Roberto Simanowski, Jahrgang 1963, Literatur- und Medienwissenschaftler, Gründer des Online-Journals für digitale Kunst und Kultur „Dichtung-Digital“, lebt nach Lehrtätigkeiten an Universitäten im In- und Ausland als Publizist in Berlin und Rio de Janeiro und ist Distinguished Fellow am Excellence-Cluster „Temporal Communities“ der FU Berlin. Sein „Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz“ erhielt den Tractatus-Preis für philosophische Essayistik 2020.
Von der (Um)erziehung durch KI
Die Macht der Sprachmaschinen und der ahnungslose Rezipient: Eine Robert-Mayer-Lecture im Science Dome Heilbronn mit dem Medienwissenschaftler Roberto Simanowski - und was das Ganze so politisch brisant macht.

Der Mensch schafft sich ab, ist eine von KI-Kritikern in Aussicht gestellte Dystopie. Die es in sich hat, blickt man auf die Entwicklung von ChatGPT und anderen Sprachmaschinen. Zumindest schafft der Mensch seine Kernkompetenz Sprache ab und seine Souveränität der Kommunikation. Die Auslagerung des Schreibens an die KI als Aufgabe der eigenen Kultur?
Seit OpenAI Ende 2022 sein ChatGPT für die Öffentlichkeit freigegeben hat, übernehmen auch andere Chatbots für viele die menschliche Kommunikation. Aber wer trainiert mit welchem Material die Sprachmodelle, die dahinter stecken? Hier wird es politisch und brisant.
Von der Antike zur Gegenwart
„Wir Medienwissenschaftler sind skepisch“, sagt Roberto Simanowski. Gottlob, möchte man ihm zurufen. Simanowski, von Haus aus Literaturwissenschaftler, bringt seinen im Herbst bei C.H. Beck erschienenen Sachbuch-Bestseller „Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz“ bei der jüngsten Robert-Mayer-Lecture im Science Dome Heilbronn in knapp einer Stunde auf den Punkt. Indem er seine Kernaussagen verhandelt, unterhaltsam und in freier Rede eine beunruhigende Zukunft skizziert. Und dabei wegweisende Denker von der Antike bis zur Gegenwart zitiert.
Auch Platon, Hegel, Hannah Arendt, Giorgio Agamben, nicht zu vergessen Marshall McLuhan, der Pate der Medienwissenschaften, haben sich mit dem auseinandergesetzt, was den Menschen ausmacht. Die Kommunikation, das Gespräch, was ohne eine Sprache nicht funktioniert.
Ein Geist mit amerikanischem Akzent
Simanowski lässt sich weder auf die heilsversprechenden Erwartungen der Tech-Optimisten ein noch auf Angstszenarien. Als Medienphilosoph und Internetexperte untersucht der 63-Jährige Sprachmaschinen als Umschlagplatz von Werten. „The Medium is the message“ – das Medium ist die Botschaft –, so formulierte es der Kanadier McLuhan 1964. Heute diskutieren Medienwissenschaftler unter dem Begriff „The Ghost in the Machine has an American Accent“ eine andere Entwicklung. Die USA, Marktführer bei KI, ist derzeit weltgrößter Exporteur von Weltsichten.
Die Einflusssphären sind längst definiert. Und die Zeit vorbei, in der es beim Nutzen von Suchmaschinen Umwege und Eingebungen gab. Der Suchvorgang mit Sprachmaschinen funktioniert anders. Die Folgen dieses Souveränitätstransfers, wie Simanowski unseren Verlust von Fähigkeiten nennt, sind subtil und immens, wenn Maschinen uns die Welt erklären. Und sei es, dass sie uns sagen, wir sehen heute schlecht aus oder mit wem wir wohin in Urlaub fahren sollen.
Wir entmündigen uns und lassen uns entmündigen
Wir entmündigen uns, wenn wir unsere kulturellen Fähigkeiten an KI abgeben. Ist De-Skilling, so der Fachbegriff, gottgegeben? Wäre wachsames, selbstständiges Denken nicht eine Möglichkeit? Der „ahnungslose Rezipient“, er interessiert den Medienwissenschaftler, hat Simanowski zu Beginn kokettiert. „Keep thinking“ mag man sich als Plädoyer nach der Lecture mitnehmen, was offensichtlich schwer fällt.
Die kulturstiftende Wirkung von Medien steht außer Frage, erinnert Simanowski etwa an das Aufkommen der Fotografie, zitiert den Begründer der Filmsoziologie Sigfried Kracauer, den Mediensoziologen Jean Baudrillard. Kommt vom Philosophen Giorgio Agamben und dessen Diktum, der Mensch delegiere die Wunder der Welt an die Kameras, zu einer Gegenwart, in der wir die Welt an Social Media delegieren.
Roberto Simanowski surft durch die Ideengeschichte. Vom dreifachen Identitätsverlust spricht er, dass KI intentionslos, non-human und wie gesagt amerikanisch ist, und vom vierfachen Souveränitätsverlust: geopolitisch, epistemisch, das heißt erkenntnisorientiert, kognitiv und interaktiv.
Wer schützt den Bürger vor dem Überwachungskapitalismus?
Damit einhergehen das Phänomen des stochastischen Papageis, der wiederholt, ohne zu wissen was, sogenanntes Deep Learning und die Manipulation durch Sprachmaschinen. Es klingt nach (Um)erziehung durch KI. Numerische Wahrheit versus normativer Wahrheit, wer gewinnt?
Man darf Simanowski klassenkämpferisch verstehen, wenn er mit Hegels Herr-Knecht-Dialektik argumentiert und dem Schutz des Bürgers vor dem Überwachungskapitalismus. Der Gedanke, dass wir Opfer unserer Erfindungen werden, ist nicht neu. Umso relevanter wird, was Simanowski nicht bloß Medienkompetenz nennt – sondern Medienreflexionskompetenz.

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