Die Belgierin Agnès Limbos, Jahrgang 1952, gilt als Koryphäe des Objekttheaters. In Brüssel gründete sie 1984 die Compagnie Gare Central. Nach dem Studium an der Internationalen Theaterschule bei Jacques Lecoq in Paris hat Limbos in Mexiko gearbeitet. Mit ihrer Compagnie leitet sie Workshops zum Objekttheater und produziert Stücke für Kinder und Erwachsene, die weltweit eingeladen werden, nach Israel, England, Spanien, Italien, Hong Kong, Österreich, Kanada, USA, Frankreich, Portugal, Brasilien und Deutschland.
Vom Mikrokosmus Bühne zum Makrokosmos Kolonialgeschichte
Agnès Limbos, Meisterin des Objekttheaters, erzählt zum Abschluss der Imaginale im Komödienhaus Heilbronn mit „Letters from my father“ nicht nur eine Familiengeschichte aus Belgien.
Die größte Freude für Eltern? Wenn die Kinder brav sind und nicht lärmen, fleißig lernen und aufessen. So zumindest klang das im 20. Jahrhundert. Agnès Limbos, Jahrgang 1952, kennt es aus den Briefen ihres Vaters. Briefe, die vor allem aber berichten aus einer fernen Welt.
1959 war die Familie Limbos in den Kongo gezogen, damals eine belgische Kolonie. Ein Jahr später wird der Kongo unabhängig, die fünf Kinder werden zurück nach Belgien geschickt zu ihrem Onkel, der Pfarrer ist auf dem Land. Die Eltern bleiben, um „den Kongolesen zu helfen“, und auch die Kinder werden in den Briefen aufgefordert, „für die Kongolesen zu beten“.
Eine raffiniert einfache Geschichte mit den Mitteln des Material- und Puppentheaters
„Letters from my father“ mit der belgischen Grande Dame des Objekttheaters, Agnès Limbos, erzählt Kolonialgeschichte aus einer sehr persönlichen Sicht und erweitert das Private um die historische Perspektive. Eine so einfache wie raffinierte Geschichte mit den Mitteln des Puppen- und Materialtheaters zum Abschluss der Imaginale, des Theaterfestivals animierter Formen, war diese Produktion der Compagnie Gare Centrale im Komödienhaus Heilbronn Sonntagabend zu erleben, vor recht leeren Zuschauerreihen. Limbos, von ihr stammen Konzept, Text und Spiel, stellt ein Glas mit Wasser auf den Bühnenboden „next to my flowered boots“, neben ihre geblümten Stiefeln – die folgenden 75 Minuten sind überwiegend auf Englisch, mitunter mit kruden Übertitelungen.
„I’m eight years old“, erklärt Limbos die Idee des Abends, aus der Perspektive des Kindes Agnès zurückzublicken, das sehnsüchtig einmal die Woche auf den Brief des Vaters wartet, der aus Kinshasa per Luftpost kommt. Bis 1966 hieß die Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo Léopoldville. Heute ist Kinshasa mit mehr als 16 Millionen Einwohnern die größte Stadt Afrikas – und die größte frankophone Stadt der Welt. Dass aktuell im Kongo die M23-Rebellen immer weiter vordringen, ist nicht Thema, dürfte den meisten allerdings präsent sein und mitschwingen. Die Qualität des Abends: Limbos verquickt vordergründig kindlich harmlos die persönliche mit der Weltgeschichte und verhandelt scheinbar unbekümmert die Arroganz der damaligen Kolonialmacht, den katholischen Mief ihrer belgischen Heimat und die blasierte Engstirnigkeit König Baudouins und Königin Fabiolas. Beiläufig hintersinnig der Subtext, wenn Limbos eine fiktive Gutenachtrede Fabiolas an die Zöglinge eines Kinderheims für Schwererziehbare richtet. Oder sich ein Bartimitat über den Kopf stülpt und den tumb prätentiösen König karikiert, der sich empört, dass die undankbaren Untertanen Standbilder des Monarchen bewerfen und entehren.
Zwischen Kongos Unabhängigkeit und dem Schulbeginn in Belgien
Mal thront Limbos im wuchtigen, roten Lehnsessel und lässt, wie das kleine Flugzeug in ihrer Hand, die Erinnerungen in der Schwebe. Mal nennt sie konkrete Daten: Kongos Unabhängigkeitstag, den 30. Juni 1960, und den 1. September 1960, Schulbeginn in Belgien. Dann wieder verwandelt sie den Mikrokosmos Bühne in den Makrokosmos Kolonialgeschichte. Mit Objekten und Figuren in Puppenstubenformat illustriert sie unterschiedliche Orte der Handlung und Atmosphären, springt gedanklich vor und zurück, markiert in einer eindringlichen Szene, was Hospitalismus ist.
Frohe Weihnachten wünscht der Vater in einem Brief, während in Léopoldville Ausgangssperre herrscht. Limbos rezitiert ein Gedicht Victor Hugos, verschwindet kopfüber im Sitz des Sessels, taucht als gespenstisches Über-Ich wieder auf. Und gönnt sich schlussendlich einen Mojito mit Blick auf das imaginierte rauschende Meer. Dass Belgier Meister der Imagination sind, dürfte seit dem Surrealismus bekannt sein, dieser Kunst einer Wirklichkeitsverschiebung.

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