese Komplizenschaft entsteht, indem es im Grunde keine Bühne gibt. Der ganze Raum wird bespielt und der Salon 3 mit seinen 88 Plätzen Bühne. Ein Kunstgriff, den die Stückautoren vorgeben. Wie Nicole Buhr anfangs überhaupt dachte, für „All das Schöne“ brauche es gar keine Regie. „Da steht schon so viel drin.“ Im Laufe der Proben, haben sie und das kleine Produktionsteam dann wohl an ihrer eigenen Adaption für den Salon gearbeitet.

Kinder funktionieren in Familienkonflikten

Für den Schauspieler fällt der „Schutzraum“ Bühne weg bei seinem 70-minütigen 360-Grad-Monolog. „Auf jeden Fall“, bestätigt Rohmann. „Das ist aber auch die Chance, den Raum noch besser zu lesen.“ Wie die jüngere Generation mit dem Tabuthema Depression umgeht? Bewusster, meinen er und die Regisseurin. „Es hat sich viel getan“, sagt Nicole Buhr. Ganz unabhängig davon: „Kinder funktionieren überraschend gut in Familienkonflikten.“ Diese Konflikte sehen Kinder ganz pur, „sind sich zum Glück aber über die Tragweite nicht bewusst“.

Der Schlüssel im Stück wie im Leben ist: darüber reden. Das macht „All das Schöne“ so zuversichtlich anrührend. Und ja, auch komisch. Der Erzähler entwickelt Dimensionen des traumatischen Themas als Rückblende, „da kann man manches humorvoller sehen“. Die Figur im Stück braucht Publikum, „und auch ich als Schauspieler, um die Geschichte zu erzählen“. Jeder im Raum sieht jeden, das schafft Spannung und auch Vertrautheit.     

„All das Schöne“

Von Duncan Macmillian/Jonny Donahoe

Premiere: Samstag, 20 Uhr, Salon 3

Regie: Nicole Buhr

Mit Chris Carsten Rohmann

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