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Tübinger Poetik-Dozentur

Warum Übergänge oft nicht so erfreulich sind

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Jenny Erpenbeck eröffnet die Tübinger Poetik-Dozentur mit einer Lesung in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall - und stellt Wendepunkte vor quer durch ihr Werk.

„Und jetzt komme ich zur Politik“, dabei sind ihre Texte eigentlich immer irgendwie politisch: Jenny Erpenbeck liest in der Kunsthalle Würth zum Auftakt der Tübinger Poetik-Dozentur 2025.
„Und jetzt komme ich zur Politik“, dabei sind ihre Texte eigentlich immer irgendwie politisch: Jenny Erpenbeck liest in der Kunsthalle Würth zum Auftakt der Tübinger Poetik-Dozentur 2025.  Foto: Ufuk Arslan

„Hier bin ich.“ Jenny Erpenbeck blickt auffordernd ins Publikum. Für die Begrüßungsworte an diesem Vormittag hat sie sich bedankt und für diese schöne Art von Poetik-Dozentur, zu der sie, die Schriftstellerin aus Berlin, sich Kollegen einladen durfte. Die Lesung in der Kunsthalle Würth am Sonntag gestaltet Erpenbeck alleine, die Tübinger Poetik-Dozentur dann in dieser Woche bestreiten neben ihr Autor Peter Wawerzinek und das Fotografenpaar Ute und Werner Mahler. Unter dem Schlagwort Alltagsleben in der DDR lassen sich die Vorlesungen in Tübingen verorten. Auch die Texte, die Erpenbeck nun in Schwäbisch Hall präsentiert, kreisen um das Thema.

Seit 1996 wird die Tübinger Poetik-Dozentur von der Stiftung Würth am Deutschen Seminar der Universität Tübingen ausgerichtet, die Lesung in der Kunsthalle bildet den traditionellen Auftakt.

Eine simple biografische Lesart bietet sich nicht an

Erpenbecks Werk ist aus dem Bewusstsein ihrer Biografie geboren, eine simple biografische Lesart bietet sich jedoch nicht an. 22 Jahre alt war sie, als die Mauer fiel und die DDR verschwand. „Die Freiheit war ja nicht geschenkt“, wird Erpenbeck gern zitiert. „Sie hatte einen Preis, und der Preis war mein gesamtes bisheriges Leben.“ Davon erzählt Erpenbeck seit ihrem Debüt „Geschichte vom alten Kind“ 1999.

Manche sehen Erpenbeck als eine Anwärterin für den Nobelpreis, eine literarische Stimme aus Deutschland, die in über 30 Sprachen übersetzt ist und nach zahlreichen Auszeichnungen 2024 den britischen International  Booker Prize erhält für ihren Roman „Kairos“. „Kairos“ (2021) erzählt vom Untergang der DDR, von der Wendezeit und dem Verschwinden eines Staates entlang des ungleichen Paares Katharina, 19 Jahre, und einem 53-jährigen, verheirateten Mann und ihrer toxischen Beziehung. Aus eben diesem Erfolgsroman wird sie nicht lesen, das hat sie so oft getan. „Ich wollte etwas anderes machen“, hebt Jenny Erpenbeck an, mit ihrem aufforderndem Blick.

Über Übergänge wird sie sprechen. Und die sind oft „nicht so erfreulich“. Mit dem kurzen Text „Zeit“, ursprünglich eine Rede, beginnt sie und verhandelt den Umstand, dass die Zeit die Macht hat, uns nicht nur von anderen zu trennen, sondern auch von uns selbst. Die deutsche Formel „Gnade der späten Geburt“ fällt und die Frage, was von einer Biografie übrig geblieben ist. Die zieht sich wie eine Richtschnur durch ihr Werk: aus dem Vergessen, aus dem Menschen kommen, etwas lesbar machen.

Wenn es nichts mehr gibt als die Erinnerung

Dazu passen dann zwei Passagen aus „Gehen, ging, gegangen“ (2015), die wieder Übergänge markieren: die Emeritierung des Altphilologen Richard und was dieser Übergang in die Bedeutungslosigkeit für ihn bedeutet. Und wie er in einer Flüchtlingsunterkunft Avad kennenlernt, der von der Bootsfahrt nach Italien berichtet. „Ich weiß nicht mehr, wer ich bin“, sagt Avad.

Jenny Erpenbeck, 1967 in Ost-Berlin geboren, studierte Theaterwissenschaften, war Regieassistentin und Regisseurin. Seit 1999 freie Autorin, ausgezeichnet unter anderem mit dem Independent Foreign Fiction Prize, Thomas-Mann-Preis und dem International Booker Prize. Ihre Mutter ist die Arabistin Doris Kilias, der Vater der Physiker, Philosoph und Schriftsteller John Erpenbeck. Großeltern sind die Autoren Fritz Erpenbeck und Hedda Zinner.

Es folgt ein kurzes Stück aus „Heimsuchung“, der Roman aus dem Jahr 2008, in dem Erpenbeck ihre Kindheitserinnerungen bei den Großeltern in einem Haus am Scharmützelsee schildert und deutsche Geschichte quer durchs 20. Jahrhunderts. Flucht und Vertreibung, Exil und Identität. Und wie es ist, wenn es nichts mehr gibt als die Erinnerung. „Dinge, die verschwinden“ heißt die Sammlung 31 kurzer Texte, die meisten sind in Erpenbecks gleichnamiger Kolumne in der FAZ erschienen. Das Stück „Jugend“ reißt sie an über eine Frau und deren Selbstwahrnehmung, in der sie zwar nicht mehr aussieht wie 30 Jahre, aber auch nicht wie 70.

Der Mauerfall - zwei Mal unterschiedlich erlebt 

„Und jetzt komme ich zur Politik“, sagt Jenny Erpenbeck und relativiert, politisch, das waren die Texte eigentlich schon zuvor. Um den Mauerfall geht es sowohl in „Aller Tage Abend“ (2012) als auch in „Kairos“ – nun also liest sie doch daraus. Einmal stürzt die Volksmenge aus ihrem eigenen Land und wirft sich taumelnd in die Arme der kapitalistischen Brüder. Ein anderes Mal verbringen zwei Frauen eine gemeinsame Nacht, während zwei Häuserzeilen weiter beim Grenzübergang Bornholmer Straße die Mauer fällt. Mit einer Betrachtung über den Jahreswechsel schließt Erpenbeck den Reigen an Übergängen. Tröstlich: wie sich die Gegenwart binnen einer Sekunde in Vergangenheit verwandelt und wie wenig sich diese Sekunde doch von den anderen des Jahres unterscheidet.

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