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Lesung und DJ-Event
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Voll im Moment: Schauspieler Lars Eidinger im Audi-Forum Neckarsulm

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Am Freitagabend ist der bekannte Film- und Theaterschauspieler zu Gast im Audi-Forum Neckarsulm, liest aus Bertolt Brechts Lyriksammlung „Hauspostille“ und legt anschließend als DJ auf. An das Publikum hat Lars Eidinger eine eindringliche Bitte. 

Ein eingespieltes Team: Schauspieler Lars Eidinger (rechts) sowie Musiker und
Komponist Hans-Jörn Brandenburg im Audi-Forum.
Ein eingespieltes Team: Schauspieler Lars Eidinger (rechts) sowie Musiker und Komponist Hans-Jörn Brandenburg im Audi-Forum.  Foto: Jürgen Häffner

Zwanzig Minuten steht Lars Eidinger auf der Bühne, da entschuldigt er sich. Und wendet sich mit der Bitte ans Publikum, ihn während des Auftritts doch nicht zu filmen und zu fotografieren. „Es lenkt mich kolossal ab,“ sagt der erfahrene Film- und Theaterschauspieler und zitiert in diesem Zusammenhang Schauspielkollegin Hannelore Elsner: „Das ist keine Safari.“ In wenigen Sätzen ist Eidinger am Freitagabend im Audi-Forum dann beim Stellenwert der Bühne: „Ich genieße das sehr, weil das einer der wenigen Orte ist, wo man wirklich noch im Moment sein kann. Das ist doch der Grund, warum wir uns hier versammeln. Um eine Idee davon zu kriegen, was es heißt, da zu sein.“

Eidinger hat sein Publikum fest im Blick, fordert seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Und stellt den Fokus erneut scharf: „Es ist so gehaltvoll, was hier drin steht. Ich würde mir wünschen, dass wir die Konzentration und das Augenmerk auf Inhalte lenken“, sagt er mit Blick auf Bertolt Brechts „Hauspostille“. Der Lyriksammlung, in der Abgründe des Menschlichen verhandelt werden und die Gedichte des Dramatikers aus der Zeit von 1916 bis 1925 beinhaltet.

Lars Eidinger liest und singt aus Bertolt Brechts "Hauspostille."
Lars Eidinger liest und singt aus Bertolt Brechts "Hauspostille."  Foto: Jürgen Häffner

Lyriklesungen sind so eine Sache. Sie stehen und fallen noch stärker als bei anderen Gattungen mit der Person auf der Bühne. Eidinger, erfahrener Schauspieler, hat sich eingehend mit Brechts Texten beschäftigt, hat den Dramatiker in „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ (2018) sogar schon selbst verkörpert. Brechts Gedichte strotzen, hintersinnig, vor Ironie und Zynismus, verhandeln den Tod, die Verrohung und Verkommenheit des Menschen. Und Eidinger? Ist eben Eidinger. Im zu großen Anzug verlässt er seinen Platz vor dem großen Standmikrofon bis auf wenige Ausnahmen nicht. Er nimmt sich angenehm zurück, eigene Erläuterungen gibt es nicht, wichtig sind der Text, seine Wirkung und Aussage.

Popkulturelle Referenzen und selbstironische Aussagen

Eidinger ehrt den Dramatiker vor allem mit seinem Fokus, spricht meist frei, wirft ab und an einen kurzen Blick in sein kleines Büchlein. Der 49-Jährige beginnt mit „Vom Mitmensch“ und der eindrücklichen Zeile „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch“, kommt vom „Choral vom großen Baal“ zur Ballade „Apfelböck oder die Lilie auf dem Felde“. Eidinger liest, schauspielert – und singt. Mal kraftvoll, mal mit flehender, brüchiger Stimme. Konstant bleibt die Ernsthaftigkeit und Intensität. Auf Brechts und Kurt Weills „Alabama Song“ – auch von den Doors und David Bowie aufgenommen – folgen popkulturelle Referenzen, Sias Song „Chandelier“ mit der Zeile „One, two, three; one, two, three; drink“, später die Beatles mit „The Fool On The Hill“.

An Eidingers Seite auf der Bühne, die mit einem grünen Überzug ein wenig an einen Green Screen beim Film erinnert, ist Hans-Jörn Brandenburg, der zwischen Klavier, Cembalo, Harmonium und Laptop pendelt und Eidingers Ausführungen kreativ und unterhaltsam untermalt. Eidinger, der am Nachmittag mit dem Zug nach Neckarsulm gekommen ist, kommt am Ende der knapp 90 Minuten doch noch ins Plaudern.

„Es war überraschend schön“, sagt Eidinger mit einem ihm typischen zaghaften Lächeln. „Es ist ja auch ein seltsames Vorhaben hier in einem Autohaus“, sagt der Schauspieler, ist dann direkt bei Brechts „Lob des Kommunismus“, und ergänzt selbstironisch: „Ich nehme mich da nicht raus, schließlich bekomme ich ja viel Geld für diesen Abend.“ Der endet für Eidinger mit langem Applaus vom Publikum, einer Signierstunde seines Fotobandes und als DJ an den Plattentellern im Audi-Forum. 

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