Stimme+
Zu Gast in der Reihe „Autor im Gespräch“ mit Wolfgang Niess

Von der Skizze zum Gemälde: Christoph Nußbaumeder liest aus „Die Unverhofften“

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

„Das Herz von allem“, der nächste Roman von Christoph Nußbaumeder, steht schon in den Startlöchern. Für die wohl letzte Lesung aus seinem Erstling „Die Unverhofften“ war der Autor und Dramatiker nun zu Gast im Salon 3 des Theaters Heilbronn. Dieses zeigt aktuell auch sein Stück „Eisenstein“.

Autor Christoph Nußbaumeder, dessen Stück „Eisenstein“ gerade im Theater Heilbronn gespielt wird, sprach mit Moderator Wolfgang Niess im Salon 3.
Autor Christoph Nußbaumeder, dessen Stück „Eisenstein“ gerade im Theater Heilbronn gespielt wird, sprach mit Moderator Wolfgang Niess im Salon 3.  Foto: Helmut Melchert

Literatur entsteht mitunter auf profanere Weise, als mancher Leser wahrhaben will. Warum Christoph Nußbaumeder seinen Roman „Die Unverhofften“ geschrieben hat? „Ich muss ja Geld verdienen“, lacht der Autor. Möchte das dann aber nicht so stehen lassen im Talk mit Moderator Wolfgang Niess.

„Ich habe ja schon die Skizze, was ist, wenn ich daraus ein Gemälde mache?“, dachte Nußbaumeder damals an sein Theaterstück „Eisenstein“, das Vorlage ist für „Die Unverhofften“ und im April Premiere hatte im Großen Haus des Heilbronner Theaters. „Mach mehr draus“, ist der preisgekrönte Dramatiker auch dem Rat seines Umfelds gefolgt. Zumal er mehr Stoff recherchiert hatte, als er unterbekommen konnte im Bühnenepos, das die Schicksale der Familien Schatzschneider und Hufnagel erzählt von 1945 bis 2008.

Christoph Nußbaumeder: „Ich muss mir das selbst alles nochmal vorholen“

Noch bis Ende Juli wird „Eisenstein“ gespielt, flankierend dazu hat das Theater am Dienstag seine Reihe „Autor im Gespräch“ wiederaufleben lassen im Salon 3 in Kooperation mit Literaturhaus und Stadtbibliothek Heilbronn. Für Nußbaumeder ist es wohl die letzte Lesung aus „Die Unverhofften“. Denn für Mitte August hat der Rowohlt Verlag seinen neue Roman angekündigt. „Das Herz von allem“ basiert auf keinem Theaterstück, erklärt Nußbaumeder. „Es ist eine Parabel über die USA. Mehr will ich nicht verraten.“

Bereits 2020 ist „Die Unverhofften“ im Suhrkamp Verlag erschienen, entsprechend abgegriffen scheint das Exemplar, das Nußbaumeder dabei hat. Und das er wohl schon länger nicht mehr in der Hand hatte. „Ich muss mir das selbst alles nochmal vorholen“, grübelt der Autor mehrmals. Und beharrt dagegen im Gespräch mit Wolfgang Niess darauf, dass etwas anders im Buch stehe, als von Niess behauptet.

Schließlich verhandelt „Die Unverhofften“ auch eine komplexe Geschichte, die für Nußbaumeder eine Überschreibung von „Eisenstein“ ist. Zur realen Gemeinde Eisenstein im niederbayerischen Landkreis Regen, unmittelbar an der Grenze zu Tschechien gelegen, hatte er zuvor übrigens keinen Bezug. Wenngleich Nußbaumeder in Niederbayern aufgewachsen ist – zwar nicht in Eggenfelden, wie oft behauptet wird, dafür im Nachbarlandkreis. „Der gilt als zivilisierter“, frotzelt der 47-Jährige, der heute in Berlin lebt.

Kommunisten-Sohn wird Kapitalist: Der Treppenwitz an der Sache

Als Mischung aus „plot driven“ und „character driven“, also handlungsgetrieben und charakterorientiert, beschreibt Christoph Nußbaumeder seinen Roman. Zwar habe er durch „Eisenstein“ schon einen roten Faden gehabt. „Ich wollte mir aber alles offenhalten, damit immer noch Abwege passieren können.“ Und so sind „Die Unverhofften“ eine Aufstiegs- und Abstiegsgeschichte zugleich geworden, in der aus Lügen Unwahrheiten, Halbwahrheiten, Täuschungen folgen, die teilweise tödlich enden.

Erna Schatzschneider flieht 1945 aus Böhmen vor der Roten Armee, verbringt unterwegs eine Nacht mit dem entflohenen KZ-Häftling und Kommunisten Andreas Küster, wird schwanger. In Eisenstein auf dem Hufnagelhof, wo ihr Onkel arbeitet, kommt Erna unter und lastet dem verheirateten Besitzer Josef Sohn Georg an.

Offiziell aber heiratet Erna Josefs Bruder Vinzenz, der in der SS war, und stammt Georg von Ernas gefallenem Verlobten. „Sie lügt ihn an, er lügt die Gesellschaft an“, bringt Nußbaumeder das Verhältnis zwischen Erna und Josef auf den Punkt. Dass sich Kommunisten-Sohn Georg im Hufnagelschen Sägewerk emporarbeitet und zum Kapitalisten wird, ist für den Autor der Treppenwitz an der Sache.

Nach oben  Nach oben