Virtuos und wahnwitzig: Konzert von Pianist Igor Levit in Weikersheim
Pianist Igor Levit ist am Montagabend zu Gast in der ausverkauften Tauberphilharmonie in Weikersheim - und spielt ein fesselndes Konzert mit Werken von Bach, Brahms und Beethoven. So lief der Auftritt von einem der Stars der jüngeren Klassikszene.

Es muss ein besonderer Konzertabend sein oder ein besonderer Künstler auf der Bühne stehen, wenn schon während der Einführung geklatscht wird. Als Johannes Mnich, Intendant der Tauberphilharmonie in Weikersheim, auf Igor Levits gesellschaftliches und politisches Engagement zu sprechen kommt, brandet im Konzertsaal kurz Applaus auf – natürlich mit Blick auf dessen entschlossenen Einsatz gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus.
Levit ist mit Johannes Mnich befreundet, die beiden kennen sich aus Studienzeiten in Hannover. Wohl deshalb steht die Tauberphilharmonie inzwischen regelmäßig auf dem Tourplan des Pianisten, der nach wie vor einer der großen Stars der jüngeren Klassikszene ist.
Eine Bandbreite an Stimmungen
Am Montagabend spielt sich Levit, der im Jahr 1987 im russischen Gorki (heute Nischni Nowgorod) geboren wurde, beim ausverkauften Abend durch die „drei großen B’s“ der Klavierwelt, wie Intendant Johannes Mnich bei seiner Einführung betont: Bach, Brahms und Beethoven.
Das Konzert beginnt mit Johann Sebastian Bachs (1865-1750) komplexer „Chromatische Fantasie & Fuge d-moll BWV 903“, die Igor Levit bereits für sein 2023 erschienenes Album „Fantasia“ eingespielt hat und durch die er auch an diesem Abend ungemein virtous steuert, den ungestümen, improvisatorisch wirkenden Charakter der Fantasie ebenso herausarbeitet wie die formale Strenge der Fuge und damit kaleidoskopartig eine Bandbreite an Stimmungen einfängt.
Weiter geht es mit Johannes Brahms (1833-1897) und den „6 Klavierstücken op. 118“, die dieser 1893 im Sommerurlaub in Bad Ischl komponierte. Und die von Levit eine große stilistische Vielfalt einfordern. Mal hat das den Charakter einer freien, präludierenden Improvisation, und wird dann von sehnsuchtsvollen Passagen abgelöst.
Standing Ovations nach zwei Stunden
Levits Körper ist am Konzertflügel dauerhaft in Bewegung, wiegt sich im Takt, durchlebt scheinbar jede Klangausmalung und jeden Tonnachhall. Nickt immer wieder mit dem Kopf, als wolle er sich selbst sagen: Ja, genau so soll das klingen. Oder stampft unterstützend mit dem Fuß auf den Boden.
Highlight ist nach der Pause Ludwig van Beethovens (1770-1827) Sinfonie Nr. 7, von Franz Liszt arrangiert für Solo-Klavier – eine wahnwitzige Orchesterimitation und -abstraktion, die von Levit hoch konzentriert – man muss es so sagen – bearbeitet wird, und zu enormer Größe anwächst. Levits Spiel ist einfühlsam, nachdenklich, dann impulsiv und eruptiv, dabei aber stets fesselnd. Nach knapp zwei Stunden gibt es Standing Ovations. Und Levit? Der bedankt sich gewohnt zurückhaltend mit gefalteten Händen und verlässt nach einer Zugabe und langem Applaus die Bühne.

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