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Literaturhaus Heilbronn

Von der panischen Angst, wahnsinnig zu werden

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Träumer, Trinker, Tagelöhner oder warum nur der Teufel alleine reist: Leon Engler stellt im Literaturhaus Heilbronn sein fulminantes Romandebüt „Botanik des Wahnsinns“ vor.

„Wenn man nicht weiß, wohin, bucht man sich ein Ticket nach Wien“. Leon Engler, Autor und Psychologe, rockt die Matinee und Lesung im Literaturhaus Heilbronn.
„Wenn man nicht weiß, wohin, bucht man sich ein Ticket nach Wien“. Leon Engler, Autor und Psychologe, rockt die Matinee und Lesung im Literaturhaus Heilbronn.  Foto: Martina Kreet

Nichts gegen Wasser. Aber gegen Wasserglas-Lesungen hat Leon Engler etwas. Fast schon hat er Angst vor diesen trockenen Veranstaltungen, sagt er, bei denen die Anordnung denkbar nüchtern ist. Autor, Tisch, Buch, Wasserglas. Und da er Musiker werden wollte, zuerst, bevor er zu schreiben begonnen hat, beginnt es rhythmisch elektronisch und hantiert  Engler an einem Mini-Keyboard und einem Looper. Die etwas andere Einleitung zu einer Matinee, die nachgerade szenisch gerät im bis auf die Fensterbank besetzten Literaturhaus.

Die fließenden Grenzen zwischen Wahnsinn und Normalität

„Botanik des Wahnsinns“ heißt Englers viel gelobter Debütroman, erschienen im Herbst bei DuMont, eine Familiengeschichte über drei Generationen, ein Psychiatrieroman, ein Entwicklungs-, wenn man so will auch ein Schelmenroman über ein ernstes Thema. Den Wahnsinn. Besser, die fließenden Grenzen zwischen Wahnsinn und Normalität. Leon Engler lässt seinen Ich-Erzähler, der aus einer Dynastie von Träumern, Trinkern und Tagelöhnern kommt, zurückblicken und begreifen versuchen, was Großeltern und Eltern umgetrieben hat.

Allesamt sind sie verrückt

Allesamt waren und sind sie verrückt. Die Großmutter bipolar, zwölf Suizidversuche, der Großvater Dauergast in Steinhof, dem Psychiatrischen Krankenhaus von Wien, die Mutter Alkoholikerin, der Vater depressiv. Dass den Sohn die Panik packt, bei diesem Stammbaum des Wahnsinns selbst verrückt zu werden, ist nachvollziehbar, wenn man sich wie der Ich-Erzähler die Vererbungslehre vor Augen führt. 

Leon Engler, 1989 in Osterzell/Ostallgäu geboren, wächst in München auf und zieht mit 19 nach New York. In Wien und Paris studiert er Theaterwissenschaften sowie Kulturwissenschaft in Berlin. Zudem schließt er ein Studium der Psychologie ab und ist Psychotherapeut in Ausbildung. Er schreibt Theaterstücke, die zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen werden. „Botanik des Wahnsinns“ (2025) ist sein erster Roman. 

Leon Engler liest, lässt seine Helden, tragische Figuren, für die man sofort Sympathie entwickelt, plastisch werden. Eine Art innerer Film läuft ab beim Zuhören. Derzeit lässt sich Engler, der unter anderem Psychologie studiert hat, zum Psychotherapeuten ausbilden, Schwerpunkt Tiefenpsychologie. Dass er aber auch integrativ denkt, betont Engler, der die Spezialisierung seines Faches kritisch sieht wie die Psychiatrie überhaupt. Das mag ein Grund gewesen sein, diese Geschichte zu erzählen – sie sich vom Leib zu schreiben. Die biografischen Bezüge drängend sich augenscheinlich auf. 38 Prozent, Leon Engler hat nachgezählt, sind biografisch, der Rest ist fiktional.

Gewinner des Dramenwettbewerbs Science & Theater in Heilbronn

Mehrere Theaterstücke hat der Autor und Dozent für Psychologie und Literarisches Schreiben vor diesem Romanerstling veröffentlicht, Hörspiele und Kurzgeschichten und im Herbst den internationalen Dramenwettbewerb Science & Theater des Heilbronner Theaters gewonnen. Ende Juni wird „Wo die Götter kauern wie Hunde“ im Science Dome uraufgeführt, wenn das Bühnenstück nur annähernd fantastisch dicht gelingt wie „Botanik des Wahnsinns“, darf man sich freuen.

Das Setting im Roman: Bei der Zwangsräumung der Wohnung seiner Mutter landet – aufgrund einer Verwechslung – alles von Wert in der Müllverbrennung. Dem Erzähler bleiben sieben Kartons, gestapelt in einem dunklen Lagerabteil mit den Dingen, die die Mutter aussortiert hatte. Ein Anlass, sich mit der Familiengeschichte auseinanderzusetzen? Mit sezierendem, nie verletzendem Blick auf seine Figuren, mit Anteilnahme, Staunen und Humor montiert Engler Handlungsstränge und lässt sie sich kreuzen.

Die Deutschlehrerin trägt mit der Schere abgeschnittene Krawatten

Dass man als Leser den Faden verlieren kann, spielt keine Rolle, die bildstarke und beiläufig unkomplizierte Sprache Englers besticht. So eindringlich Engler liest und ausführt, so lakonisch mäandern seine Figuren durch die „Botanik des Wahnsinns“. Wie die Deutschlehrerin des Protagonisten, „der erste Mensch, von dem ich denke, dass er verrückt ist“. Sie trägt mit der Schere abgeschnittene Krawatten, liest Nietzsche und weiß, „nur der Teufel reist allein“. Oder der kranke Nachbar inmitten seiner mit Büchern zustopften Wohnung, er erdet den Erzähler im Roman. 

Reise In New York sucht Englers Alter Ego Normalität, nimmt einen Bürojob an. Zieht dann zum Studium nach Wien, gelangt zu der Erkenntnis, die Möglichkeit, zu erkranken, ist ein Grund, am Leben zu bleiben. „Ich habe versucht, das Buch als therapeutische Reise anzulegen“, sagt Leon Engler und schickt seinen Ich-Erzähler nach Palermo auf die Suche nach dem Glück und anschließend nach Berlin, das Unglück zu vermeiden.

Wer heilt hier, und wer wird geheilt?

Ob draußen oder in der geschlossenen Anstalt, dem Grand Hotel zur lockeren Schraube, ist es nicht einfach, zu unterscheiden, wer heilt und wer geheilt wird. Wie der Autor das Thema in den Griff bekommt, kenntnisreich und unterhaltsam, ist bemerkenswert. Brutal ehrlich – und tröstlich. Wie der Rat „Wenn man nicht weiß, wohin, bucht man sich ein Ticket nach Wien“.   

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