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Museum Würth Künzelsau
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Vom Zauber des Verwandelns

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Die Ausstellung „Verhüllt, verschnürt, gestapelt – Christo und Jeanne-Claude“ bietet mit 120 Arbeiten aus der Sammlung Würth einen Querschnitt durch 60 Jahre Schaffen eines außergewöhnlichen Künstlerpaares.

„Wrapped Reichstag“, Projekt für Berlin, 1993, zweiteilige Zeichnung.
„Wrapped Reichstag“, Projekt für Berlin, 1993, zweiteilige Zeichnung.  Foto: Wolfgang Volz

Es war das erste Sommermärchen, lange vor der Fußball-WM 2006: Das Bild vom eingepackten Reichstag in Berlin, das 1995 um die Welt ging. Menschen, die friedlich zusammen kommen, auf der Wiese picknicken, laue Nächte genießen. Und es war das Projekt, das Christo und Jeanne- Claude am längsten verfolgten.

1971 hatte ein Freund dem Paar eine Postkarte geschickt: „Den könnte man doch auch einmal verpacken.“ Im Februar 1994 dann entschied der Bundestag über die Verhüllung des Reichstags. Viele waren dagegen – am Ende stimmte das Parlament für die Kunst. Die aufgeladene Bedeutung des Reichstagsgebäudes, sie bekam eine andere Deutung, ganz zu schweigen von der Ästhetik.

Für das Museum Würth war die Innenverhüllung durch Christo der Durchbruch

Der medienwirksame Coup: Wenige Wochen davor im Jahr 1995 verwandelte das Künstlerpaar das Museum Würth in Künzelsau in eine begehbare Innenrauminstallation. Mit „Wrapped Floors and Stairways and Covered Windows“ verhüllten und verschnürten sie mit einer Haut aus Papier und Stoff lückenlos den Boden, die Wendeltreppe, die Decks und Verbindungsbrücken. Für das Museum Würth war die Schau vor 29 Jahren der Durchbruch wie auch für die Sammlung Würth. Aber nicht nur deswegen erinnert ab Montag das Museum an das reiche Schaffen von Christo und Jeanne-Claude.

„Verhüllt, verschnürt, gestapelt“ ist  eine bezaubernde Schau, die einen Querschnitt aus allen Werkphasen präsentiert, rund 120 Collagen, Zeichnungen, Modelle, Objekte, Fotografien und Filme aus der Sammlung Würth zum Anlass des 90. Geburtstages des Paares im kommenden Jahr. Das Kuriose bei Christo und Jeanne-Claude ist nicht nur das gemeinsame Geburtsjahr 1935, beide sind am 13. Juni geboren. Dass die Würth-Kollektion eine der größten Christo-Sammlungen umfasst, zeugt von einer engen Freundschaft.

Skizzen und Zeichnungen zeigen Christo als meisterlichen Künstler

Nun sind die monumentalen Verhüllungen im urbanen wie im ländlichen Raum das eine, Pont Neuf in Paris, die safranbespannten Gates im Central Park in New York, die „Umsäumten Inseln“ in Florida bis zum letzten realisierten Projekt, dem L’Arc de Triomphe: temporäre Installationen, die Teil unseres kollektiven Bildgedächtnisses geworden sind. Die Skizzen und Zeichnungen sowie frühe Objekte wiederum zeigen Christo als meisterlichen Künstler. Zwar firmieren beide gleichberechtigt als Autoren, sprich Ideengeber eines Projekts, die kleinen Arbeiten im Vorfeld sind Christos Werk, während Jeanne-Claude kokettierte, sie könne gerade einmal einen Stift in der Hand halten.

