Wanderer zwischen den Musikgenres: Sir Karl Jenkins in Heilbronn
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Der Song „Adiemus“ brachte ihm den internationalen Durchbruch, für König Charles’ Krönung steuerte er ein Stück bei: Sir Karl Jenkins ist einer der meistgespielten zeitgenössischen Komponisten. Ein Gespräch über Weltfrieden, kulturelle Aneignung und Wales.
Am Sonntag wird Karl Jenkins Werk „One World“ mit Unterstützung der Chöre und Orchester des Heilbronner Robert-Mayer-Gymnasiums sowie weiterer Akteure in der Heilbronner Harmonie aufgeführt.
Foto: Berger, Mario
„Amerika ist praktisch eine Diktatur. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal erlebe“, sagt Karl Jenkins, einer der meistgespielten zeitgenössischen Komponisten. Auch sonst macht sich der 81-Jährige keine Illusionen, dass die Dinge auf der Welt gerade schlecht stehen mit den Kriegen in der Ukraine und im Gaza-Streifen. Dennoch ermuntert der Waliser, der 2015 von Prinzessin Anne zum Ritter geschlagen wurde und sich Sir nennen darf: „Man darf die Hoffnung nie aufgeben“ – auf einen friedlichen Planeten, auf eine vereinte Menschheit. Wie sie Jenkins als musikalische Vision formuliert in seinen Werken „One World“, „The Peacemakers“ oder „The Armed Man: A Mass for Peace“.
Vor gut einer Stunde sind Jenkins und seine Frau Carol Barratt an diesem Freitag in Heilbronn angekommen, nachdem der Flieger aus London etwa 30 Minuten Verspätung hatte. Zwischen Mittagessen und Eintrag ins Goldene Buch der Stadt nimmt sich der Komponist Zeit für ein Gespräch. Am Sonntag wird er die Aufführung von „One World“ in der Harmonie besuchen, ein Schulprojekt des Robert-Mayer-Gymnasiums unter Mitwirkung weiterer Gruppen und Akteure. Am Montag reist das Paar schon wieder ab.
Eintrag ins Goldene Buch der Stadt
Auf Einladung des Robert-Mayer-Gymnasiums ist der walisische Komponist und Musiker Sir Karl Jenkins derzeit in Heilbronn. Am Freitag trug er sich ins Goldene Buch der Stadt ein. „Ihr Werk ist ein musikalisches Plädoyer für Menschlichkeit, Frieden und Verständigung – sie berührt, weil sie verbindet“, würdigte Oberbürgermeister Harry Mergel den 81-Jährigen.
Karl Jenkins Weg führte vom Jazzrock über die Werbung zur Klassik
Was an diesem Wochenende sonst noch auf dem Programm steht? Vielleicht, so Jenkins, schaffen sie es am Samstag ins Stuttgarter Porsche-Museum, ehe er anschließend die Proben fürs Konzert besuchen wird. Nicht um zu kritisieren, wie der bescheiden auftretende Künstler mit dem weißen Wuschelkopf und Schnäuzer betont. Spätestens Mittwoch dann werden er und seine Familie von London aus aufbrechen in den Urlaub nach Italien.
Eingefädelt hat Jenkins’ Besuch Steffen Utech vom Robert-Mayer-Gymnasium. Wie der Lehrer und Dirigent erklärt, sang er 2023 im World Choir for Peace mit bei der Uraufführung von „One World“ in Linz und lernte so dessen Schöpfer kennen. Über das neue Ensemble der damaligen Chorsängerinnen und -sänger Konekto und dessen Leiter Alexander Koller kam dann der entscheidende Kontakt zustande.
1944 in Penclawdd geboren, brachte Jenkins’ Vater ihm früh das Klavierspielen bei, später kamen Oboe und Saxofon hinzu. Nach dem Studium an der Royal Academy of Music in London war Karl Jenkins Mitbegründer der Rock-Jazz-Gruppe Nucleus, die beim Montreux-Jazz-Festival 1970 den ersten Preis abräumte, später schloss er sich der einflussreichen Band Soft Machine an. In den Achtzigern und Neunzigern schrieb der Komponist für Werbung und Fernsehen. „Die Produktionsstandards waren hoch, das hatte nichts Billiges.“
Auf 3000 Aufführungen soll es die Friedensmesse „The Armed Man“ gebracht haben
Seinen Durchbruch erlebte er 1995 mit dem Musikprojekt Adiemus und dem gleichnamigen Song, der durch einen Werbefilm für die US-Fluglinie Delta Airlines bekannt wurde. Karl Jenkins’ Friedensmesse „The Armed Man“ soll seit 2000 ganze 3000 Mal aufgeführt worden sein. Wie er sich diese Popularität erklärt? „Ich denke, es liegt an der Musik und der Botschaft.“
Dass ihm die Anerkennung der Klassikszene teilweise versagt worden ist, bestätigt der Wanderer zwischen den Genres Jazz, Rock und Klassik. „Aber das ändert sich gerade ein bisschen“, erzählt Jenkins und fügt hinzu, dass ihm nun mehr Aufmerksamkeit zuteil wird von Klassiksendern. „Hochnäsige Kritiker hassen mich, aber die Leute mögen mich, auch die Musiker und Orchester“, so der Tonsetzer, der 2023 für die Krönung von König Charles ein Stück beisteuerte.
Der Wunsch des Komponisten: Seine Musik möge aus einem Guss klingen
Nicht nur sind Jenkins und seine Frau Carol Barrat privat ein Paar, die beiden arbeiten auch zusammen. „Ich denke nicht, dass zwei Menschen ein Musikstück schreiben können.“ Darum vollziehen der Komponist und die Librettistin eine strikte Trennung: Von ihm kommt die Musik, von ihr der Text. Dass Jenkins in seinen Partituren Einflüsse aus verschiedenen Kulturen und Religionen verarbeitet, scheint für ihn selbstverständlich. „Manche Menschen sind der Ansicht, das ist kulturelle Aneignung, wenn man sich Dinge aus verschiedenen Kulturen borgt, aber das haben Komponisten doch schon immer gemacht.“ Die Hauptsache für ihn ist, dass seine Musik aus einem Guss klingt, „nicht nach ein bisschen hiervon und davon.“
Wann sich der Weltmusiker als Waliser fühlt? „Wenn die walisische Rugby-Nationalmannschaft gewinnt“, sagt Karl Jenkins, der mit 20 Jahren seinem Geburtsland den Rücken gekehrt hat, „aber das Team ist nicht sehr gut.“ Nach 20 verlorenen Partien gab es erst vor kurzem mal einen Sieg gegen Japan.
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