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Lesersommer in Arthaus Kinos Heilbronn: Teilnehmer erleben Kinogeschichte zum Anfassen

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Vom analogen zum digitalen Kino: Mit dem Stimme-Lesersommer einen Blick werfen hinter die Kulissen des Arthaus Heilbronn und die besondere Aura erleben. Mit und ohne Popcorn. 

Schön kühl im Kinosaal, während es draußen brüllend heiß ist: Stimme-Lesersommer im Arthauskino.
Schön kühl im Kinosaal, während es draußen brüllend heiß ist: Stimme-Lesersommer im Arthauskino.  Foto: Lina Bihr

Die Zeiten, in denen ein Vorführer Filmrollen einlegt, sind längst vorbei. Der Kinoabend ist voll digitalisiert. Filmriss gibt es keinen, auch keine falsch zusammengeklebten Streifen. Wohl kann ein Rechner hängen, wie jeder Computer, oder eine Datei nicht entschlüsselt werden. Und doch entwickelt Kino noch immer diese gewisse Aura. Nicht umsonst heißen Kinos auch Filmtheater. Beim Stimme-Lesersommer lassen sich zwölf Filmfans ein auf den Zauber Kino in hochdigitalisierten Zeiten – und auf eine Reise zurück in die Technikentwicklung.

Warum die Dame mit dem Eis nicht mehr in den Saal stürmt

Gerd Hofmann, Filmfreak, Filmkritiker und Kenner der Kinoszene, gewährt in einer exklusiven Führung einen Blick hinter die Kulissen der Arthaus Kinos Heilbronn. Eine Illusionsmaschine ist das Kino geblieben, auch wenn Bild- und Tonqualität revolutioniert wurden und die Dame mit dem Eis nach der Werbung nicht mehr in den Saal stürmt. Apropos Werbung und Eis.


Um die 55 Prozent aus dem Erlös der Kinokarten gehen an den Filmverleih. Kinos also müssen, um wirtschaftlich zu sein, Werbetrailer zeigen und Popcorn verkaufen, auch wenn das Geraschel nervt.

Filme auf Festplatten, Sticks und per Standleitung via Internet

In Saal 1 im Arthaus läuft gerade kein Film, die Gruppe nimmt in der letzten Reihe Platz, in der Loge. Hofmann erklärt, warum es bei einem modernen Soundsystem allerdings ratsam ist, sich ins hintere Drittel zu setzen. Statt ganz nach hinten, wo die Beschallung weniger gut verteilt ist. Bevor es in die drei weiteren, kleineren Säle geht und schließlich ins digitale Herz, das immer noch Vorführraum heißt, führt Hofmann launig-nostalgisch zurück in die Zeit, als es Berufe gab wie Vorführer und Filmspediteur. Der in der Nacht auf Donnerstag Filmrollen abholte und neue brachte. Neustarts im Kino laufen bundesweit ab Donnerstag, daran hat sich nichts geändert. Nur, dass die Filme auf Festplatten oder USB-Sticks in einem gepufferten Köfferchen von einem Kurier geliefert werden am helllichten Tag Anfang der Woche.

Die Speicherkraft dieser Medien, die in eine Hand passen, ist enorm. Der Trend indes geht dazu, die Filme per Standleitung via Internet zu liefern, die das Kino auf seinen Server überspielt. Mittwochabend programmiert der Theaterleiter die komplette nächste Kinowoche, welcher Film um welche Uhrzeit in welchem Saal läuft. Und er gibt den Schlüssel zum jeweiligen Film frei. Dieser Schlüssel kommt per Mail.

Auf Laserprojektion umgestellt

Also keine Teller mehr, die runterfallen mit Filmrollen, die den Vorführraum fluten, auch Bildwerferraum genannt. Eng ist es hier und kühl. Vor gut einem Jahr haben die Arthauskinos auf Laserprojektion umgestellt. 4000 Watt leistet der Projektor für Saal 1, je 2000 Watt leisten die Projektoren für die kleineren Säle. In einer Ecke ist die gesamte Netzwerktechnik untergebracht, eine Satellitenschüssel auf dem Dach des Marrahauses ermöglicht Live-Übertragungen, etwa aus der New Yorker Metropolitan Opera.

Wer sich für Heilbronns Kinogeschichte – das erste wurde 1909 eröffnet – interessiert, dem empfiehlt Gerd Hofmann seine Webseite heilbronnerkinos.worldpress.com. Der einstige Mitbegründer des Kommunalen Kinos Heilbronn kuratiert inzwischen die Montags-Reihe „Arthaus Extra“. Im November zeichnete die MFG Baden-Württemberg das Kinostar Arthaus Heilbronn mit dem Spitzenpreis des Landes aus fürs beste Programm. 

An ruhigen Tagen kann es sein, dass ein einziger Mitarbeiter sich um alles kümmert: Kasse, Getränke, Saal, Säubern. Gerd Hofmann, ehemaliger Chemielaborant, hat einst selbst im Jugendfilmclub und anderswo Filme eingelegt. Auch war er Mitbegründer des Kommunalen Kinos und hat seine Schätze, Reliquien aus der Filmwelt von gestern, mitgebracht. Filmrollen, Akten, eine Trockenklebepresse, Geruchskarten, ein Gag, als man einst das Geruchskino einführen wollte. Nicht nur für Filme, auch für Werbetrailer gab es FSK-Karten mit der Altersfreigabe der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft.

Jeder Lesersommergast erhält einen Filmschnipsel zur Erinnerung. Bis in die 70er Jahre übrigens war die Kinowerbung eine Diashow, und kam der Ton von einer Schallplatte, die der Vorführer auflegte.  

Warum Kinoleinwände perforiert sind

Warum sind Leinwände im Kino perforiert? Damit der Ton aus den Boxen dahinter durchkommt. Warum ist das Licht an den Notausgängen so sehr viel heller als einst? Deutsche Behörden. Die  Leser lauschen und fragen. Technikaffine sind darunter, etwa der ehemalige Beleuchtungschef der Stuttgarter Staatsoper. Warum im Arthaus keine Blockbuster laufen? „Nicht unsere Programmschiene.“ Auf die Theorie folgt die Praxis. Die Lesersommerfreunde dürfen nun in einen Film ihrer Wahl.

Bildergalerie: www.stimme.de

Das digitale Herz des Kinos.
Das digitale Herz des Kinos.  Foto: Lina Bihr
Lesersommer im Arthauskino Heilbronn.
Lesersommer im Arthauskino Heilbronn.  Foto: Lina Bihr
Filmplakate versprechen die  große, weite Kinowelt.
Filmplakate versprechen die große, weite Kinowelt.  Foto: Lina Bihr
Die Zeit der Filmrollen ist längst vorbei, erklärt Gerd Hofmann.
Die Zeit der Filmrollen ist längst vorbei, erklärt Gerd Hofmann.  Foto: Lina Bihr
Kühl und eng: ein Vorführraum im Kino.
Kühl und eng: ein Vorführraum im Kino.  Foto: Lina Bihr
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