1967 in Bad Pyrmont/Niedersachen geboren, wächst Regine Weimar in Heilbronn auf, studiert Ernährungstechnik, entdeckt die Kunst, lernt Steinbildhauerei, besucht die Malschule Malte Wiethüchter Heilbronn und sattelt ein Studium an der Freien Kunstakademie Nürtingen auf. Die Mutter zweier erwachsener Söhne lebt und arbeitet in Heilbronn. Öffnungszeiten „Essperimentell“, Inselspitze, bis 30. November: Samstag und Sonntag, 12 bis 18 Uhr. Am Donnerstag, 20. November, ist die Künstlerin von 16 bis 19 Uhr vor Ort. Eintritt frei.
Warum Kunst reifen muss wie ein guter Käse
Die Schau „Essperimentell“ auf der Inselspitze Heilbronn zeigt Objekte, Videos und Mixed Media von Regine Weimar. Und die Dynamik der Vergänglichkeit von Essbarem.

Nun ist Eat Art keine Erfindung von Regine Weimar, diese Richtung der zeitgenössischen Objektkunst, die vor allem der Schweizer Daniel Spoerri seit den 60er Jahren zu einem eigenen Genre gemacht hat. Nachdem um 1930 Vertreter des italienischen Futurismus die Cucina Futurista begründeten, die öffentliche Essen als Kunstwerk zelebrierten. Ganz zu schweigen von den Stillleben vorzugsweise im Barock mit üppigen Darstellungen von Ess- und Trinkbarem. Doch selten dürfte das Thema Essbares und Kunst so ineinanderspielen wie bei Weimar.
Welche Künstlerin war schon Aromaentwicklerin bei Knorr?
„Essperimentell“ nennt Weimar denn auch ihre Ausstellung in der Galerie auf der Inselspitze Heilbronn. Welche Künstlerin ist schon studierte Ernährungstechnikerin und war Aromaentwicklerin bei Knorr/Unilever? Kunst beschäftigt sie schon länger, inzwischen hat Regine Weimar das reglementierte Experimentierfeld der Ernährungstechnikerin eingetauscht gegen das Experimentierfeld Kunst und seine Freiheit. Experiment bedeutet immer auch Zufall, da kommt ihr die Dynamik, die Lebensmittel entwickeln, zupass. Installationen, Videos, Plastiken, Fotoarbeiten, Objekte, Bilder und was man unter Mixed Media verstehen mag, machen den Hauptraum und die dahinter liegende Empore zu einem Erlebnisparcours.
„Ich komme aus der Malerei, die ist für mich zwar nicht gestorben. Was mich aber interessiert, ist die Komplexität der Materialien und deren chemisch-physikalische Prozesse, mit den ich spielen kann.“ Ein intelligentes Spiel, sinnlich und hintersinnig ist die Schau „Essperimentell“, die überwiegend neue Arbeiten zeigt. „Harte Kost“ etwa, eine Militärweste in den Maßen 65 auf 50 und 35 Zentimeter, aus Brotscheiben genäht. Oder die filigranen Figuren aus selbstgemachtem Nudelteig auf Teppichboden. Da sitzt ein draller Bub und hält sich eine kurze Nudel über den geschürzten Mund, als wolle er testen, ob sie al dente ist.
„Qualität kommt mit der Zeit“
Auf einem langen Brett, einer Leiter und Sockeln bilden 25 Brotlaiber die Installation „Zu-Falls-Brot“, das Ergebnis einer Live-Performance zur Ausstellungseröffnung. „Qualität kommt mit der Zeit“, sagt Regine Weimar. Ob es sich um ein gutes Buch, Musik, die Brot-, Käse- oder Salamireifung handelt. Oder eben Kunst. Im April hat sie ihr Studium an der Freien Kunstschule in Nürtingen abgeschlossen – und will es jetzt noch einmal wissen, wie diese so abwechslungs- wie geistreiche Präsentation unterstreicht.
Dass die leidenschaftliche Brotbäckerin – mit Langzeitgaren – „unwahrscheinlich neugierig“ ist und mutig, ist greifbar. Mit Witz, Sinn für Raum, Proportionen und Ästhetik entstehen Arbeiten, jede für sich ein Unikat. Das im Wortsinn aromatisierte Objekt „Sonntag 12 Uhr“ verhandelt die in Deutschland verlorene Tradition des gemeinsamen, sonntäglichen Mittagessens. Wer der Aufforderung folgt und einen alten, leeren Speisekartenkasten an der Wand öffnet, fühlt sich in einen Gastraum vergangener Zeiten versetzt. Das triggert der Geruch, der aus dem Kasten strömt, eine Folge der sogenannten Maillard-Reaktion, nach dem gleichnamigen Chemiker: ein Röstaroma, das beim Bräunen von Lebensmitteln entsteht. Statt einer Speisekarte stehen die zwei Wörter Demi Glace auf schwarzem Grund, ein Verweis auf die Königin der reichhaltigen, braunen Saucen der französischen Küche.
33 Butzen verschiedener Apfelsorten für die näheren Verwandten
Apropos Küche: Die von Regine Weimar ist auch ihr Atelier, Arbeitsplatte ist „unser Küchentisch“. Dort ist auch die 26-teilige Fotoserie „so schön...“ entstanden. Verfremdete, verformte Ingwerknollen, Gemüseblätter, in- und aufeinandergestapelte Eierschalen, die auf den ersten Blick wie Laugencroissants wirken. Grandios als Idee und plastische Realisierung ist Weimars Ahnengalerie. Unter je einem Uhrenglas thronen auf kleinen, weißen Podesten 33 Apfelbutzen, gegessen, genagt und geschnitzt. Miniaturköpfe aus 33 verschiedenen Apfelsorten, die 33 Personen aus Weimars engerer Verwandschaft porträtieren: von Wilhelm, Jahrgang 1902, zu Karle, Jahrgang 1967.
Man sollte sich Zeit nehmen für „Essperimentell“, auch für die Videoarbeiten „Stillleben“, die nicht stillstehen, sondern in 11,5 Minuten Dauerschleife groteske Momente mit Makrele, Chopin, einer Kaffeetafel und mehr verdichten. Von Freitag bis Sonntag, 18 bis 23 Uhr, zeigt ein Nachtvideo die Metamorphose eines Spiegeleis: Wer auf der Höhe des Brückenkopfs von Franz Bernhard am Anfang der Gastromeile am Neckar steht, kann sie sehen.

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