Christo (1935-2020) und Jeanne-Claude (1935-2009) wurden als Künstlerehepaar mit gemeinsam realisierten, spektakulären Verhüllungsprojekten bekannt. Christo, in Bulgarien geboren, schloss sich 1960 der von Pierre Restany und Yves Klein in Paris gegründeten Gruppe Nouveau Réalisme an, war aber nie offizielles Mitglied. 1965 zog er mit seiner Frau Jeanne-Claude, geboren in Casablanca, Französisch-Marokko, nach New York. Von da an nahmen ihre Verpackungsaktionen an Gebäuden und Großprojekte in Landschaftsräumen und an Industrieobjekten ihren Lauf. 

Mit den Zeichnungen finanzierten der gebürtige Bulgare und die Französin ihre Projekte. Frei und unabhängig ihre Arbeiten realisieren zu können, war ihnen wesentlich. 1965 waren sie von Paris nach New York gezogen, die Projekte von Christo und Jeanne-Claude wurden raumgreifender, fantastischer.

Die Poesie verfremdeter Alltagsgegenstände

Bereits im Paris Ende der 50er Jahre begann Christo, Alltagsgegenstände zu verfremden. Im Geiste der Nouveaux Réalistes transformierte Christo banale Dinge des Alltags und des Konsums und erfand deren eigene Poesie. Objekte wie das eingepackte Fahrrad auf einem Gepäckständer, eingepackte Straßenschilder, verhüllte Ölfässer, die an Straßenbarrikaden erinnern, sind nicht nur ein Spiel mit einfachen Materialien, sondern eine Verfremdung in der Tradition der Surrealisten. Hier wie in den Großprojekten der nächsten Jahrzehnte geht es auch um Erwartungen. Sind wir es doch gewohnt, ein Päckchen auszupacken: Was steckt dahinter?

Nichts bleibt zurück vom Zauber - außer Fotos

Das erste eingepackte Museum sollte nicht wie geplant das Whitney Museum of American Art in New York sein,  dafür die Kunsthalle Bern. Vorbei an Modellen und Zeichnungen führt der Gang durchs Museum. Eine auf den ersten Blick vielleicht nicht als von Christo identifizierte „Rote Ladenfront“ aus Holz, Plexiglas, Emailfarbe, Drahtgitter, Stoff und elektrischem Licht ist unter den Exponaten, neben Fotografien von Wolfgang Volz und Harry Shunk. Denn das zeichnet die Projekte von Christo und Jeanne- Claude aus. Dass sie für wenige Wochen einen Ort verwandeln, meist mit dem Medium Stoff, dessen Farben sich der Umgebung anpassen. Und: Dass nichts zurück bleibt vom Zauber. Außer Fotos, Zeichnungen, Modelle.

Eine Ausnahme könnte es geben. Wenn es dem Nachlassteam Christo gelingen sollte, ein Vermächtnis zu realisieren: Die Mastaba, eine riesige Skulptur in der Wüste von Abu Dhabi, gestaltet aus 440 000 farbigen Ölfässern als posthumes, dauerhaftes Denkmal. Skizzen und Pläne dazu liegen seit zwölf Jahren vor.

Ausstellungsdauer

11. November bis 25. Januar 2026,täglich 11 bis 18 Uhr, Eintritt frei.

Verhüllte Fußböden und Treppen und bedeckte Fenster: Projekt für das Museum Künzelsau, 1994.
Verhüllte Fußböden und Treppen und bedeckte Fenster: Projekt für das Museum Künzelsau, 1994.  Foto: Wolfgang Volz
„Wrapped Bicycle on Luggage Rack“, 1962.
„Wrapped Bicycle on Luggage Rack“, 1962.  Foto: Ivan Baschang
Reinhold Würth mit Christo und Jeanne-Claude im Januar 1995 während der Installation "Wrapped Floors and Stairways and Covered Windows" im Museum Würth in Künzelsau.
Reinhold Würth mit Christo und Jeanne-Claude im Januar 1995 während der Installation "Wrapped Floors and Stairways and Covered Windows" im Museum Würth in Künzelsau.  Foto: . Foto: Roland Bauer © Christo and Jeanne-Claude Foundation
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